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In den letzten Atemzügen


© Wild Bunch DistributionGaspar Noé, Xavier Beauvois, Mike Patton – Außer Atem vom trio infernale der Festivaleröffnung des 10. Era New Horizons Filmfestivals.

mittendrin statt nur dabei: David Rams

Beim Abspann von Enter the Void schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf, vornehmlich welche, die die unbändige Natur des Schlussaktes anständig beschreiben könnten. Provokant formuliert: Gaspar Noé schießt eine große Ladung Ejakulat auf die Zuschauer – einige hätten in diesem Moment sicherlich der Suggestivkraft der Filme gedankt, um eben nicht unbedingt „alles“ auf der großen Leinwand sehen zu müssen. Dennoch, man hätte es einmal wieder besser wissen können, denn ehrlicherweise hatte ich persönlich nichts anderes vom Provokateur des modernen französischen Kinos erwartet.

Noé ist ein Grenzgänger, einer der sich traut die dreckigsten und schmutzigsten Winkel der menschlichen Existenz offen darzustellen und sich in deren Visualisierung auszutoben. Das ist auf der einen Seite provokant, auf der anderen Seite verspielt sich Noé meist schon sehr früh die Gelegenheit zu jeglicher Form von Einfühlungsvermögen oder Sympathie. Auch Protagonist Oscar in Enter the Void ist alles andere als unser typischer, sympathischer Held – Kleindealer in Tokio, Teilzeitjunkie und irgendwie eben der klassische Loser von Nebenan. Sein Schicksal ist schnell besiegelt: Bei einer Drogenrazzia wird Oscar das Leben genommen. Fortan scheint er „über“ den Dingen zu schweben, die vor allem seine verzweifelte Schwester Linda betreffen.
Während Noé in Irréversible die Kamera als Ventil zum Ausleben der handlungsrelevanten Emotionen einsetzte, geht er in Enter the Void ein Stück weiter und springt mehr oder weniger konsequent in die Ego-Perspektive - Augenblinzeln und halluzinogene Fantasieauslebung inklusive. Den ersten Wendepunkt nutzt Noé, um in die für ihn schon wohlbekannte Vogelperspektive zu wechseln - den Kamerabewegungen sind dabei fast keine Grenzen gesetzt. Carlos‘ „Verstand“ driftet immer wieder in die Vergangenheit ab. Die eingebauten Flashbacks sollen wenigstens ein wenig Identifikationspotential schaffen, was jedoch eher das Gegenteil bewirkt, denn diese konstruierten Momente entfernen den Zuschauer noch mehr von Figuren und Handlung.

Was in diesem Fall jedoch nicht ganz so prekär ins Gewicht fällt, schließlich ist Enter the Void, noch mehr als Irréversible, auf die audiovisuelle Sogwirkung der spektakulären Präsentation ausgelegt. Neonlichter so weit das Auge reicht, ekstatische Sex-Orgien im Hotel Love, halluzinogene Erfahrungen – der Zuschauer wird mehr denn je zum Voyeur und Beobachter der eigenen Sinnesmaximen. Erst dort wo der gute Geschmack aufhört, dort wo nackte Haut auf Schmuddel und Verbotenes trifft, saugt der Film einen, untermalt von ekstatischen Elektroklängen, erst so richtig auf. Und so ein bisschen ist der Film dann doch wie „the Void“ Tokio – auf den ersten Blick furchtbar anziehend, zum Schluss jedoch teilen beide Parteien, Figuren und Zuschauer, das Schicksal der Einsicht: die einen im Drogenrausch und der Verfänglichkeit des Untergangs, und die anderen im stillen Schweigen und Zulassen des Noéschen Filmuniversums. Dass der Film trotzdem genießbar ist, lässt die „Manipulation“ noch nicht einmal als Kritikpunkt gelten – eher als Eingeständnis eines „schwachen“ Zuschauers.


Für Kontrastprogramm war am Eröffnungsabend mit Xavier Beauvois‘ Des hommes et des dieux, der in Cannes mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde, ebenfalls gesorgt. Noé vs. Beauvois ist so eine wunderbare Programmansetzung, die mir das Era New Horizons dermaßen sympathisch macht: Auf der einen Seite dürften die gut betuchten Herren und geladenen Gäste mit einer gesunden Portion Spiritualität zufriedenstellend bedient worden sein, während sich das enthusiastische Filmvolk im Sog der Immoralität der ekstatischen Bildsprache hingab.
Spiritualität ist auch das tragende Element in Des Hommes et des dieux, das dann doch wenigstens eine kleine Verbindung zu Noés Film zulässt. Basierend auf einer wahren Geschichte geht es um eine Gruppe französischer Mönche in einem kleinen Kloster in Algerien, die ein vertrautes Verhältnis zur umliegenden, vornehmlich muslimischen Bevölkerung aufgebaut haben. Eines Tages wird dieser Frieden von muslimischen Extremisten bedroht, die Schrecken und Terror verbreiten. Die Mönche stehen vor der Entscheidung, das Kloster zu verlassen oder für ihren Glauben einzustehen. Des hommes et des dieux mag durchaus einer dieser „typischen“ Festivalfilme zu sein, die wegen ihrer bewegenden Geschichte und der zurückgezogenen, aber handwerklich hervorragenden Inszenierung eine Menge Preise auf internationalen Filmfestivals absahnen. Unverdient ist dies jedoch keinesfalls, denn Beauvois versteht es, die Spiritualität und den „Glauben“ der Priester eindrucksvoll aufzufangen, besonders in den kurzen Gebetsszenen, die die Handlung immer wieder kurzzeitig unterbrechen und dabei paraphrasieren. Das Ende lädt zum Reflektieren ein, da es offen lässt, wie auf die zentrale Problemstellung des Films regiert werden sollte. Des hommes et des dieux ist ein intelligenter, langsamer, und dennoch zutiefst bewegender humanitärer Film.

Bevor in Breslau der Regen so richtig wüten durfte, hatte Mike Patton noch einmal traumhaftes, schwülwarmes Sommerwetter zu seinem spektakulären Konzert auf einer kleinen Breslauer Insel bestellt. Das Open-Air-Konzert hielt nicht nur, was es versprach, sondern gehörte wohl zu einer der besten Leistungen des musikalischen Maestros, wenn man den Meinungen in den Weiten des Internets so Glauben schenken darf. Ich hatte jedenfalls bei Deep, Deep Down, Storia D’amore und dem gewaltigen Urlo Negro des öfteren ebenso gewaltige Gänsehaut. Kleine Unmutsbekundungen gab's hingegen nur gegenüber dem Einlasser des abgetrennten Konzertbereichs: Der durfte ungefähr im Sekundentakt zum Besten geben, dass Bier (selbst im eigentlich konzerttauglichen Plastikbecher) auf dem Konzertgelände unerwünscht sei. So scharte er beim Konzert sein eigenes Publikum um sich, das seinen Enthusiasmus dann doch eher auf die große Videowall projizierte als auf den pingeligen Herrn vor sich.


Website des Era New Horizons Filmfestivals
 

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