Damn fine coffee! And hot! So soll er wenn möglich sein, so hat ihn schließlich auch schon Dale Cooper geliebt. Wenn es in Breslau an einer gewissen Sache nicht mangeln sollte, dann wohl am heißgeliebten Wachmacher, der während der Festivalzeit zum Most-Wanted-Getränk mutiert. Davon zeugen u.a. auch die leeren Pappbecher, die die Kinosäle am Ende jeder Vorstellung füllen. Selbst die von Musikfestivals bestens bekannten mobilen Bierausschenkanlagen werden hier zu Heißwasserbehältern umfunktioniert, um den zahlreichen Kinogängern in den frühen Morgenstunden nicht ihren wohlverdienten Pulverkaffee zu verwehren.
An diesem Morgen sollte es dann auch mal die Large-Variante der zahlreichen Kaffeevariationen sein, denn der dazugehörige morgendliche Filmbeitrag gehört dann eher in die Filmkategorie „extra large“: Das Regiedebüt des Südkoreaners
Jung Sung-il ist mit 197 Minuten der längste Film des Festivals und wurde außerdem noch in den festivalunmenschlichen 9:45-Uhr-Slot programmiert. Als Era New Horizons Veteran jedoch kaum überraschend, dass sich dennoch eine Heerschar wagemutiger Filmenthusiasten in das Helios 1 gewagt hat, und glücklicherweise nicht enttäuscht wurde.
Der Schlüssel zum Film findet sich vor allem in der Biographie seines Regisseurs: Mit 51 Jahren dreht
Jung Sung-il mit
Café Noir seinen Debütfilm, kann aber auf eine überaus erfolgreiche Karriere als Filmkritiker zurückblicken. In Fachkreisen gilt er als einer der einflussreichsten südkoreanischen Kritiker der letzten 20 Jahre, und war zwischen 1989 und 1999 bei den zwei wichtigsten koreanischen Filmmagazinen,
Road Show und
Kino, als Chefredakteur angestellt. Programmchef bei diversen Festivals und Professor an der koreanischen Filmakademie sind nur weitere Stationen und Beschäftigungen seines eindrucksvollen Resümees.
Bereits der Prolog ist traumhaft: Ein junges Mädchen steht inmitten einer koreanischen Fast-Food-Kette und isst extensiv an dem übergroß wirkenden Cheeseburger, der ihre beiden Hände ausfüllt. Während sie schlingt, kullern ihr Tränen über die Wangen. Die Szenerie bleibt starr – bis der Burger bewältigt ist. Danach Schnitt. Eine mehrminütige Musiksequenz, in der Seoul in einer prächtigen Montage eindrucksvoll abgelichtet wird. Es ist eine verträumte Atmosphäre, die hier in den ersten Minuten kreiert wird, und setzt somit auch den perfekten Ausganspunkt für die vielschichtige, referenzlastige, gleichzeitig aber auch sehr eigenwillige Handlung des Films. Im Mittelpunkt steht Young-Soo, ein Musiklehrer, der eine Affäre mit der Mutter einer seiner Schülerinnen unterhält. Ihr Tête-à-Tête wird zwangsläufig durch die plötzliche Rückkehr von Mee-Youns Ehemann unterbrochen.
In den kommenden 90 Minuten geht es thematisch vor allem um das Loslassen und die Unfähigkeit, seine Leidenschaft auszudrücken. Die Kameraführung ist brillant: Präzise Panoramaaufnahmen von Seoul werden mit intimen Charakteraufnahmen konterkariert, wie sie ein
Kim Ki-Duk (zu seiner besten Zeit) kaum besser hätte arrangieren können. Regisseur
Jung Sung-il geht es vor allem darum, ein bestimmtes Moment bzw. eine bestimmte Atmosphäre aufzufangen (zumeist durchtränkt von schwermütiger Melancholie). Die literarischen Referenzen zu
Dostojewski und
Goethes Die Leiden des jungen Werther sind dabei nicht beliebig, sondern spiegeln die Fragilität der Geschichte wieder, die hier erzählt wird. Die Stimmung ändert sich in der zweiten Hälfte, zu deren Beginn auch zum ersten Mal der Titel eingeblendet wird: Seoul wird hier in ein stark Noir-lastiges Schwarzweiß getränkt, immer wieder durchbrochen von farbigen Passagen. Auch hier jagt von Sequenz zu Sequenz ein Höhepunkt den anderen: ein minutenlanger Monolog, eine atmosphärische Verfolgungsjagd – es ist fast, als ob
Jung Sung-il, fast alles, was ich am Kino liebe, in zahlreichen Szenen, die wiederum zahlreiche Assoziationen hervorrufen, in einen einzigen Film komprimiert hat.
Für Cineasten und gleichermaßen auch für Kenner des koreanischen Kinos bietet
Café Noir einen fast kaum zu überblickenden Fundus an filmgeschichtlichen Referenzen. Inhaltlich und atmosphärisch zollt der Film zwei großen Namen der Nouvelle Vague,
Jean-Luc Godard und
François Truffaut, fast durchgängig Tribut. Auch hier ist das kleine Highlight wieder eine wundervolle Tanzszene, die stark an die berühmte Szene aus
Bande à part erinnert. Der Film verneigt sich auch vor modernen Vertretern des koreanischen Kinos, wie
Park Chan-wook,
Kim Ki-duk und
Bong Joon-ho, dessen
The Host – Referenz zu den größten Geniestreichen des Films zählt.
Café Noir ist ein untypischer „Kritikerfilm“, da er viel träumt, in minutenlange Musikmontagen abdriftet und sich von jeglichem narrativen Konsens bereits zu Beginn verabschiedet. Vielmehr versteht sich der Film als eine Liebesbekundung an das Kino, von einem Filmkritiker, der die Passion, die Sensibilität und die Emotion für seine Materie noch nicht verloren hat.