allesfilm.com: Wie geht es dir vor der großen Premiere am Abend?
Alexei Popogrebsky: Es ist irgendwie seltsam. Ich mag es, dass momentan so viele Sachen auf einmal zu tun sind. Allerdings habe ich vor dem eigentlichen Screening weniger Angst, sondern bin eher besorgt, jedem Mitglied meiner Crew rechtzeitig die Tickets zu geben, die Anzüge vorzubereiten…
...das wird sich dann ja spätestens heute Abend bei der Premiere legen. Schaust du dir den Film noch einmal an?
Ich denke, ich werde bleiben. Ich hab genug Mut, um ihn mir noch einmal anzusehen (lacht).
Warum so bescheiden?
Sobald ich den Schnitt fertig stelle, lade ich oft meine Freunde ein und schaue den Film mit ihnen zusammen. So kann man den Film durch ihre Augen sehen und Dinge entdecken, die im Film nicht so funktionieren, wie man es sich erhofft hat. Ein paar Tage später schaue ich den Film dann mit einer anderen Gruppe und versuche, ihn wieder durch deren Augen zu betrachten. Und heute werde ich dann versuchen den Film durch die Augen von 1600 Zuschauern anzuschauen (lacht).
Welche Reaktionen sind für dich in dem Fall wichtiger: die eines unbekannten Publikums oder die deiner Freunde?
Wenn ich den Film mit meinen Freunden schaue, fällt es ihnen manchmal schwer, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Allerdings fühle ich die geringsten Reaktionen, die sie in bestimmten Szenen zeigen. Es sind wirklich die subtilen Kleinigkeiten, die mir dann zeigen, ob etwas funktioniert oder nicht.
Du bist das erste Mal im Berlinale-Wettbewerb vertreten. Wann hast du es erfahren und was war deine Reaktion darauf?
Im Grunde ist es ein weiterer kleiner Bestandteil in einer Fülle von Dingen, die nach dem Fertigstellen des Films passiert sind. Während des Drehs waren wir ein Bestandteil der uns umgebenden Natur. Nach dem Dreh hatten wir eine ziemlich lange Post-Produktionsphase, weil wir ca. 80 Stunden Rohmaterial hatten. Wir haben digital gedreht und eine Menge Naturaufnahmen übrig, die dramaturgisch im Film nicht funktioniert haben. An dem Tag, als wir das Dolby Mastering, also die letzte Stufe der Post-Produktion angefangen haben, bekamen wir die Nachricht von der Berlinale. Jetzt haben wir uns zum Teil auf die Berlinale vorbereitet, zum Teil auf den russischen Kinostart am 1. April. Ich bin natürlich glücklich, denn nach Drehschluss fühlt man ein Vakuum, eine Art Depression, weil das große Projekt, das soviel Zeit in Anspruch genommen hat, nun auf einmal zu Ende ist. Doch durch das Zusammenkommen dieser vielen Dinge bin ich diesmal davon verschont geblieben.
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| Regisseur Alexei Popgrebsky |
Was hat dich in erster Linie an einer Geschichte interessiert, die sozusagen am „Ende der Welt“ spielt?
Seit ich ein Kind war, haben mich Bücher und Erzählungen über Polarforscher unheimlich fasziniert. Gleichzeitig hatte ich Angst vor Kälte, Dunkelheit und Isolation. Das könnte ein Grund dafür sein, warum mir dieser Stoff so gut gefallen hat, weil er eben das völlige Gegenteil meiner gemütlichen und komfortablen Lebenssituation als Städter darstellt. Ich stellte mir also selbst die Frage: Würde ich das Ganze wirklich durchstehen? So war es zum Teil sicher eine ganz persönliche Konfrontation und gleichzeitig eine unvergessliche Lebenserfahrung, die mich beim Drehen erwartete. Genauso würde es mich freuen, wenn sich auch das Publikum die selben Fragen stellen würde: Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten? Würde ich durchhalten, oder doch aufgeben? Dieser Film soll keine endgültigen Antworten auf irgendwelche Fragen bereit halten, sondern stattdessen Fragen aufzuwerfen, mit denen sich eventuell jeder Mensch einmal konfrontiert sieht.
