Viele verirren sich in Rotterdam, die wenigsten aber verirren sich nach Rotterdam. Abseits des lustigen Missionen-Austauschens unter Unbekannten zeigt im Reich der Filme das Gastgeberland auf - und der Pusher-Regisseur enttäuscht mit seinem barbarischen Epos.
Abends, in geselliger Runde unter Unbekannten, die bei einem Filmfestival in der Ferne zu den besten Kurzzeit-Vertrauten werden, werden Funktionen ausgetauscht: Derjenige ist am Cinemart, sein Projekt vorstellen, diejenige ist die einzige Russin auf einem Empfang, der einem russischen Film gilt. Der Kollege aus Brasilien ist gleich in mehreren Funktionen da, unter anderem in offizieller, die Produktionen seines Heimatlandes zu promoten - und erzählt auch gleich, wie schwierig die Lage für die eigenen Filme am eigenen Markt ist. Sein Nachbar, der aus einem Städtchen nahe Porto kommt, grast vor allem die Kurzfilme ab, um sein eigenes Festival im Juni anzureichern. Und mit mir, scherzt die Russin, solle man lieber nicht reden, denn: Der nimmt das alles auf! - Irgendwie hatte sie recht. Aber es macht eben auch extrem viel Spaß, sich so kunterbunt auszutauschen wie hier und sonst kaum anderswo.
Mach es ästhetisch, mach es schmerzvoll
Von kleinen, unprätenziösen Filmen ist
Nicolas Winding Refn inzwischen so weit entfernt wie die Gegenwart vom Zeitalter der Wikinger. Genau dorthin verschlägt es ihn samt altem Kumpanen
Mads Mikkelsen mit
Valhalla Rising, einer optisch kaum gezirkelter vorstellbaren Legende von einem bestialischen, schweigenden und noch dazu einäugigen Krieger, der zum Zeitvertreib seiner heidnischen Sklavenhalter auf Leben und Tod kämpfen muss - jedenfalls so lange, bis er seine neuen Besitzer metzelt. Begleitet von einem blonden Jungen, der sich ihm als einziger gefahrlos nähern darf, stößt er bald auf Christen, die nach einem Blutbad unter den Ungläubigen so richtig in Stimmung sind, ins Heilige Land zu fahren. Einauge stimmt zu, mitzukommen, doch nach einer verheerenden Flaute erreichen sie nicht Jerusalem: Der Flecken Land, wo sie sich finden, scheint die Hölle selbst zu sein. Durchsetzt von blutroten Visionen, der Ästhetik rauer, unzivilisierter Natur und Brocken von Metaphysik, die keinem höheren Sinn dienen, will
Refn mit
Valhalla Rising nichts weiter als Epochales schaffen. Hinter den hochstilisierten Kapiteltiteln und den möglichst schmerzvollen Massakrierungen steckt aber entsetzlich wenig Substanz, meist sogar eher das Gefühl, dies und jenes könnte von anderswo entlehnt sein.
Master Ivan
Über weite Strecken beeindruckend nimmt sich
Win/Win aus, in dem der Niederländer
Jaap van Heusden die Zeit nach der sogenannten Weltfinanzkrise anbrechen lässt: Das Zocken geht weiter, nahtlos. Während auf den Fernsehern andere Broker weinend das Feld räumen, rückt Ivan (ideal besetzt:
Oscar van Rompay) an: Gerade mal 24, hat das asthenische Zahlengenie in Windeseile seinen Büroplatz, ein Firmenappartement, und überflügelt seinen Entdecker und Boss. Auch Deniz (
Halina Reijn,
Black Book), die Empfangssekretärin, ist fasziniert von dem, was er sagt, was er sieht, wie er linkisch ihre Nähe sucht. Während aber sein äußerer Status aufblüht, wird Ivan innerlich aufgerieben: Verzweifelt versucht er, in all den traumgleichen Vorkommnissen Realität zu spüren. Harmlos erst, barfuß auf seinem Flokati. Bald aber lässt ihn das Börsenspiel nicht mehr schlafen. Er wandert nachts durch Amsterdams Straßen; nichts hilft. Je mehr er sich wehrt, je mehr er in seiner sozialen Unzulänglichkeit Kontakt sucht, desto verheerender gelingt ihm das; sein Fluch, erfolgreich zu sein, verhöhnt ihn nur noch mehr.
Van Heusden weiß dieses Psychogramm eines Süchtigen vor allem optisch brilliant umzusetzen: Nichts vermag Ivan in seiner künstlichen, effizienten Umgebung Halt zu geben. Mit Hilfe einiger erstaunlicher Dialoge relativiert
Win/Win auch seine größte Schwäche: die relativ simple, symbolgierige Struktur.
Watch Me Now, I'm Going Down
Das inhärente Problem von Koproduktionen sind die Stunts, die unnatürlichen Verrenkungen, die sie hinlegen, um das internationale Potenzial zu stärken. Anders gesagt: Koproduktionen killen kleine Filme, indem sie sie auf Marktattraktivität aufblasen.
Slovenian Girl, immerhin aus slowenisch-deutsch-serbisch-kroatischen Händen, ist ein gutes Beispiel dafür: Die Studentin Sasha steckt bis zum Hals in Schulden. Um über die Runden zu kommen, verdingt sie sich in Ljubljana als Callgirl; Slowenien hat gerade die EU-Präsidentschaft inne, es mangelt also nicht an Delegierten, die sich ein Mädchen ins Hotel bestellen wollen, vor allem wenn es sich Slovenka nennt. Als einer ihrer Kunden ein Viagra zu viel schluckt, die Polizei sie daraufhin sucht, Zuhälter sie bedrohen, weil sie das Gewerbe selbstständig ausübt, der Ex aus seiner durch sie zerrütteten Ehe hinaus ihr keine Ruhe gibt, ihr die Felle an der Uni davon schwimmen und ihr einziger vager Halt der Papa in seiner tiefen Depression im heimatlichen Krsko ist - wenigstens das AKW kommt nicht vor - bricht ihr Kartenhaus von einer besseren Existenz über ihr zusammen. Blaulichtkolonnen rauschen refrainhaft durch die Straßen, die Kleinen feixen gegen die Union und die männliche Gewalt wirkt schaukräftig-plump auf Sasha ein: Auch wenn
Nina Ivanisin in der Hauptrolle souverän agiert, ist
Damjan Kozoles Streifen in zahlreichen Momenten auf der ärgerlichen Seite.
International Film Festival Rotterdam