Bereits nach wenigen Minuten im Film erblickt man sie das erste Mal: Shutter Island. Die Insel ist ganz klar der Star dieses Films, nicht dass es diesem ansonsten mit
Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow uvm. an Starpower mangeln würde. Doch mit welch penibler Genauigkeit die großen drei Namen hinter der Kamera, Production-Designer
Dante Ferreti, Kameramann
Robert Richardson und Regisseur
Martin Scorsese die Insel, ihre kahlen Hallen und tiefen Klippen entwerfen und in Szene setzen, und auf einer Meta-Ebene auf die politisch angespannte Lage der 50er anspielen, ist höchst eindrucksvoll.
Im Film selbst verschlägt es den U.S. Marshall Teddy Daniels (Leonardo DiCaprio) zusammen mit seinem Partner Chuck Aule (Mark Ruffalo) nach Shutter Island, einer abgeschirmten Insel, auf der sich eine psychiatrische Anstalt befindet. Teddy und Chuck sollen ermitteln, wie es einer mehrfachen Mörderin gelingen konnte, aus ihrer abgeschlossenen „Zelle“ zu fliehen. Die Ermittlungen gestalten sich aufgrund eines aufziehenden Sturms sehr schwierig, doch Teddy findet immer mehr Beweise dafür, dass die Flucht der Gefangenen nur eines der geringeren Probleme auf der rätselhaften Insel sein könnte.
Die Insel repräsentiert dabei die wahr gewordene Paranoia der amerikanischen Gesellschaft der 50er, die - sich vom Trauma des Zweiten Weltkrieges erholend - inmitten des Kalten Krieges wiederum mit einer tiefen Existenzangst konfrontiert sah. Das Drehbuch von
Laeta Kalogridis zieht auch auf einer medizinischen Ebene Parallelen zu den Veränderungen und Streitigkeiten im Bereich der Psychoanalyse der 50er Jahre. Shutter Island repräsentiert dabei eine wahr gewordene Dystopie: Eine abgeschottete Insel, auf der mit klinisch Verrückten experimentiert wird - möglicherweise um den unbezwingbaren Supersoldaten herzustellen.
Scorsese verwebt diese Metaebene geschickt mit einem reinen, noir-ähnlichen Charakterdrama, das für
Leonardo DiCaprio beinahe maßgeschneidert wurde. Darüber hinaus überzeugt das ganze Ensemble, vor allem
Max von Sydow als leitender Doktor, den
Leonardo DiCaprio aka Teddy Daniels in einer großartigen Szene als deutschstämmigen Flüchtling mit womöglich befleckter Vergangenheit identifiziert.
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| Nach der Premiere von Shutter Island: Leonardo DiCaprio, Martin Scorsese, Michelle Williams, Ben Kingsley und Mark Ruffalo beim Photocall |
Handwerklich gibt es an
Shutter Island nichts auszusetzen. Als Filmenthusiast, ähnlich einem
Quentin Tarantino, hat
Scorsese beinahe einen angeborenen Sinn, um die ästhetischen Qualitäten eines Genres zu erfassen und gleichzeitig mit seiner eigenen Handschrift zu kombinieren.
Shutter Island ist zu 100%
Martin Scorsese, und dennoch ein
Scorsese, den wir so bisher noch nicht erlebt haben. Ein weiteres Merkmal, das
Scorsese mit
Tarantino gemeinsam hat, ist die Wahl seines Kameramanns:
Robert Richardson. Dieser leistet hier Außergewöhnliches, lässt Traumsequenzen mit den alptraumhaften Interieurs der psychiatrischen Anstalt verschmelzen, und sorgt so für die brutal-effektive Atmosphäre des Films – zusammen mit den sehr grotesk eingesetzten Klängen von
Gustav Mahler.
Scorsese holt aus
Shutter Island wohl das Maximale heraus, die stark konstruierte Geschichte kann er vor allem zum Ende hin jedoch nicht kaschieren. Da reiht sich ein Twist an den nächsten, da wird es kompliziert, lang, womöglich zu lang, um der Geschichte den würdigen Abschluss zu verleihen. Und trotzdem ist
Scorseses Ausflug in das Genre des Psychothrillers äußerst sehenswert - vielleicht nur um zum x-ten Mal die Gewissheit zu bekommen, dass der Mann sein Handwerk einfach versteht.