Wie verlief dann der Dreh für dich, nachdem du dich sozusagen deinen Ängsten stellen musstest?
(Lacht). Ganz so war es ja nicht. Um mich wirklich meinen Ängsten zu stellen, hätte ich ca. ein Jahr dort bleiben und im Polarwinter drehen müssen. Wir haben allerdings nur im Polarsommer gedreht. Problematischer war eher die Verantwortung, die ich gegenüber meiner Crew hatte. Im Endeffekt war es meine Idee und meine Entscheidung, in dieser lebensfeindlichen Umgebung zu drehen. Der andere Aspekt, der mir Sorgen bereitet hat, war mein Pflichtgefühl, etwas Brauchbares und Sinnvolles abzuliefern. Letztendlich investiert jedes Crewmitglied seine Energie und einen Teil seines Lebens für meine Vision. Ich will gar nicht daran denken, wie beschämt ich wäre, wenn der Film ein Flop werden würde. Allerdings lässt mich die Berlinale-Teilnahme auf einen Erfolg hoffen.
Ihr habt vor Ort gedreht. Waren alle Gebäude und Gerätschaften im Film schon so vorhanden oder musstet ihr neue Sets bauen?
Unser Hauptset ist eine tatsächliche, in Betrieb befindliche Wetterstation, die dort schon seit den 1930ern steht. Grundsätzlich sind alle Sets wirklich so vorhanden, wie z.B. die Radiostation. Interessanterweise mussten die tatsächlichen Meteorologen, die dort stationiert sind, alle vier Stunden ihre aktuellen Messergebnisse überliefern. Wir drehen also eine Szene mit
Grigory Dobrygin, und plötzlich müssen wir aufhören, weil der Meteorologe sich auf den exakt selben Platz setzen und seine Daten durchgeben muss. Zusammen mit dem Production-Designer haben wir nur kleine Modifikationen vorgenommen.
Wie habt ihr versucht, euch den schwierigen Drehbedingungen, auch aus logistischer Sicht, anzupassen?
Unser Ziel war es, einen fiktionalen Film zu machen, der von der Realität so weit wie möglich erweitert wird. Das war auch der Grund, warum wir digital gedreht haben, um einfach schnell auf Veränderungen reagieren zu können. Dinge, die vielleicht improvisiert wirken, waren allerdings im Skript, wie z.B. der Bär.
Es gibt ein Sprichwort, das in etwa sagt: „Jede Expedition verläuft nur so gut wie sie vorbereitet wurde!“ - Wir haben ein halbes Jahr für die Planung gebraucht, um völlig unabhängig arbeiten zu können. Das fing beim Koch an, der schon auf schwimmenden Eispolarstationen Erfahrung gesammelt hatte, ging über die Tonnen an Equipment, Treibstoff usw. bis hin zu meiner Forderung, dass jedes Mitglied der Crew mindestens eine weitere Film- und anderweitige berufliche Fertigkeit erlernt haben musste.
Warum würde irgendjemand ans Ende der Welt gehen, um dort zu arbeiten - speziell jemand wie Pavel Danilov, der ja eigentlich wie ein geselliger und lebensfroher Typ ist?
Natürlich haben wir uns vor dem Film einen Hintergrund für ihn überlegt. Pavel hat seinen Abschluss in Geophysik gemacht und muss nun ein Sommerpraktikum finden. Das basiert noch auf einer alten Tradition aus der Sowjetzeit, die besagt, dass nach dem Abschluss ein berufsspezifisches Sommerpraktikum folgen muss. Selbst wenn Pavel die Wahl hätte, ins Feld zu gehen oder einen Bürojob zu machen, hätte er sich wohl für den Job in der Polarstation entschieden. Ganz einfach deshalb, weil ihn dieses Abenteuer unheimlich reizt, und er später die Möglichkeit hätte, seine eigenen Erinnerungen weiterzugeben, in seinen Blog zu schreiben, auch um damit anzugeben. Weiterhin gefällt ihm die Herausforderung, sich mit der Natur auseinanderzusetzen, auch weil er Natur eher aus einer Konsumenten-Position betrachtet.
