Suche: Suche abschicken

Diagonale 2010, Tag 3: Das Diagonale-Mantra


Yogisches Fliegen und Sprachinseln. Im Kopf braut sich mal wieder ein seltsames Gewirr an Eindrücken zusammen, die die Diagonale in diesen Tagen wirkungsvoll zu vermitteln vermag.

zusammenmeditiert von David Rams
Es ist wie an einem dieser Tage, an dem man sich den Kopf zermartert, was man denn nun genau auf’s Papier bringen sollte, warum sich, die doch so eindeutigen Gedanken nur in einen uneindeutigen Schreibbrei verwandeln, sobald man auf die Laptop-Tastatur unentwegt eindrischt und doch nichts Schlaues dabei herum kommt. Draußen scheint hingegen schon die Sonne, die Zeit rennt einem weg und der Text wird durch’s Nichtstun natürlich auch nicht besser bzw. schreibt sich dann noch nicht einmal selbst schlecht. Und dann gibt es doch wieder einen dieser Momente, in dem man einfach in sich gehen kann, die Augen schließt, die Ruhe genießt für einen kurzen Augenblick, bewusst ein- und ausatmet und dann doch wieder den roten Faden findet, der sich dann letztendlich in eine hoffentlich bedeutungsvolle Tipperei verwandelt.

Ich wäre also der letzte, der David Sievekings Sinnsuche im Diagonale-Beitrag David wants to fly als sinnlose Spinnerei abtun würde. Sieveking sucht als Filmhochschul-Absolvent nach Kreativität in seinem Leben und begibt sich auf die Spuren seines großen Idols David Lynch. Der, und dass dürften eingefleischte österreichische Lynch-Fans von seinem Besuch in Wien wissen, ist ein Verfechter der Transzendentalen Meditation (kurz: TM), die in den 1950er Jahren von Mahirshi Mahesh Yohi als Mittel für den Weltfrieden konzipiert wurde. Sieveking begibt sich zu Beginn seiner Dokumentation auf eine Reise in die USA, bei der er das erste Mal auf sein großes Idol trifft. Überzeugt von den großartigen Aussichten, wird er Mitglied im Verein der Transzendentalen Meditation, und erlebt, unabhängig von einer stolzen finanziellen Belastung, erste geistige Erfolgserlebnisse. Doch je tiefer er in die Strukturen der Vereinigung forscht, umso mehr häufen sich seine Zweifel an der Methodik und den Milliardenumsätzen, die die Vereinigung mit ihren Mitgliedern generiert. Sieveking tut gut daran, den investigativen Teil seiner Dokumentation auf seine ganz eigene spirituelle Sinnsuche zu beschränken und mit seinen ehrlichen, persönlichen und humorvollen Erfahrungen anzureichern. Zwischen Deutschland, den USA, Indien und dem Himalaya zeichnet er ein ziemlich eindeutiges Portrait einer sektenähnlichen Vereinigung mit starker, undurchsichtiger finanzieller Ausrichtung, die mit Visionen des Yogischen Fliegens lockt, um sie durch Bilder von kostenintensiven Bauruinen und hochverschuldeten Aussteigern zu ersetzen. Strukturell eher simpel gehalten, schwankt das Interesse mit der Qualität der einzelnen filmischen Stationen. Und trotz, gerade vielleicht auch wegen, der ungewollten Publicity durch eine Klagedrohung seitens der TM, dürfte David Sievekings kreativer Output momentan gar nicht so schlecht stehen.

Entdeckermythos

Meditativ ging es auch weiter am dritten Tag, bei dem ich mich vor allem auf die Werke von Peter Schreiner, dem die diesjährige Diagonale-Personale gewidmet ist, konzentrieren wollte. Schreiners Oeuvre umfasst mehrere Langfilme, die bisher zumeist nur auf Festivals zu sehen waren, obwohl Schreiner als einer der wichtigsten österreichischen Nachkriegsfilmer gilt – ein gutes Beispiel dafür, dass sich Bekanntheit und Wichtigkeit nicht voneinander abstoßen, aber auch nicht immer zwangsläufig zueinander gehören. Ein Blick auf die Internet Movie Database verrät das Dilemma: Kein Kommentar und kein Vote zu I Cimbri und der bei der Diagonale preisgekrönte Bellavista ist in der Datenbank noch nicht einmal gelistet. Zumindest kleine Aufarbeitungsarbeit möchte ich heute und morgen durch die Kurzkritiken leisten:

Der Einstieg mit I Cimbri, der zu Schreiners späteren Werken zählt, bei denen er sich vom Filmen seines Umfelds und seiner Selbst abgewandt hat, fällt nicht unbedingt einfach aus. Schreiner widmet sich den Zimbern, Nachfahren einer aus dem Tiroler Ötztal stammenden Sprachgruppe, im Norden Italiens. Die Zeit scheint hier still zu stehen: Wir beobachten die letzten Träger einer am Aussterben befindlichen Sprache bei ihren alltäglichen Ritualen, wie sie von ihrem Leben, Veränderungen und der Zukunft ihrer sprachlichen Wurzeln sprechen. In einzelnen, teils mehrminütigen schwarz-weiß Einstellungen wird z.B. ein Mitglied der Zimbern beim Atmen genauestens beobachtet. Vordergründig wird hier eine naturalistische Komponente vermittelt, die in ihrer Bedeutung fast eine perverse Ambiguität erreicht: Hier werden nicht nur alte Bewohner im Lebensalltag beobachtet, sondern vor allem Menschen, die in ihren letzten Atemzügen gleichzeitig eine jahrhundertealte Tradition und Sprache „ausatmen“. Doch I Cimbri ist keinesfalls Exploitation. Viel mehr lädt der Film zum Durchforsten des Kaders an, weilt immer sehr lange bis das letzte Detail im Bild verinnerlicht wird, bevor er sich wieder formal genauestens und sein Subjekt durchdringend der nächsten Szene widmet. Im anschließenden Publikumsgespräch war Peter Schreiner untröstlich, dass die Qualität der Kopie die detaillierte Fotografie nur sehr minderwertig abgebildet hat. Doch nicht nur deshalb ist der Einstieg zu I Cimbri schwer, da man das Gefühl hat, als ob man dem Blick Schreiners aufgrund einer Wissenskluft nicht recht folgen könnte. Selten aber, manifestierte sich die Gewissheit der Modernisierung grausamer als in den langsamen Atemzügen und kraftlosen Blicken des alten Mannes.

Die letzten Atemzüge des Festivaltages waren damit allerdings noch nicht getan, schließlich wurde am gestrigen Abend die DiagonaleNightline mit dem Konzert der Laokoongruppe x bljak! in der gut gefüllten Grazer Postgarage eröffnet. Da war es dann auch schon wieder vorbei mit den guten Vorsätzen, mit dem Meditieren und mit dem Ziel, wenigstens einmal über die Tanzfläche „Yogisch“ zu fliegen. Und mit der Tipperei ist das nach so einer langen Grazer Nacht, dann auch wieder so eine Sache...


Website der Diagonale
Diagonale 2010, Tag 1: Gewinner, Kameras und Mörder
http://www.allesfilm.com/show_article.php?id=24611
Diagonale 2010, Tag 2: Apocalypse, Please!
http://www.allesfilm.com/show_article.php?id=24613
 

    Werbung