Wieder ein Jahr, wieder ein Haufen Filme, wieder das Mammutunternehmen, aus ihnen allen die paar herauszupicken, die es wert waren. Die allesfilm-Redaktion hat sich auch heuer darüber den Kopf zerbrochen, wer die Glorreichen waren - und wer die Halunken.
Reinhard Bradatsch
Die Lichtblicke
Das heurige Kinojahr: eines der Filmrentner, der Abgeschriebenen und der Totgesagten. Ich denke da an das nach wie vor arbeitswütige Denkmal
Manoel de Oliveira (
Eigenheiten einer jungen Blondine); an
Clint Eastwood, der sich in den letzten 50 Jahren vom belächelten Ordnungshüter zum Gewissen des amerikanischen Independentkinos hinauf gearbeitet hat, und mit Dramen wie
Gran Torino wutstampfend auf das Establishment losgeht; oder an das Stehauf-Männchen
Mickey Rourke, der – wie in realiter – in
The Wrestler ungeniert physische Grenzen überschritten hat.
Ach ja: Von Kritikern nach der selbstverliebten Stuntvernissage
Death Proof der ewigen Wiederholung bezichtigt, haute
Quentin Tarantino heuer mit
Inglourious Basterds sowas auf den Putz, dass Freaks, Wissenschafter und Hausfrauen gleichermaßen die Kinos stürmten: Aus Drama und Komödie sowie Historie und Popkultur ein Meisterwerk formen? Tarantino kann's. Seine Besessenheit und Leidenschaft förderten mit
Christoph Waltz den neuen Ober-Nazi-Darsteller zu Tage. Obendrein schuf sein Gespür für Visualisierung den Kinomoment des Jahres: Als sich die Nazielite im Kino über abgefackeltes Feindesland amüsiert, entzündet sich hinter der Leinwand das wahre Feuer – entfacht von der jüdischen Besitzerin. Ein Bild von unerschütterlicher Energie. Wie es hätte sein können, wenn...
Ganz vergessen soll der Nachwuchs auch nicht werden: Ausgezeichnet bei der Berlinale, akklamiert bei diversen Festivals, stellt das rumänisch-ungarisch-britische Rachedrama
Katalin Varga von
Peter Strickland einen eindringlichen Kontrapunkt zur lauten Effektheischerei dar. Eine simple Geschichte in großen Bildern, die uns in eine Zeit alttestamentarischer Moralvorstellungen versetzt.
Die Ärgernisse
Lars von Trier kann man mögen oder nicht. Eine Zeit lang musste man dem dänischen Regisseur zumindest zugestehen, in drastischen Bildern das eine oder andere heiße Eisen anzupacken.
Antichrist ist nur noch Hohn:
Von Trier verhöhnt den Zuschauer, seine Darsteller und das Kino. Den Sturz eines Säuglings in Zeitlupe mit Händelscher Opernarie unterlegt, auf den Leichnam tanzende Schneeflocken fallend – diese Einstellungen sind nicht verstörend, provokant, sondern allein von rücksichtsloser Menschenverachtung gekennzeichnet.
Grimmig dreinschauende, knurrende Kreaturen mit axtgleichen Hauern, die sich über ein Rudel zahmer Rehe hermachen. Midnight Horror, Universum hardcore oder schon wieder
von Trier? Mitnichten.
Niko - Ein Rentier hebt ab heißt die vermeintliche Weihnachtseinstimmung für die Kleinsten.
Stephen King hätte seine Freude daran, nicht aber 4-jährige. Die verließen samt Eltern bei düsteren Bildern vor noch düsteren Fratzen schreiend den Kinosaal. Es muss nicht immer Disney sein, aber das...
Rot-weiß-rot
Der österreichische Film stagnierte trotz Oscarnominierung und leerer Politikerversprechen auch 2009 nicht. Mit der geistreichen autobiographischen Doku
Mein halbes Leben sorgte
Marko Doringer für den Überraschungshit des Jahres – der Film hielt sich wochenlang in den Kinos. In
Eine von acht bewies
Sabine Derflinger in der Begleitung zweier krebskranker Frauen Sensibilität und Zurückhaltung. Und bei
Michael Haneke geht mir nicht einmal mehr die Filmmusik ab.
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| Sehenswertes aus Österreich: Marko Doringer skizzierte in Mein halbes Leben sich selbst und die heutige Generation der 30-Jährigen. |
Unvergessen
So schwülstig und unglaubwürdig kann
Peter Kerns Politparabel
Blutsfreundschaft gar nicht sein, als dass ER sich nicht mit Verve darüber hinwegsetzte:
Helmut Berger, ehemaliger Szene-Schönling der italienischen Schickeria, Ex-Liebhaber des Regiegiganten
Luchino Visconti und unumstößliches enfant terrible, packt noch einmal die näselnde Diva aus. Trotz sichtbarer Altersmüdigkeit fegt er elegant über das grottenschlechte Ensemble hinweg, bringt jeden noch so schlimmen Drehbuchschnitzer mit stoischer Gelassenheit über die Lippen. Große Momente mit einem großen Schauspieler, der – selbst gebeutelt durch private Schicksalsschläge – vielleicht zum letzten Mal so auf der Leinwand zu sehen war.
