Ganz traditionell wurde die Diagonale 2010 am gestrigen Abend in der voll besetzten Helmut-List-Halle in Graz mit einer Rede von Festival-Intendantin
Barbara Pichler eröffnet. Das Festival des österreichischen Films, das heuer vom 16.3. – 21.3. in Graz stattfindet, befindet sich nun im zweiten Jahr unter der Leitung von
Pichler.
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| Die gefüllte Helmut-List-Halle in Graz bei der Diagonale-Eröffnung |
In ihrer Ansprache ging sie auf den Wert eines Filmfestivals ein, sprach ganz konkret über die derzeitige Position der Diagonale bevor sie eine klare Marschrichtung formulierte: „Während es in den letzten zwei Jahren um das allgemeine Angebot ging […], zeichnete sich in den letzten Monaten etwas anderes ab. Die Frage nach den Präsentationszusammenhängen, die Positionierung der Diagonale im internationalen Verein der Festivals und Galas.“ Auch in diesem Zusammenhang fiel immer wieder das Stichwort zur Vielfalt eines Filmfestivals. Vielfalt, so
Pichler, ist jedoch nicht nur eine Frage des Programms, sondern auch der Diversität der Spielstätten. Derzeit sei diese jedoch bedroht, aufgrund der ungewissen Zukunft der kleineren Kinos im Zuge der teuren Umrüstung und Digitalisierung, was konkrete Handlungen der öffentlichen Entscheidungsträger nötig mache: „Die öffentliche Hand ist gefordert, denn die Vielfalt der Kinolandschaft kann nicht auf die Multiplexe eingeschränkt werden.“ Insgesamt wirkte
Pichlers Rede gut strukturiert, nicht weltfremd, sondern konkret und sich in ihrer Argumentation immer wieder auf die Bedeutung des Publikums berufend, das schließlich die Diskursivität, die Vielfalt eines Filmfestivals und damit auch die filmischen Widersprüche aus erster Hand miterlebt. Der Rede der Festivalleiterin folgte, die ebenfalls schon zur Tradition gewordene Diagonale-Schauspielpreisverleihung.
Preise und Preisträger
Ein Novum, dass in diesem Jahr erstmals ein Diagonale-Schauspielpreis sowohl an einen männlichen als auch an eine weibliche österreichische SchauspielerIn für einen bemerkenswerten Film bei der Diagonale 2010 vergeben wurde. Wenig überraschte allerdings die Preisvergabe, denn mit Andreas Lust und Franziska Weisz wurden gleich zwei Darsteller aus Benjamin Heisenbergs Der Räuber ausgezeichnet. Nach Birgit Minichmayr, Ursula Strauss, Karl Markovics und Josef Hader zeichnete die Jury also erneut bereits etablierte Darsteller aus, anstatt dem filmischen Nachwuchs mit diesem Preis ein potentielles Sprungbrett anzubieten.
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| Diagonale-Preisträger Andreas Lust bei seiner Dankesrede |
Dennoch sorgte vor allem der sichtlich bewegte
Andreas Lust mit seiner ehrlichen, fast schon grotesk-metaphorischen Dankesrede für mehr Glanz als bei der kompletten letzten Academy Award Verleihung. Den aufgebauten Glanz beanspruchte auch der Gewinner des großen Diagonale-Schauspielpreises
Klaus Maria Brandauer für sich, der selbst dem kläffenden Köter im Zuschauerraum für kurzfristige Stille dankte, der zuvor bei
Barbara Pichlers Eröffnungsrede vergeblich versucht hatte, Unruhe im großen Rund zu verbreiten.
Brandauers Rede war geprägt von einer kurzen, sehr österreichischen Anekdote zu seinem ersten Hollywoodfilm und dem Dank an „seine Heimat“, sich mit dem potentiellen Preis für das Lebenswerk dann doch etwas länger Zeit gelassen zu haben.
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| Im Gespräch: Bundespräsident Heinz Fischer (links) und Diagonale-Preisträger Klaus Maria Brandauer (rechts) |
Der Eröffnungsfilm
Ohne große Einleitung eröffnete die Diagonale 2010 dann auch filmisch mit Robert A. Pejos Der Kameramörder, basierend auf einem Roman des österreichischen Autors Thomas Glavinic. Die Dreiländer-Koproduktion (Österreich / Schweiz / Ungarn) eignete sich nicht nur exemplarisch, als eines von Barbara Pichler angesprochenen Beispielen, für die stärkere Vernetzung der Diagonale sowohl im filmischen als auch außerfilmischen Kontext, sondern verweist als genreoffene, minimalistische und unbehagliche Romanadaption auf eine Vielzahl anderer österreichischer Filmproduktionen der letzten Jahre. Der Film baut behutsam eine dichte Atmosphäre der Unsicherheit und Verstörung auf, besonders durch das minimalistische, gleichermaßen effektive „Designerhaus im Schilf“ Setting, während sich das Psychodrama zwischen den vier Protagonisten langsam entfaltet. Sozial- und Medienkritik bleiben bei der Verfilmung von Der Kameramörder fast gänzlich außen vor; stattdessen beschränkt sich die filmische Adaption auf Beziehungsdynamiken, die simpel, gleichermaßen auch unheimlich konstruiert wirken. Der Film schafft es nicht das bemühte Beziehungsgeflecht als homogen und glaubwürdig zu verkaufen und verläuft sich in theatralen, gekünstelten Dialogen. In seiner Wirkung bleibt der Film allerdings ambivalent und diskussionswürdig – wie sich auf der späteren Eröffnungsfeier herausgestellt hat, auch durchaus umstritten. Und letztendlich stehen die Reaktionen zu Der Kameramörder dann doch im Einklang mit den vermeintlichen Statuten der Diagonale, nämlich den Widersprüchen und dem diskursiven Gehalt der Filme, die Barbara Pichler in ihrer Eröffnungsrede eingefordert hat. Ganz im Sinne der Festivalleiterin heißt es somit: Auftakt gelungen!