Es war fast auf den Tag genau vor einem Jahr auf der Diagonale, als Stefan Krohmers
Sie haben Knut nicht nur wunderbar-gezeichnete Figuren in ebenso wunderbar-geschriebenen Szenen diskutieren und lieben ließ, sondern vor allem meine Passion für die Musik des Singer/Songwriters Nick Drake weckte. Ich schätze Filmfestivals natürlich wegen ihrer Vielfalt, dem zufälligen Zusammenprall unterschiedlichster filmischer Eindrücke in einer sehr kurzen Zeit. Doch Filme und jene Momente, die ganz unbewusst eine unerwartete Erinnerung oder eine tief verborgene Emotion an den Tag holen, verdaut man ganz persönlich am Nachhaltigsten
Gestern wurde die Ehre gleich zwei Filmen zuteil. Und das noch nicht einmal, weil sie besonders innovativ oder einzigartig sind. Ganz im Gegenteil: Sie sind klar abgestimmte Genrebeiträge und wagen nur wenig Eigenständiges. Aber die Liebe zu den jeweiligen Genres, zu denen sie sich selbst, ganz freiwillig, zuschreiben, ist in jeder Einstellung spürbar und greifbar. Genau deshalb hat dies wieder diese unbewussten Erinnerungen an andere Filme und Filmemacher ausgelöst. Eine dieser Erinnerungen gilt Andrei Tarkovsky und seinem Film Stalker. Ich weiß noch genau, dass ich Stalker das erste Mal auf einer großen Leinwand im Rahmen einer Retrospektive gesehen habe und überwältigt war. Selbstverständlich hatte ich schon immer ein großes Faible für anspruchsvolle Science-Fiction, aber Stalker fühlte sich neu an, hat mir mit seinen starren Einstellungen, seiner Wortlosigkeit und seinem durchdringenden, alles beherrschenden Ton, eine völlig neue Kinoerfahrung geboten. Max Jacobys Dust hat auf dem ersten Blick nur wenig mit Stalker gemein. Doch in beiden Welten, in denen fast keine Menschen mehr zu existieren scheinen, herrscht eine ungemein poetische, beinahe märchenhafte Verbindung von Mensch, Natur und der Stille.
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Im Zentrum des Films steht ein Geschwisterpaar, das isoliert in einem idyllischen Landhaus lebt und das Leben in allen Zügen genießt – während genau dieses „Leben“ anderswo völlig ausgelöscht zu sein scheint. Was genau mit der Welt um sie herum geschehen ist, das wissen wir nicht, es wird auch nie erwähnt. Aber es fehlt Elodie und Elias an nichts – bis sie eines Tages einen Fremden mit einem verwundeten Arm finden und ihn bei sich aufnehmen. Die zerbrechliche, zärtliche Dynamik des Geschwisterpaars wird auf die Probe gestellt. Zu vertraut waren Tagesabläufe, Strukturen, das gemeinsame Frühstück, das gemeinsame Nacktsein beim Schwimmen, die nun unfreiwillig geändert werden müssen. Adam und Eva erhalten Besuch im Garten Eden und er verheißt nichts Gutes. Besonders bei Elodie werden versteckte Sehnsüchte nach Nähe und Geborgenheit geweckt, denn „Besucher“ Gabriel ist in jeder Hinsicht das komplette Gegenteil ihres Bruders. Max Jacobys
Dust wirkt wie eine idyllische, traumähnliche Fantasie inmitten der vermeintlichen Apokalypse. Mit butterweichen Kamerafahrten inmitten eines traumhaften Sets und der fast ausschließlichen Verwendung von natürlichem Licht, führt er seine Figuren so sanft wie möglich durch die tragische Wandlung im thematisierten Beziehungsgeflecht. Das Ende aller Tage braucht keine Gewalt von außen – denn fast unvorstellbar welch emotionale Gewalt im Menschen selbst wütet, wenn der einzige geliebte Mensch, der noch existiert, langsam fortgerissen werden würde. Um mit den Worten eines Zuschauers aus dem anschließenden Q&A abzuschließen: Max Jacoby macht in einem Genre, in dem man eigentlich nur etwas falsch machen kann, trotzdem (fast) alles richtig.
Die zweite Danksagung meinerseits geht an George A. Romero – diesem Dank schließt sich die Truppe von Rammbock im Abspann ihres Films übrigens an. Zu Romero hatte ich früher ein etwas schwieriges Verhältnis, weil ich Dawn of the Dead bei der Erstsichtung schlichtweg langweilig fand. Über die Zeit hat sich dies natürlich geändert, aber mein liebster Romero wird immer Day of the Dead bleiben – Punkt und aus. Auch in Benjamin Hesslers und Marvin Krens Rammbock wüten die lebenden Toten in einem Berliner Appartementkomplex. Eigentlich wollte Held Michael nur seine Gabi zurückgewinnen, doch von der fehlt erstmal jede Spur. Stattdessen müssen sich Michael und sein junger Kompagnon Harper, der eher zufällig in Gabis Wohnung verweilt, gegen die aufkommende Zombieplage mit allen erdenklichen Mitteln wehren. Rammbock ist unkompliziert, trotz des beengten Spielraumes dramaturgisch sehr sauber konzipiert und leistet sich wegen seiner Lauflänge keine Durchhänger. Den Baukasten für „wie kreiere ich einen soliden Zombiefilm“ haben Hessler/Kren trotz kleinerer Logikschwächen ausgiebig studiert und sorgen mit Rammbock für einen variantenreichen und vor allem spaßigen Film – und der wird von Publikum und Kritik jetzt schon ausgiebig gefeiert.
Auf dem späten Heimweg kamen mir dann noch einmal zig Truppen von zombieähnlichen Wesen entgegen, die allerdings keinem tückischen Virus zum Opfer gefallen sind, sondern bei den St. Patrick’s Day Feierlichkeiten einfach zu tief ins Glas geschaut haben. Dabei hatte ich den Blitz meiner Spiegelreflexkamera schon auf volle Leistung gestellt. Für alle, die sich übrigens effektiv gegen zukünftige Zombieattacken wappnen wollen, sei an dieser Stelle der Zombie Survival Guide von Max Brooks ans Herz gelegt. Allerdings konnte Brooks damals noch nicht ahnen, dass die Biester irgendwann so abartig schnell werden würden. Wer sich übrigens noch auf das morgige Hitchcock-Screening im KIZ Royal um 11 einstimmen möchte, dem sei das Schaufenster eines Messergeschäfts in der Nähe des Hauptplatzes anzuraten: Diagonale knows it best.
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| Ganz Hitchcock-like: Die Diagonale mag es mörderisch |