Das beschauliche Park City scheint nicht nur einen kleinen Schatten auf Berlin zu werfen, sondern gleich einen übergroßen, den es in alle Programmkategorien schlägt. Das dieses Jahr etwas enttäuschende
Forum hat dabei zweifellos den eindruckvollsten Beitrag abbekommen, nämlich
Winter’s Bone, den Gewinner des diesjährigen Drama-Wettbewerbs in Sundance. Im Film spielt
Jennifer Lawrence die 17-jährige Ree Dolly, die sich auf die Suche nach ihrem Vater begeben muss, nachdem dieser das Haus, in dem Ree, ihre zwei Geschwister und ihre kranke Mutter leben, als Kautionspfand angegeben hat, und plötzlich wie vom Erdboden verschlungen zu sein scheint.
Winter’s Bone beginnt mit einem melancholischen Schlaflied und fröhlich spielenden Kindern. Die Idylle trügt.
Debra Granik zeichnet ein desolates Gesellschaftsbild einer von Hass und Missgunst geprägten Familienfehde im Herzen Missouris. Die Figuren und Kreise, in die Ree schlittert, wirken, als ob sie einem Horrorfilm entnommen wurden. Doch das Ganze mündet durch das authentische Drehbuch, die formidablen Darsteller und die äußerst effektive Regie in keine Parodie. Jungdarstellerin
Jennifer Lawrence verdient mit ihrer beachtlichen Leistung mehr als nur die Aufmerksamkeit der Zuschauer, sie erkämpft sich tapfer jedes bisschen Sympathie.
Winter’s Bone ist ein Film, dem seine Ecken und Kanten richtig gut stehen, und der Mut beweist, diese auch gezielt zur Schau zu stellen.
Filmische Hyperglykämie
Der Blick schweift zum
Panorama, in dem
Kevin Spaceys rasanter Aufstieg als
The Father of Invention ein jähes Ende findet, als bei einer seiner grandiosen Erfindungen plötzlich Körperteile der Allgemeinheit dran glauben müssen und Robert Axle mehrere Jahre ins Gefängnis wandert. Warum dieser Beginn? Um uns eine weitere dieser zahlreichen Verlierer-Geschichten aufzuschwatzen, in der Axle an sein altes Leben anknüpfen will, es sich mit seiner Ex und seiner Tochter versaut, um dann doch zu begreifen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Seufz. Um wenigstens mit etwas Positivem zu beginnen:
The Father of Invention ist definitiv Kontrastprogramm zum biederen, ausgewaschenen Look der "realistischen" Milieu- und Charakterstudien aus Europa und dem Osten, die man auf den großen Filmfestivals dieser Welt so liebt. Aber besser für DAS Auge ist die knallbunte Farbpalettenmischung, die sich zwischen
Desperate Housewives und
Pushing Daisies einrangiert, nun auch nicht unbedingt. Die Story macht ebenfalls den Eindruck, als hätte hier jemand zu stark im Farbtopf gemischt oder daran geschnüffelt. Die hohlen Figuren rezitieren hohle Dialoge in einer mindestens genauso hohlen Inszenierung. Der fluchtartige Reflex, den Saal zu verlassen, wird nur durch die Tatsache unterdrückt, dass man zum Schluss (un)genüsslich zusehen kann, welche widerlichen Ausmaße die filmische Überzuckerung annehmen kann. „Wenn ich diesen Film programmieren würde, wäre ich meinen Job los!“ - Den Kommentar meiner Sitznachbarin und gleichzeitig Verantwortlicher für das Programm eines anderen Filmfestivals, lasse ich selbst unkommentiert im Raum stehen.
Ben Stiller im Midlife
Gestatten, Roger Greenberg (
Ben Stiller), Anfang 40, handwerklich begabt, stressanfällig und irgendwie durch und durch seltsam. Nach einem Aufenthalt in der Nervenanstalt beschließt Roger, sich erst mal bei seinem jüngeren, wohlhabenden Bruder niederzulassen, und trifft auf dessen sympathische Haushälterin Florence (
Greta Gerwig). Neben seinem Hang zum Beschwerdebriefverfassen beginnt sich der notorische Eigenbrödler langsam für die etwas verwirrte Florence zu interessieren, die zwar das Leben ihrer Kunden managen kann, aber irgendwie doch nicht wirklich ihr eigenes. Regisseur
Noah Baumbach dürfte US-Independent-Fans vor allem durch
Der Tintenfisch und der Wal geläufig sein.
Baumbachs Stärke liegt ganz klar in seiner sehr trockenen, gerade deshalb so erfrischenden Beobachtungsgabe und Charakterzeichnung. Seine Drehbücher wirken, als ob sie jeden Moment stocken und urplötzlich anhalten würden. Der Witz rührt meist daher, dass man zunächst nicht lacht, sondern eher die Stirn runzelt, um dann im nächsten Moment doch loszuprusten. Auch in
Greenberg ist das spielerische Element bestimmend. Dies äußerst sich zumeist so, dass die Protagonisten in trockene Peinlichkeiten tappen, ihre Situationen ergründen und neu abwägen, um dann doch wieder in dieselben Strickmuster zu fallen. Man sollte
Baumbachs Arbeiten nicht mit Filmen der Mumblecore-Bewegung verwechseln – das Ganze hat nur wenig mit Werken z.B. eines
Andrew Bujalski, also Mitt-20ern, Low-Budget und Improvisation zu tun. Die Dialogstruktur, das unkontrolliert wirkende Interagieren der Personen ist hingegen ganz
Baumbach-typisch. Dennoch ist
Greenberg nur ein ordentlicher, aber kein wirklich guter Film geworden, ganz einfach deshalb, weil
Greta Gerwig eine wesentlich spannendere Hauptfigur abgegeben hätte. Der Film dümpelt dramaturgisch stark vor sich hin, was auf das geringe Interesse an Roger Greenberg zurückzuführen ist.
Ben Stillers Leistung ist hingegen sehr passabel, reicht aber eben nicht, um einem die Figur schmackhaft zu machen. Da sind es dann doch eher viele Einzelszenen, die meistens
Greta Gerwig involvieren und deshalb im Gedächtnis hängen bleiben. Die Berlinale-Wettbewerbstauglichkeit sei jetzt allerdings dahingestellt.