Wo liegen für dich die Unterschiede zur zweiten Hauptfigur, Sergei Gulybin?
Sergei arbeitet schon seit neun Jahren in der Polarstation. Er ist ebenfalls ausgebildet, allerdings kennen wir seine genauen Hintergründe nicht. Nach neun Jahren ist er ein Teil dieser Landschaft geworden. Sein Lebensrhythmus, z.B. seine Art zu gehen, hat sich der natürlichen Umgebung angepasst. Es half uns unheimlich, dass unser Hauptdarsteller
Sergei Puskepalis viele Jahre lang in der Nähe unseres Drehortes gelebt hat. Es war ein unglaublicher Zufall, denn obwohl wir bereits einen Film zusammen gemacht haben und gute Freunde sind, wusste ich nichts davon. Als wir 2007 von der Drehortsuche zurückgekommen sind und ich ihm gezeigt habe, wo wir drehen werden, meinte er sehr gelassen: „Hier? Ich habe hier fast 10 Jahre gelebt!“ (lacht). Das hat
Sergei natürlich enorm geholfen, sich auf diese Rolle vorzubereiten.
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| Pavel (Grigory Dobrygin) und Sergei (Sergei Puskepalis) |
Hattest du Angst, dass bei einem isolierten Setting und nur zwei Hauptdarstellerin die Dramaturgie nicht funktionieren würde?
Natürlich. Es war eine große Herausforderung, dies auf die Reihe zu bekommen. Ich wusste schon vorher, dass
Sergei Puskepalis eine einzigartige Ausstrahlung und eine kraftvolle Präsenz in seinem Spiel hat. Erst einen Monat vor Drehbeginn haben wir uns damit beschäftigt, die jüngere Figur, Pavel Danilov, zu besetzen. Das war etwas absurd, weil wir ansonsten alles höchst vorsichtig und sorgsam geplant hatten, aber unsere Hauptfigur noch nicht besetzt war (lacht)! Aber ich war nicht panisch, ich habe gefühlt, dass wir ihn rechtzeitig finden würden. Wir haben
Grigory dann kurioserweise bei einem Theater-Wettbewerb namens „Your Chance“ gefunden. Ich habe gleich gefühlt, dass seine Art die Authentizität der Figur widerspiegelt, gleichzeitig aber nicht zu 100% der Vorstellung aus dem Skript entspricht. Mir ist es sehr wichtig, dass mein Drehbuch für einen Darsteller nur als Vorlage dient, und er ganz selbstständig die Figur mit seinen Nuancen erweitert.
Im Film gibt es eine Szene, in der Sergei Pavel etwas indirekt auf dessen eigenen Erfahrungsbericht anspricht. Denkst du, Pavel würde die Geschehnisse genauso erzählen, wie sie passiert sind?
Es bleibt natürlich die große Frage, was zum Schluss mit Pavel passiert, und was er letztendlich aus der Geschichte lernen wird. Nachdem jede Figur in jedem meiner Filme auch ein Teil von mir ist, hoffe ich, dass diese Erfahrung der Wendepunkt in seinem Leben sein wird. Ich muss dabei auch an meine Erfahrung zurückdenken, als ich nach dem dreimonatigen Dreh zwei Monate lang komplett anders gelebt habe. Ich habe mich isoliert, wollte nicht in Moskau sein, nicht ins Internet gehen usw. Natürlich verfällt man langsam wieder in das alte Lebensmuster und das Stadtleben saugt einen irgendwann ein. Das Schlimmste, was Pavel also passieren könnte, wäre sich wieder schrittweise an sein altes Leben anzupassen und nichts aus seinen Erkenntnissen gelernt zu haben.