David Rams
Das Beste Fetisch, Perversionen, Tabus, Sekten, Schulmädchen, Liebe… Nein, hier sind nicht die Vorlieben eines
allesfilm-Redakteurs gemeint, sondern die Zutaten, die
Sion Sono in ein vierstündiges Liebes-Epos namens
Love Exposure verpackt. Wer schon immer wissen wollte, wie vielseitiges, absurdes, gleichzeitig aber auch bezauberndes (asiatisches) Kino heutzutage aussehen muss, der kommt dieses Jahr um
Love Exposure kaum herum. An knapper zweiter Stelle darf
Michael Haneke in einem kleinen norddeutschen Dorf vorm Ausbruch des Ersten Weltkriegs mal wieder nach den Ursachen von Gewalt forschen.
Das weiße Band zeichnet nicht nur eine subtile, wenn auch unübersehbare Parallele zur Entstehung des deutschen Faschismus, sondern besticht auch mit seiner effektiven Schwarzweiß-Fotografie, dem starken Ensemble und Hanekes präziser Inszenierung.
Zum Terminieren freigegeben Da kann
Roger Ebert (US-Kritiker der Chicago Sun-Times) bloggen und rechtfertigen was er will:
Knowing ist unübersehbar die Blockbustergurke dieses Jahres.
Nicolas Cages eingeschlafenes Gesicht ist noch das geringste Übel an dem aus Sci-Fi-Versatzstücken bestehenden Film mit Logiklöchern en masse. Der Titel für den Karrierevernichter und das unsinnigste Filmende seit Menschengedenken geht damit dieses Jahr verdientermaßen an
Alex Proyas.
In den Weltall schießen sollte man hingegen
McG nach dem grottigen
Terminator: Salvation. Vielleicht hätten ein paar Nachhilfestunden im Einhalten von Continuity, im Inszenieren von Establishing Shots, sowie etwas mehr Enthusiasmus gegenüber den Vorgängerfilmen wahre Wunder bewirkt; an Motivation scheint es ja nicht gefehlt haben, wenn man
Christian Bale am Set so plaudern hört.
Wer seit
Terminator: Salvation an Schlafstörungen leidet, weil er befürchtet, dass
McG eine weitere geliebte Franchise zerstören könnte, dem sei
The Limits of Control empfohlen. Selbst zwei Espressi helfen nicht gegen
Jim Jarmuschs Einschlafgarantie nach einer halben Stunde.
Der Moment für Zwei „I’m the hero of the story, I don’t need to be saved“ singt
Regina Spektor mit ihrer zarten Stimme in
Marc Webbs erfrischendem Debüt
(500) Days of Summer, während unser Held Tom ein letztes Mal versucht, die vermeintliche Liebe seines Lebens für sich zu gewinnen. Sicherlich kein Moment für die Annalen der Filmgeschichte, aber an einer „Expectations/Reality“-Barriere hatte sicher ein jeder schon einmal zu knabbern. Gerade deshalb ist das der „Kino-Zusammenrückmoment“ des Jahres, mit Gänsehautgarantie.
Markus Steiger
Bester Film des Jahres
Watchmen: Lange angekündigt, irgendwie bei uns untergegangen. Jetzt wird in nie mehr jemand im Kino sehen.
Zack Snyder schafft es tatsächlich, die beste Comicverfilmung aller Zeiten hinzulegen. Und das auch noch mit dem besten Comic aller Zeiten. Noch nie ergänzten sich Film und Papier so perfekt. Sogar
Alan Moore muss stolz sein. Wer ihn nicht gesehen hat und auch nicht vorhat, ihn anzuschauen, sollte mir lieber nicht unter die Augen treten.
Der beste Film (des Jahrzehnts)
Inglorious Basterds. Ich bin kein echter
Tarantino-Fan, jedoch muss man anerkennen, dass der Mann noch keinen schlechten Film gemacht hat, und allen Kritikern mit
Basterds so etwas von den Mund gestopft hat, dass es eine Freude ist. Dieser Film hat keine Schwäche, nicht einmal unseren
Gedeon. Wer
Basterds nicht mag, ist entweder sehr dumm oder gerade aus einem Loch gekraxelt, in dem er bis jetzt gelebt hat.
Der schlechteste FilmTerminator: Salvation. In kürzester Zeit wird eine Legende zerstört. Egal, was jetzt noch kommt,
Terminator: Salvation wird für immer bleiben.
P.S.:
Christian Bale ist der schlechteste Schauspieler der Welt.
Sam Worthington ist super. Ein kommender Star.
Bester Moment des Jahres Er dauert 153 Minuten und heisst
Inglourious Basterds.
