Qualm in Rotterdam: Während er im israelischen Venedig-Sieger einen Panzer
füllt, und Modemacher Tom Ford der Zigarette ihre Erotik zurückgibt,
haben sich die rauchenden Festivalbesucher längst ihre Plätzchen gefunden, um
weiter dem Laster zu frönen.
Die Kinder müssen von der Straße geholt, die Raucher auf sie gesetzt werden; Rumlungern aber muss sein. Auch in den Niederlanden hat sich das Spalier derer, die nach 90 Minuten schon auf Nadel sitzen, aufs Trottoir vor den Kinos verlagert. Gleiches Bild beim Festivalzentrum De Doelen: Drinnen das Mittagessen, draußen die Verdauungszigarette, und oben, wo sich die Fachwelt tummelt, gibt es die kleine Terrasse, auf die rege geflüchtet wird, um sich in der Kälte eine anzuheizen.
Auch wenn das Tschicken in der Sammel-Verbannung gar nicht mehr so chic ausschaut, brechen doch gar nicht wenige Festivalbeiträge hier eine Lanze für die Sucht. In Slovenian Girl, von dem schon einmal die Rede war, zwingt es Papa und sein Callgirl-Töchterchen vors Beisl, damit er feststellen kann, dass sie friert: „Verdammt sei das Anti-Raucher-Gesetz! Das wird mein Kind zugrunderichten!“ - So lässt sich wahre Opposition äußern. Oder derart, wie es Tsai Ming-Liang in Visage macht: Er lässt reihum einen Glimmstängel nach dem anderen konsumieren; aus Lust. Zur Qual. Vielleicht auch, weil es ein Frankreich-lastiger Film ist, der eben nicht wie diverse Amerikaner in die Vergangenheit ausweichen muss, um solche Laster dann erst recht aufs Podest zu heben - die Rede ist vom Modeschöpfer Tom Ford, der sich mit A Single Man als Regisseur versucht; der in die 1960er flüchtet und dort seine Zigaretten für - fast könnte man meinen - Sexualakte mit Colin Firth und anderen einspannt. Aber: Damals durften sie ja noch...
Die Unsichtbaren
Bleiben wir gleich bei
Tom Fords Filmerstling, der auf den ebenso betitelten Roman von
Chistopher Isherwood als Stoff zurückgreift.
A Single Man war zur Zeit seiner Publikation 1964 aufgrund seines Inhalts skandalös. Heute ist davon kaum noch die Rede, ist es beinahe ein Period Piece zu sehen, wenn der Literaturprofessor George (
Firth) just am Höhepunkt der Kubakrise beschließt, etwas gegen die Verzweiflung zu unternehmen, die der Tod seines Geliebten Jim hinterlassen hat. Er macht sich auf in einen Tag, an dessen Ende er sich das Leben nehmen will: Er verabredet sich mit seiner besten Freundin Charlie (
Julianne Moore), unterrichtet, erinnert sich, regelt penibelst seine Angelegenheiten. Wird von seinem Studenten Kenny (
Nicholas Hoult) aufgesucht, der sich von Georges Worten über die Unsichtbaren in der Gesellschaft, die der Mehrheit Angst machten, selbst angesprochen zu fühlen scheint, ohne dass beide mehr als andeuten dürften, wie sie es meinen.
Ford weiß genau, wie er diese tragische, sehr nach innen gerichtete Erzählung umsetzen will. In Firth und Moore hat er dabei auch zwei sehr starke Akteure, und er hat den Stil, der für diese Epoche richtig scheint: Perfekte Menschen in perfekten Interieurs, perfekt angezogen, wahren den Schein, dass alles in Ordnung ist.
A Single Man kommt einer Sinfonie der Posen gleich, in der Farbgebung und -sättigung mit Georges emotionaler Lage anschwellen und abebben. Man sieht die Regler, die Ford dreht, und er will es auch so - und er übertreibt es. Sein Regiedebüt ist protzig, erstickt an der Ästhetik seiner eigenen Bilder.
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| Psycho an der Plakatwand, der hispanische James Dean am Wagen, und Smog in der Luft: Der Genuss steht George (Colin Firth, l.) in die Farben geschrieben |
Panzer nach San Tropez
Was
Samuel Maoz mit
Lebanon unternimmt, ist kühn, und wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen belohnt: ein komplettes Kriegsdrama, mehr sogar die Nation Israel als Vier-Mann-Besatzung ins Innere eines Tanks zu stecken, in beklemmende Unsicherheit und winzige Sicht auf die Außenwelt, uneins untereinander, nie im Klaren, wer draußen Freund oder Feind ist - und darauf den Gefechtshorror einprasseln zu lassen: Die zusammen gestoppelte Mannschaft eines Panzers bekommt zu Ausbruch des Libanonkriegs 1982 Befehl, einem Fallschirmjägertrupp auf dessen Mission zu unterstützen. Der erklärte Spaziergang wird schnell zum Fiasko: Die Syrer sind da, ihr Weg ist abgeschnitten. Der Tank wird getroffen.
Worunter der Film leidet, ist, dass Maoz weniger der Realismus seiner Einstellungen wichtig ist denn deren Wirkung: das Marienbild, das noch in einer zerschossenen Wohnung hängt; das Fanal des Hubschrauberrotors, der sich über der offenen Luke positioniert, um einen „Engel“, einen Gefallenen, abzuholen. Die Gesichtsausdrücke. Am Boden sammelt sich der Sud des Kriegs, an der Wand steht „Man is steel. The tank is only iron“ - Männer aus Stahl sind hier keine, nur vom Kriegsnebel aus Schock und Zynismus Überwältigte. Jedoch: Maoz löst sein Vorhaben, eine große Menge an Thematiken in eine sehr kompakte Hülle zu pressen, mit Kniffen, die Teilen genau jener Unmittelbarkeit gegenwirken, die er in der Form gewählt hat. Gerade weil er eigentlich vergessen lassen sollte, dass er ein Film ist, erweist sich
Lebanon deshalb als unangenehm artifiziell.
Arf! Arf!
Mit unserer Erwartung, dass etwas passieren wird, spielt
Pablo Stoll (mit dem verstorbenen Juan Pablo Rebella Regisseur von
25 Watts und
Whisky), wenn er seinen Bruder
Juan Andrés zum Hauptdarsteller macht:
Hiroshima - auch der Titel eine Ankündigung - folgt dem Slacker durch einen dieser planlosen Tage, in den der Zufall gleich reihenweise interveniert. Der Soundtrack rockt aus seinen Ohren, doch was geredet, was gebellt wird, kommt als Zwischentitel. Während Bruder Stoll einen von Seltsamkeiten bewachsenen Weg geht, entwickelt Regisseur Stoll gewitzte kleine Ideen: Szenen, in denen der Held mit seiner Freundin in Wiederholungsschleife Mittagspause macht; eine Western-Duellsituation Sohn gegen Vater, die in einem Zeitlupen-Geschubse mündet. Oder ein absurdes Fußballspiel, bei dem es gerade 167 zu 165 steht. Nur einigen seiner Einstellungen kann er aber diesen Humor, diese Experimentierfreude, überhaupt Relevanz verleihen:
Hiroshima bleibt ein zäher Genuss, mit wenigen lohnenden Streichen.
International Film Festival Rotterdam