Einem Filmfestival wird grundsätzlich immer vorgeworfen, zu selten wirklich politisch zu sein. Dies bringt natürlich auch unwiderruflich Gefahren mit sich, die man als Festivaldirektor wohl nur selten in Kauf nehmen möchte.
Wang Quan’ans Tuan Yuan scheint da wie ein Glücksfall zu sein, quasi ein weiteres Geschenk zum 60. Geburtstag der Berlinale, da er thematisch durchgehend deutsche und Berliner Geschichte referiert, und doch völlig losgelöst von seiner politischen Komponente eine sehr intime und zerbrechliche Familiengeschichte erzählt.
Im Zentrum des Films steht die Rückkehr von Liu Yansheng in seine Geburtsstadt Shanghai, nachdem er 50 Jahre im Exil in Taiwan leben musste, da er im Chinesischen Bürgerkrieg gegen die Kommunisten gekämpft hatte. Zurücklassen musste er seine große Liebe Qiao Yu-E und ihren ungeborenen Sohn. Liu Yansheng erfährt bei seiner Rückkehr, dass Qiao Yu-E inzwischen mit Lu Shanming liiert ist und mit ihm zwei Töchter hat. Lius Rückkehr erweckt bei Qiao Yu-E alte Gefühle, woraufhin ihr Liu vorschlägt, dass sie mit ihm nach Taiwan zurückziehen soll…
Liebe und Familienkonflikte gehen in Asien bekanntlich durch den Magen. Ähnlich wie im letztjährigen Viennale-Beitrag
Treeless Mountain, wird auch in
Tuan Yuan die Familienstruktur, die emotionale Bindung der einzelnen Familienmitglieder zueinander, durch das Verhalten am Esstisch ausgedrückt.
Wang Quan’an widmet sich im Eröffnungsfilm der
Berlinale dem „Mikrokosmos“ Familie und drehte dabei einen stark politischen Film. Nicht nur, durch das immer wieder thematisierte Gefälle zwischen neuen und alten politischen Strukturen Chinas, sondern vor allem durch seine präzise Beobachtungsgabe in den "politischen Apparat" einer Familie. Da sitzen zwei ehemalige Kriegsgegner beieinander und fechten im Kampf mit Nettigkeiten ein Duell um eine hin- und hergerissene Frau aus – mit viel Essen und Alkohol versteht sich. Die eine Partei ergibt sich ihrem Schicksal, nur um dann gekränkt noch einmal den Gegenangriff zu starten. Es ist ein Film, der von den vielen langen und statischen Einstellungen getragen wird, stark von seinem großartigen Ensemble abhängig ist und immer nur die ganz leisen Töne treffen muss, um große Emotionen zu erzeugen.
Und doch verkneift sich Quan’an nicht, auch einen Kommentar zum „Big Picture“ zu geben. Ähnlich wie Olivier Assayas betreibt er ausgiebig Ursachenforschung zum Zerbrechen von familiären Strukturen und dem Loslösen von Traditionen. Hier werden sie durch den Umzug von einem ärmlichen, aber über Jahrzehnte geliebten Heim in einen der boomenden, überdimensionalen Hochhausbauten Shanghais, versinnbildlicht. In einer der zentralen Szenen des Film stehen Yu-E und Liu Yansheng in besagter Wohnung, die zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht fertig gestellt ist. Während Liu verlegen kommentiert, dass man ja immerhin einen Fensterblick auf den Fluss hat (obwohl dieser die beiden vor 50 Jahren getrennt hat), erwidert Yu-E, dass dieses Fenster später noch zugemauert werden wird. Der unumgängliche Blick in die Vergangenheit, lässt auch in der Gegenwart nur die Flucht als Möglichkeit offen. Und wohl niemand, wird jetzt noch ernsthaft zweifeln, dass Quan’an in diesem Jahr ein heißer Anwärter auf den Goldenen Bären ist.