Was auf DVD nachzuholen ist
JCVD (Semidokus sind in; Soulstrip á la
Jean Claude Van Damme)
Young @ Heart (Ich freu mich aufs alt werden)
District 9 (Zuerst Gesellschaftskritik, dann Fleisch gewordener Manga)
Gran Torino (Ich mag nicht alle Eastwoods, dieser ist gut)
Contact High (Fear and loathing in Austria)
Pontypool (Intelligenter Horror ist so selten wie intelligente Kärntner Politiker)
Thomas Taborsky
Das war gut
Liebe auf den zweiten Blick. Im Kino völlig unbeachtet geblieben, aber der charmanteste, romantischste, erwachsenste, zarthumorigste und berührendste Film, der seit Jahren aus einer denkbar ausgeleierten Standard-Situation heraus passiert ist.
Emma Thompson war schon immer unter meinen Helden,
Dustin Hoffman ist es jetzt auch.
Die Wirkung von
Laurent Cantets Die Klasse hat bei mir das ganze Jahr über angehalten: So kunstvoll Realität und Fiktion pulverisieren, das hat sich den Stockerlplatz verdient. Dann kam im Sommer auch noch Herr
Tarantino, und legte das Kronjuwel an Spaß und Nerdismus hin:
Inglourious Basterds. Filmliebe pur, polyglott wie kaum was - und
Christoph Waltz muss den
Hauptdarsteller-Oscar bekommen.
Das war Brut Antichrist. Auch wenn
Lars von Trier es versteht, das in allerlei psychologischen und stilistischen Tand zu kleiden: Verarschen kann ich mich selbst.
Die unehrenhafte Erwähnung geht nach Österreich: Vati
Hans und Sohnemann
Niko Selikovskys Sturmfrei beginnt mit den bedeutungsschwanger deklamierten Worten
„Ich kam an einem kalten Februartag auf die Welt“. Danach wurde es nur noch schlimmer.
Das bleibt mir auf ewig Die Verdatterung beim Abspannbeginn von
Il Divo, der stilwilligen Andreotti-Filmbio:
Trios Da, Da, Da setzt mit seinem Keyboard-Rhythmus an, und rote Schrift auf schwarzem Grund teilt lakonisch mit, welches (wenn überhaupt) Nachspiel es für die italienische Politkamarilla gab.
An das kam eigentlich nur noch
Michael Glawoggers Contact High heran, als
Georg Friedrich gegen Ende zu
Get Well Soons If This Hat Is Missing I Have Gone Hunting durch einen Hühnerstall taumelt und in vollster Umnachtung auf die Hendln schießt. Ein Hans-Landa-Moment muss aber auch noch dabei sein: Die ersten 25 Minuten von
Inglourious Basterds, in denen
Christoph Waltz sich ein Western-Dialogduell mit dem französischen Bauern liefert, hätten nie enden brauchen.
Florian Widegger
GeliebtSam Raimis wunderbarer Genrebeitrag
zum Thema Finanzkrise lehrt uns, immer lieb und nett zu alten Frauen zu sein –
sie könnten uns ja mit bösen Flüchen belegen.
Drag me to Hell
steht bei mir weit oben. Als Fan von Dokumentationen des französischen
Landlebens war
La vie moderne selbstverständlich eine einzige
Freude! Von den österreichischen Produktionen erscheint mir
Peter Kerns
ehrliche und inbrünstige Arbeit
Blutsfreundschaft am
interessantesten. Drei weitere Filme, die ich geliebt habe:
L'heure
d'été von
Olivier Assayas, vier Stunden des Glücks bei
Love Exposure und Gott
Clint Eastwood in
Gran
Torino auf der Veranda sitzend.
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| Peter Kern sorgte im Herbst
mit Blutsfreundschaft für
Aufsehen |
GehasstNachdem ich
meinem Vorsatz vom letzten Jahr treu blieb, und keine Tibetdokumentationen mehr
angeschaut habe, blieb 2009 vergleichsweise ruhig. Wirklich miese Filme habe ich
nur auf Festivals gesehen – beispielsweise der hilflose
Ski
Heil auf der Diagonale oder
Act of God, eine
sinnlose Doku über Gewitter mit jeder Menge Esoterikgewäsch in Karlovy Vary.
Einen Kandidaten gibt’s doch:
My Big Fat Greek Summer – einfach
nur schlecht.
GenähtKinomoment des Jahres definitiv
beim Fantasyfilmfestival in Sitges: Ein Uhr nachts im rappelvollen Prado Kino.
Ein niederländischer Regisseur zeigt mit
The Human Centipede
einen der verrücktesten, abartigsten und faszinierendsten Filme des
Jahrtausends: Vier Menschen, jeweils an Hinterteil und Mund zusammengenäht! Und
die Menge ist am Toben. DAS ist Cinephilie!
Welche Filme haben es in den Vorjahren in die allesfilm-Bestenlisten geschafft? Lest es hier nach: