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Das Experiment Breslau


© Era New Horizons Möglichst kreativ, unkonventionell und provokativ soll es vom 22.07. - 01.08.2010 in der malerischen Kulisse Breslaus zugehen: Das Era New Horizons feiert seine zehnte Ausgabe und verspricht wieder einmal Treffpunkt für cineastische Querdenker zu sein.

aus Breslau berichtet David Rams

Trotz (oder gerade wegen) seiner Prämisse als innovatives, unabhängiges Filmfestival, das nicht nur hin und wieder über den Tellerrand schaut, sondern cineastische Grenzgänge quasi in seinen Statuten eingebettet hat, mauserte sich das Era New Horizons in den letzten neun Ausgaben zu Polens größtem Filmfestival. Auch dieses Jahr wird zum kleinen Jubiläum geklotzt und nicht gekleckert: Insgesamt werden ca. 280 Filme aus über 50 Ländern während des Festivals vorgeführt.

Zur Eröffnung gibt es nicht nur französische Mönche in einem Kloster in Algerien zu bestaunen, sondern fast zeitgleich den Alltag eines nicht mehr allzu lebendigen Drogendealers in Tokio - aus der Ego-Perspektive. Sowohl Xavier Beauvois‘ Of Gods and Men als auch Gaspar Noés Enter the Void gehören zu jener Gattung umstrittener und viel diskutierter Filme, die am Auftaktabend für genügend Gesprächsstoff sorgen sollten. Dem Umstand, dass sich das Era New Horizons auch abseits der großen Leinwand für künstlerisch-innovative Projekte einsetzt, ist es wohl zu verdanken, dass der musikalische Tausendsasa Mike Patton mit seinem aktuellen Projekt Mondo Cane einen musikalischen Abstecher nach Breslau macht. Zu Pattons Repertoire, das an diesem Abend ausschließlich aus neu arrangierten italienischen Songs der 1950er und 1960er besteht, gehören Klassiker wie Nino Rotas O Venezia und Adriano Celentanos Storia d`amore.

Gaspar Noés Version von Rebels of the Neon God...

Große Namen gibt es jedoch nicht nur auf musikalischen Pfaden zu bewundern, sondern auch inmitten des Festivalgeschehens. So darf bei der ausführlichen Jean-Luc-Godard-Retrospektive der Nouvelle-Vague-Mitbegründer natürlich nicht fehlen, der in Breslau nicht nur seinen neuestes cineastisches Essay Film Socialisme vorstellen, sondern bei zahlreichen Diskussionen und Rahmenvorstellungen hoffentlich sein unergründliches Filmwissen preisgeben wird. Neben Retrospektiven zu den Brothers Quay, Laura Mulvey, Philippe Mora, Wojciech Jerzy Has und Daniel Szczechura beschäftigt sich in diesem Jahr eine weitere Hauptschiene des Festivals u.a. mit dem „neuen türkischen Kino“. Besonderes Augenmerk wird wieder auf den internationalen Wettbewerb des Era New Horizons gelegt. Von wohl klingenden Namen wie Harmony Korine über wohl bekannte Genre-Beiträge wie Amer bis hin zu wohl geformten Titeln wie Shit Year tummeln sich viele abwechslungsreiche Vertreter im mit 20.000 Euro Preisgeld dotierten Wettbewerb. Klassische Schienen wie das Panorama, bei dem dann nochmals etwas größere und bekanntere Namen des innovativen Kinos ihren Platz finden, fehlen natürlich auch in diesem Jahr nicht.

Meiner bescheidenen Meinung nach unerreicht bleibt die großartige Nachtlocation des Era New Horizons im Club Arsenal, in dem täglich mit abwechslungsreichen und ebenso experimentellen wie provokanten Music-Acts der Festivaltag gelungen ausklingen sollte. Musikalische Tagesausklänge unter freiem Himmel, forderndes und innovatives Kino und ein ausgezeichnetes Rahmenprogramm haben das Era New Horizons schon im letzten Jahr zu DEM Geheimtipp im europäischen Festivalzyklus gemacht. Das heurige Programm verspricht nichts Geringeres als die Erfolgsgeschichte dieses jungen und zielstrebigen Festivals fortzusetzen.

Website des Era New Horizons Filmfestival:
 

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