Es ist geschafft. So ein bisschen fühle ich mich ja wie
Johann Rettenberger im Berlinale-Beitrag
Der Räuber nach dem Gewinn des Wiener Marathons. Den unschönen Nebeneffekt, eine Bank auszuräumen, habe ich allerdings noch nicht verspürt. Dennoch exponieren sich die klassischen Festivalbegleiterscheinungen, also die unzähligen Sprints zwischen den Kinos, die viel zu kurz bemessene Zeit, um wenigstens etwas Nahrung aufzunehmen, bevor es wieder Dunkel im Kinosaal gibt, bei der Kurzlebigkeit der Berlinale noch einmal ins Unermessliche. Das Schlimmste daran: Die Berlinale ist pünktlich. Wahrscheinlich so pünktlich wie kein anderes Festival. Das sieht man alleine schon daran, das selbst zwanzig Minuten vor einer Wettbewerbspressevorstellung im Berlinale Palast am frühen Morgen schon ein Großteil der Sitzplätze belegt sind. Der Palast mutiert in diesen Stunden zum großen Wohnzimmer: Essen, Kaffee trinken, über mögliche Skandale quatschen, lesen, nichts tun oder Handyspiele zocken. Apropos Handyspiele: Selbst die sind eine der vielen Anhaltspunkte während der Berlinale-Tage, die beim Festival eine enorme, unverkennbare und durchaus problematische Diskrepanz zwischen Alt und Neu deutlich werden lassen. Während sich der italienische Kollege vor der Pressevorstellung mit einer schön bunten Variante meiner Jugendsünde
Snake II beschäftigt, packt ein französischer Vertreter drei Plätze neben ihm sein IPhone aus und schwingt sich in einem recht ahnsehnlichen Jump 'n' Run von einer Plattform zur Nächsten – konzentriert verfolgt von seinen Mitstreitern zur Rechten.
Diese Diskrepanz wird auch andernorts mehr als nur deutlich. Der Potsdamer Platz ist das beste Beispiel dafür. Die effektive Cyberpunk-Architektur des Sony Centers ist ein Hingucker in der großen Tristesse der Hochhaus-Baustellen und langweiligen Bürokomplexe. Mittendrin in den zumeist grauen Häuserschluchten, vor einem der gigantischen Eingänge zum S-Bahnhof, so kurz vor dem Ritz Carlton, neben den zahlreichen Fast-Food-Ketten im Nobeldesign, stehen noch die letzten Überbleibsel der Berliner Mauer. Es wirkt, als ob sich Aktionskünstler hier einen großen Scherz erlaubt hätten, die Wurzeln der Vergangenheit inmitten der übergroßen und zugleich auch autonomen Häusermaßen zu platzieren, die sich jetzt Berlinale nennen. Statt nun inne zu halten und zu reflektieren, rutscht man auf den inzwischen geschmolzenen Eismassen vorbei zum Starbucks an der Ecke. Zynischer geht’s fast nicht mehr.
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| Der Potsdamer Platz in seiner ganzen nächtlichen Pracht |
Doch gerade hier, wo es förmlich Zukunft schreit, herrscht beim vermeintlich größten Publikumsfestival der Welt antiquarischer Stillstand. Immer noch zwingt man den Zuschauern auf, sich pünktlich um 10 in die Warteschlange des Ticketschalters einzureihen, um Karten für die Vorstellungen der nächsten drei Tage zu kaufen. Natürlich geht es hier um jene Vorstellungen, bei denen man einmal über den roten Teppich des Berlinale-Palasts schlendern darf. Die laute Fotografenmeute, ein kurzer Blick auf die Stars des Abends sind im happigen Kartenpreis schon inklusive. Für alle Langsamen und Langschläfer gibt es auch ein Online-Ticket-Kontingent, aber wer bestraft sich freiwillig mit 1,50 Euro Gebühr pro Karte (!), um den immensen Warteschlangen in den Arkaden am Potsdamer Platz zu entgehen.
