Zugegeben, es grenzt beinahe an ein Guilty-Pleasure auf einem türkischen Filmfestival eine europäisch-australische Co-Produktion zu sehen. Nichtsdestotrotz verschlug es mich nach zahlreichem Hin und Her an einem meiner ersten Festivaltage dann doch in
Jane Campions Bright Star. Rechtzeitig angekommen im Kino, das sich im obersten Stockwerk des immensen Einkaufszentrum Kuropark befindet, konnte ich einen gewissen Schock angesichts des trostlosen Ausblicks auf das Auditorium kaum verbergen: Kurz vor Filmbeginn waren gerade einmal zwei Sitzreihen mit jeweils einer Familie mit Kleinkindern gefüllt. Etwas seltsam kam es mir schon vor, dass ausgerechnet die Kleinen in den Genuss eines Kostümfilms kommen durften, anstatt sich z.B. im Nachbarraum mit Pixars
Oben zu vergnügen. Statt also meine Zweifel durch einen zweiten Blick auf das Programm endgültig auszuräumen, sinnierte ich gedanklich schon über mögliche Ursachen und Konsequenzen des Zuschauerausbleibens. Zum einen ist da natürlich die etwas ungünstige Lage des Koruparks, der insgesamt zwei der vier Spielstätten beherbergt und selbst mit dem Auto gute 20 Minuten vom Stadtzentrum entfernt ist – bei gut fließenden Verkehr selbstverständlich (und das ist dann doch eher eine Seltenheit). Bis auf den infrastrukturellen Faktor sprach jedoch nichts für einen Zuschauer-Flop, denn
Jane Campion solle auch in diesen Breitengraden bestens bekannt sein und die Preispolitik des Festivals ist wahrlich vorbildlich (3 Türkische Lira für ein Ticket, umgerechnet knapp 1,50 Euro, was ca. ein Drittel des normalen Ticketpreises ausmacht). Als mir allerdings zu Beginn des Films, anstatt eines schönen establishing shots eines britischen Landhauses, ein ziemlich hässlich animierter Zwerg mit türkischer Synchronisation entgegen sprang, erübrigten sich natürlich alle sinnlosen Gedankengänge, denn
Bright Star war im Nachbarraum fast ausverkauft.
 |
| Hauptspielstätte: Das Tayyare Kulturcenter im Herzen von Bursa |
Fashion-Desaster
Diese Lektion hatte ich also rechtzeitig zu Festivalbeginn gelernt. Ihre Notwendigkeit erfuhr ich quasi noch am selben Tag: denn von vier Filmen fanden mindestens drei in „anderen“ Sälen statt. Bei einem davon hätte ich mir jedoch dann doch gewünscht, lieber in den falschen Saal gegangen zu sein. Während Orlando von Sally Potter zuletzt noch im Rahmen des Tilda Swinton Tributes auf der Viennale begutachtet werden konnte, wurde beim Silk Road Filmfestival Potters neuester Film Rage aufgeführt, der unter anderem bei der Berlinale 2009 zu sehen war. Im Film selbst geht es um den Internet-Blogger Michelangelo, der im Rahmen eines Schulprojekts verschiedene Persönlichkeiten aus der Mode-Branche interviewt. Alles scheint in geregelten Bahnen abzulaufen, doch plötzlich erschüttert ein mysteriöser Unfall auf dem Laufsteg die umliegende Modewelt und ändert die Aussagen der Interviewten massiv. Das Konzept zu Rage ist außergewöhnlich. Das Set besteht lediglich aus einem Bluescreen, der jeweils die passende Hintergrundfarbe zur „Kleidung“ der interviewten Personen abbildet. Sally Potter lässt insgesamt vierzehn Persönlichkeiten zu Wort kommen, um fiktiv über Probleme der Modewelt zu sinnieren. Ehrlich gesagt bietet Rage bis auf Jude Laws sehenswerte Transvestiten-Performance nicht unbedingt mehr, als jede beliebige Folge von Austria’s Next Topmodels. Brav bekommt jede Figur ihr eigenes Klischee zugeschrieben, dass es im Laufe der Interviewzeit dann konsequent auszuwälzen gilt, so z.B. Steve Buscemi als kaltherziger Kriegsfotograf, Dianne Riest als mit Globalisierungsängsten kämpfende Modehausbesitzerin, oder Riz Ahmed als „Slumdog Versace“ mit Karriereambitionen vom Pizzaboten zum Topmodel. Hinzu kommt ein absolut überdramatisiertes Ende, das allerdings nur der Tropfen auf dem heißen Stein ist. Letztendlich porträtiert Sally Potter genau jene Stereotypen, die wir von Persönlichkeiten im Mode-Business schon ewig vorgepredigt bekommen: Konturlose Silhouetten von Personen, die absolut nichts zu erzählen haben. Will man das wirklich 90 Minuten lang sehen?
Berlin on my mind
Mit zornigen Nachwirkungen ging es also in Awaking from a Dream, den internationalen Wettbewerbsbeitrag des Spaniers Freddy Mas Franqueza. Erzählt wird die Geschichte von Marcel, der als 7-jähriger in die Obhut seines grimmigen Großvaters kommt, da sich seine Mutter mit ihrem Lebensgefährten nach Deutschland absetzt. Pascual, Marcels Großvater, kümmert sich trotz seiner mürrischen Art rührend um den Kleinen. Jahre später will Marcel sich mit seiner Freundin ein neues Leben aufbauen, als sein Großvater erste Anzeichen von Alzheimer zeigt. Marcel will ihn nicht im Stich lassen… Bevor Marcel dem Ruf nach Berlin folgt, quält sich Awaking from a Dream durch über eine Stunde gepflegter Langeweile. Grundsätzlich ist hier an den Darstellern und am Drehbuch nur wenig auszusetzen, doch es fehlt an Höhepunkten und vor allem an einer strafferen Schnittregie. Packend wird der Film nur an einer Stelle, wenn Marcel seinen Großvater bei einem Zusammenbruch beruhigen will, was vor allem durch das physisch überzeugende Spiel des 80-jährigen argentinischen Darstellers Héctor Alterio und der Entscheidung, auf Schnitte zu verzichten, zu verdanken ist. Ansonsten ist Awakening for a Dream viel zu selten dramatisch, um nicht in Lethargie zu verfallen, und fängt an zu dramatisieren, wenn er eigentlich schon längst vorbei sein sollte. Selbst „jazzige“ Berliner Kulissen können an dieser Konsequenz nichts ändern.
Website des 4. Silk Road Filmfestivals:
4. Silk Road Filmfestival: Apokalypsen und Recycling