Wie die Belagerung von Leningrad heute noch rührt, wie die Knastgesellschaft völlig ungerührt auf Leben und Tod abläuft und was italienische Teens machen, wenn man ihnen ein Kamerahandy gibt: Um saftige Filmbüschel ist Rotterdam auch heuer nicht verlegen.
Die gepflegte Nahrungssuche und das Bestreben, interessante Filme zu sehen, sind sich recht ähnlich. Nicht umsonst sind das die beiden zentralen Beschäftigungen für die Herde, die sich auf die Weide Rotterdam begeben hat. Denn finde mal jemand heraus, wo es die besten surinamesischen Broodjes der Stadt gibt, wenn schon vor dem ersten Kandidaten ca. zwölf Lokale mit ganz speziellen Festivalmenüs locken. Wenigstens kommen die Filme nie aus dem Straßenautomaten, wie manche kau- und geschmacksresistente Krokettenexemplare, die man sich hier gegen Bares aus einem Sichtfensterfach ziehen kann; nein, die Filme verstecken sich hinter ihren Katalogbeschreibungen. Dann doch besser ins Gespräch kommen mit jemandem, und sich stecken lassen, was man nicht verpassen darf. Oder eben wo das sagenhaft gute Essen lauert. Denn: Beides schmeckt man lange nach.
Geschichte in Gesichtern
Nachhall hat auch das, was
Alexander Sokurov in
Reading Book of Blockade vortragen lässt: die Erinnerungen von Leningradern an die Zeit der Belagerung durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Unterschiedlichste Menschen stellt er in ein Aufnahmestudio, vom Knaben über junge Rekruten, Schauspieler, Ältere, lässt sie Passagen aus
Alexander Adamovichs und
Daniil Granins berühmtem Buch lesen. Wenngleich vergleichsweise dezent, so kann er sich dabei nicht der Inszenierung entziehen: Mit einer Scheibe, auf der Fenster skizziert sind, an der Regen beschlägt und die sich manchmal vor, manchmal hinter den Vortragenden befindet, dazu hintergründiger Sturmwind und klassische Musik, besorgt er seine eigene Dramaturgie - und etwas Pathos, wenn er sein Projekt auch noch erläutert. Seine Kraft gewinnt Reading Book of Blockade aus der Wirkung, die sich an den Lesenden zeigt: Wenn das Deklamieren oder reine Ablesen ins Gewahrwerden, in die Rührung umschlägt, dann springt die Erinnerung über vom damaligen Leben und Sterben, von Menschlichkeit und deren Verlust. Jenes Ziel, das es Sokurov formuliert, erreicht er: „Unsere Geschichte kann nicht in der Vergangenheit sein, sie ist immer hier und mit uns.“
They fucked us! - There is no 'us'.
Nicht jeder, der seine Kamera auf einen Hinterkopf richtet, heißt Dardenne, aber auch das kompromisslose Drama von
Michael Noer und
Tobias Lindholm ist dem Naturalismus verschrieben: Bedrängend und allgegenwärtig stellt
R die Gewalt in Horsens dar, einer Haftanstalt, in die der vergleichsweise schmächtige Rune eingeliefert wird. Die Insassen, die Wärter wissen: Hier kommt einer, der zum Runterputzen bestimmt ist. Also lässt ihn ein Kerl, den sie Steinmetz nennen, seine Drecksarbeit machen. Doch auch der steht nicht oben in der Hackordnung. Als Rune die Gelegenheit dazu bekommt, will er dadurch aufsteigen, dass er dem Block-Boss bei dessen Drogengeschäften hilft - und spannt den Stiefelleckerkollegen des Nachbarblocks, Rachid, in sein Transportsystem ein. Damit, dass er die Deckung seiner Position ganz unten verlässt, beschwört er fatale Konsequenzen herauf. Bemerkenswert ist nicht nur, wie Noer und Lindholm ihr Konzept dieser Umgebung der unerbittlichen Härte durchziehen - und die Geschichte von Rune mit jener von Rachid koppeln - sondern wie sie auch für Momente das Sanfte unter Männern zeigen, die sich keine Schwächen leisten dürfen. Selbst wenn der Film genauso strikt dabei ist, jeder Hoffnung, die in uns dadurch keimen könnte, brutalst den Boden wegzuziehen. Bemerkenswert.
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Das ist meine Geschichte...
Dem großen Problem des Dokumentarismus, der Nähe zum Subjekt, stellt sich der Italiener
Andrea Caccia, indem er siebzig Kamerahandys an Jugendliche verteilt und sie ihren Alltag selbst filmen lässt. Teils nach einem Tagesablauf montiert, teils thematisch geblockt, assoziiert
Vedozero das Material zu einer Skizze italienischer Mittelstandsteens. Ob widersprüchlich, verliebt, unsicher, hedonistisch, wie auch immer: Die Kids geben es selbst preis, richten die Kamera auf die Dinge, die ihnen wichtig sind, in den Situationen, in denen sie sich am wohlsten, am privatesten fühlen. Um dorthin vordringen zu können, tauscht
Vedozero eben bewusst Bildqualität gegen Unmittelbarkeit ein. Eine Garantie für Authentizität ist das mitnichten; dafür sitzen auch zu viele Sub-Regisseure im Boot, die sehr wohl wissen, was sie von ihrem Leben präsentieren wollen, und wie.
Caccia kann lediglich für sich in Anspruch nehmen, quasi als Herausgeber all diese Selbstverständnisse und Sichtweisen konsistent auf eine Gesamtheit destilliert zu haben.
International Film Festival Rotterdam