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Rutschiger Durchgangsverkehr


© David RamsIn der Gegend rund um den Potsdamer Platz herrscht momentan Ausnahmezustand: Filmverrückte, Touristen, Presse, Branche – so ziemlich jeder versucht sich seinen Weg zurechtzurutschen auf dem Parkett, über dem überall Berlinale geschrieben steht.

Recht schnell hat man begriffen, dass die Berlinale tatsächlich als eines der „großen“ Filmfestivals verstanden werden muss. Irgendwie beeindrucken einen die Menschenmassen, die plötzlich aus dem Nirgendwo auftauchen, nicht mehr – ist ja doch nur wieder irgendeine Pressekonferenz zu Ende gegangen. Die Überlebensstrategie ist hingegen denkbar einfach: sich seinen Weg im Vorfeld schon zurechtzusuchen und schnurstracks ohne wenn und aber weiterzuverfolgen. Irgendwie schade, dass hier Zwischenmenschliches schnell zur Nebensache wird, weil die Masse dann doch irgendwie zu mächtig und anonym wirkt, um einladend zu sein. Selbst der W-Lan-Hotspot wird nicht zur netten Plauschrunde, sondern für reine Schreibarbeit genutzt. Den biblischen Rat „Bleib auf dem Weg“ sollte man hier durchaus wörtlich nehmen.

Der fast komplette Film

Phrasen aufschnappen ist bekanntlich auch so eine Unart auf dem Festival. „Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein!“ Na schon erraten, in welchem Film diese Phrase die zentrale Rolle einnimmt? Natürlich in Metropolis, dessen glamouröse Premiere im Friedrichstadtpalast sicherlich zu einem der Highlights des Festivals gehört. Über Langs und Thea von Harbous Drehbuch darf man sich inzwischen öffentlich räuspern, um nicht gleich zusammen mit Maschinen-Maria auf dem Scheiterhaufen zu landen. Dennoch hat die restaurierte Fassung dieses Science-Fiction-Urvaters nicht an Größe und Vorbildfunktion verloren, vor allem wenn dabei das Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester unter der Leitung von Dirigent Frank Strobel die Partitur von Gottfried Huppertz so kraftvoll und inspirierend interpretiert. Den ernüchternden Zustand der neuen Szenen hatte ich nicht ganz so erwartet, vor allem auch wegen des etwas unterschiedlichen Bildausschnitts, dennoch fügen sie weitere wichtige Puzzleteichen in die epische Geschichte ein. Auch über die Berlinale hinaus wird Langs Film nicht nur eines der langlebigsten "restauration-in-progress" Werke bleiben, sondern seine Vorbbildfunktion für die moderne Science-Fiction-Filme nie ablegen.
Ein durchwachsener Forums-Einstand

Etwas enttäuscht war ich jedoch von den ersten Sichtungen in der Forumsektion. Zwar stellt das Forum Expanded die wirklich experimentelle, intermediale Schiene des Festivals dar, doch sollten sich gerade im Forum die Highlights tummeln, die so gar niemand auf seinem Notizzettel stehen hatte. Konventionell ist der argentinische Beitrag El recuento de los daños nicht unbedingt, seine starren, weitwinklingen Aufnahmen von faden Schauplätzen und noch faderen Figuren, sorgen aber nicht zwangsläufig für einen künstlerischen Mehrwert. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes, der die Bonität einer Fabrik überprüfen soll. Der Fabrikdirektor ist in der Nacht zuvor bei einem Autounfall umgekommen, seine Witwe und ihr Bruder leiten das Unternehmen. Zwischen dem jungen Mann und der Witwe entwickelt sich eine Liebesaffäre, doch das Unternehmen geht langsam dem Abgrund entgegen. El recuento de los daños leidet an einer dieser typischen „Arthouse-Krankenheiten“ in starrer, ausgebleichter Stilisierung die Leere seiner Figuren auffangen zu wollen und dann doch ganz unstilvoll daran zu scheitern. Während sich zu Beginn des Films noch Lichter auf Front- und Heckspiegeln eines Autos wirkungsvoll spiegeln, teilen, zusammensetzen und der Film neugierig auf sein Sujet macht, verpufft das alles, sobald die Figuren beginnen, emotional dahin zu vegetieren – und wir gleich mit ihnen. Stilisierte Langeweile ist eben immer noch Langeweile.

Mit der Dokumentation The Oath gelang nach weiteren, höchst mittelprächtigen Filmen, dann doch noch einmal der ersehnte Volltreffer. Regisseuren Laura Poitras widmet sich dem Leben von Abu Jandal, einem ehemaligen Bodyguard von Osama bin Laden, der heute als Taxifahrer in der Hauptstadt Jemens arbeitet. Parallel dazu wird die Geschichte von Salim Hamdan aufgerollt, einem Guantanamo-Häftling, der jahrelang aufgrund dubioser Vorwürfe festgehalten wurde, bis ihm der Prozess gemacht wird. Salims Inhaftierung stellt die Verbindung mit Abu Jandal, der hier hauptsächlich während seinen Taxi-Fahrten und den Gesprächen mit einer Gruppe Jugendlicher gezeigt wird. Jandal hat vor vielen Jahren dem Jihad abgeschworen, zumindest außerhalb des Schlachtfelds, und führt seinen Krieg nun lieber mit „dem Stift“ als mit der Waffe, wie er selbst sagt. Jandal wirkt dabei zerstreut zwischen den verschiedenen Kulturen, denen er selbst einmal angehört hat, und vor allem seinen eigenen Ideologien. Trotz seines Treueschwurs an Osama bin Laden, den „Scheich“, den er in seinen Ansprachen an die Jugendlichen immer noch verehrt, flackert immer wieder ein Stück Demut in seinen Augen auf, das so gar nicht passen will zu diesem Image des unerschrockenen Jihadisten. Poitras zeichnet mit Hilfe von visualisierten Schriftstücken ein umfassendes Porträt von Abu Jandal, der bis zum Ende seiner Selbstrepräsentation einen sehr zwiespältigen Eindruck hinterlässt – gerade dies ist ein Verdienst von Poitras' sorgfältiger Zusammenstellung der brisanten Aussagen ihres Protagonisten.


Website der Berlinale:
Die Kritik zum Eröffnungsfilm - Berlin trifft Shanghai
http://www.allesfilm.com/show_article.php?id=24592
 

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