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Lebendpuppen, Pixelwände


Auch Asien schickt heuer wieder eine Unzahl an Produktionen nach Rotterdam. Filmemacher wie Ishii Yuya oder Wu Haohao würden hier oder anderswo aber wohl kaum gezeigt werden, wäre nicht die Digitalität zur Normalität geworden - samt zugehörigen Feinheiten, die gelegentlich sichtbar werden.

in Rotterdam: Thomas Taborsky

Die Zeiten ändern sich. Zwar noch nicht am Bauplatz neben dem Festivalzentrum De Doelen, wo schon vor zwei Jahren recht bescheiden behauptet wurde, dass hier bald das neue Herz von Rotterdam schlagen würde, aber im Saal: Wir sind im Strudel der digitalen Projektion, und werden da auch nicht mehr raus kommen. Das bedeutet aber genauso: Kalibrierungsorgien vor den Screenings, denn die Bildwerfer müssen erst mal auf ein Format eingestellt werden, das ein chinesischer Untergrund-Filmemacher für sich gewählt hat. Ein Bonus-Spaß, dem als Zuschauer beizuwohnen, wenn zehn Minuten lang mit der Abstimmung herum gespielt wird. Meist wird dieses Spiel sogar gewonnen...

Forever Live the People!

Wu Haohao sagt von sich selbst, dass er ein Phänomen ist, das wahlweise zum Aufschneider oder Genie erklärt wird. Sein Projekt Kun1 Action ist eine einzige Rechtfertigung dieser Kontroversität: Aus Aufnahmen seiner unmittelbaren Umgebung (Freunden, Bekannten, seinen Eiern) und einem Netz aus Feststellungen über die Welt erklärt er, dass alles verkommen ist, sich selbst zum Genossen von Godard und gründet die Neue Kommunistische Partei, deren Symbol er dann auch großzügig auf ideologisch aufgeladenen Plätzen sprayt. Fragmentiert und sehr egozentrisch, landet er mit viel Krawall am Ende doch mehr auf der Aufschneider-Seite.

photo: International Film Festival Rotterdam

How Are You? I'm Fine, Thank You.

Seine Eigenwilligkeit hat Independentfilmer Ishii Yuya auch bei To Walk Beside You nicht eingebüßt: Mit gehörig absurder Komik erzählt er die durchaus ernste Geschichte von Norio, der mit seiner Lehrerin, Frau Tanaka, nach Tokio durchbrennt. Nicht aus dem üblichen Grund: Er soll unter ihrer Anleitung büffeln, um einmal Anwalt zu werden. Sie will derweil etwas gegens Altern unternehmen - schließlich ist sie schon 34! Alles Fassade: Stattdessen steht sie abgebrannt und äffchenmäßig vor einer Karaokebar, scheitert beim Kundenrekrutieren. Norio begegnet währenddessen einem Waisenjungen, der ihn für sein Baseballidol Mr. Abe, wohl dem schlechtesten Spieler der Liga, hält - und Norio will ihn nicht enttäuschen. Auch wenn sich der Stil von Ishii langsam ins Versöhnlich-Mainstreamige zu richten scheint: Die eigentümliche Dynamik, mit der er den Problemen seiner Charaktere nachgeht, und selbst tragische Situationen ins Absurde dreht, funktioniert immer noch ausgezeichnet.

photo: International Film Festival Rotterdam

I am an air doll, late model, cheap one

Die Frage, die sich umgehend bei Koreeda Hirokazus Air Doll stellt, ist: Wann nutzt sich die Idee ab, eine Sexpuppe zum Leben zu erwecken - oder wie es der Film sagt: sie ein Herz finden zu lassen? Nozomi (Bae Du-na) dient ihrem Besitzer als Gesellin, wenn er heim kommt, als Körper zum Anlehnen; natürlich zum Sex. Dann wacht sie eines Tages auf, tritt zum Fenster: „Schön“, spricht sie ihr erstes Wort. Sie nimmt sich ihr Hausmädchendress, einen Schirm und trippelt vorsichtig durch die Stadt, sieht Menschen, macht sich ihren Reim. Im Kern jedoch ist sie immer noch eine Puppe, auch wenn sie einen Job in einem Videoladen annimmt. Puppen können ihre Luft verlieren.
Stück für Stück erweitert Koreeda den potenziell billigen Gag zur Reise eines unschuldigen Geistes; zu einem so magischen wie tragischen Märchen über Menschen, die in ihrer Einsamkeit gefangen sind. Sorgfältigst konzipiert, genau in der Beobachtung und behutsam musikalisch unterlegt, entzieht sich der Film den Falltüren der Skurrilität. Bei aller Vorsicht mit diesem Wort: er bezaubert.

photo: International Film Festival Rotterdam

International Film Festival Rotterdam
 

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