Die große Revolution
Frönte die Berlinale im letzten Jahr noch dem 70mm-Breitbild und gab unmissverständlich zu erkennen, dass sie sich für Innovationen im Kinobereich sogar mit einer Retrospektive bedanken kann, konnte man sich im aktuellen Programm noch nicht einmal über eine schlecht sitzende Shutterbrille ärgern. Bitte nicht falsch verstehen, ich fühle mich im Kino immer noch vor allem dann zuhause, wenn mir nicht im Minutentakt Gegenstände in Richtung Gesicht zufliegen. Doch selbst bei den zuvor stattfindenden Filmfestspielen von Rotterdam hat man ganz selbstverständlich auf den Boom namens 3D reagiert, indem man völlig frech auf die Wurzeln der Technologie hingewiesen hat – in Form einer 3D-Projektion von Hitchcocks Dial M for Murder. Es geht hier nicht unbedingt darum, dass ein großes Festival sich von jedem Hype anstecken lassen sollte. Andererseits wirkt es fast wie ein Hohn, das die größte Revolution der Berlinale 2010, zwar auf dem „Festivalgelände“, aber abseits des üblichen Festivalterrains darauf wartete, ausprobiert zu werden. Neben dem Eingang zum Sony-Center durfte man nämlich doch 3D-Brillen aufziehen und sich vom 3D-Fernsehen überzeugen lassen. Meine Skepsis wandelte sich ziemlich schnell in Begeisterung: Wasser schwappt glaubhaft fast aus dem Fernsehrahmen heraus, beim Fußballmatch muss man nicht mehr erahnen sondern erkennt, ob der Schuss wirklich auf’s Tor geht. Eigentlich eine feine Sache – nur hatte diese leider nichts mit der Berlinale zu tun.
Die Schuld der Beliebigkeit: Programmierung oder doch Programmauswahl?
Wenn man nicht gerade in einer Jury sitzt (und noch nicht einmal das ist eine 100%-ige Garantie, eine Schiene komplett zu sehen), dann geht es zumeist nur darum, Eindrücke eines Festivals aufzuschnappen. Am nachhaltigsten sind natürlich die Eindrücke des Programms, denn schließlich geht es bei einem Filmfestival in erster Linie doch noch darum. Also heißt die Devise sich einzuschränken: Von jedem ein bisschen oder von wenig dann doch viel aufzuschnappen. Hilfestellung bei der Programmauswahl leisten die vorher definierten Schienen. Das diesjährige Berlinale-Programm machte es einem allerdings nicht einfach. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen den drei Hauptkategorien in einem Sumpf aus Beliebigkeit. Dass macht sich besonders beim Wettbewerb bemerkbar: Neben der imaginären Linie, die vom filmischen Lobbyismus festgelegt wird, in dem die vermeintlich „Großen“ ihre Filme zur besten Primetime-Zeit auf dem roten Teppich präsentieren dürfen, werden die „Kleinen“ durch ungünstig gelegte Pressekonferenzen und frühe Pressetermine unnötig ausgebremst. Im Grunde ist es eine Schande, den neuen Polanski gerade einmal eine Woche vor dem offiziellen Kinostart auf einem Filmfestival zu sehen. Doch wo sonst erreicht man so viele Presseleute, auf deren Stimmen man angewiesen zu sein scheint, auf einmal. Ein Teufelskreis.
Weg mit dem Grau
Gerade zwischen diesen starren Strukturen finden sich immer wieder Ansätze, die Hoffnung geben. Eine eigene Sektion für intermediale Kunstprojekte, der Berlinale Talent Campus mit hochinteressanten Gesprächen und Diskussionen für angehende Filmemacher und Filmkritiker. Hier sollte die Berlinale ansetzten, ausbauen, neue Strukturen für jüngere Filmemacher schaffen. Das Forum muss wieder künstlerisch werden, provozieren, Grenzen ausloten und genau über diese Brüche reflektieren – müdes Autorenkino findet sich auch schon in den anderen Schienen zuhauf. Die Berliner lieben ihren Kiez und auch die Berlinale sollte ihre Programmstrukturen, wie in diesem Jahr schon angedeutet, mehr für den Kinoreichtum der Bundeshauptstadt öffnen.
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| Die Arkaden am Potsdamer Platz |
Vielleicht lag es auch nur am Eis, dem grauen Himmel und dem generell hohen Stressfaktor, dem man während der Berlinale durchwegs ausgesetzt war. Doch das war bei der Geburtstagsausgabe nicht anders als in den Jahre zuvor. Happy Birthday Berlinale – ein großer Geburtstag verdient große Aufmerksamkeit. Doch Selbstbeweihräucherung und Stillstand waren noch nie Merkmale von Reife und Größe.