Danke, Roland Emmerich. Nicht nur hat der patriotischste Nicht-Amerikaner mit
2012 einen der zynischsten, trashigsten und unterhaltsamsten Filme dieses Kinojahres erschaffen, sondern mir auch meine Flugangst genommen. Wo sonst als im Flieger ist man schließlich vor kilometerhohen Vulkanausbrüchen, berghohen Tsunamis und unkontrollierter Plattenverschiebung besser gewappnet als im freien Himmel? Schließlich habe ich seit
2012 die Gewissheit, dass jemand mit vier Stunden Flugerfahrung sogar einen Jumbo steuern kann. Somit konnte ich mich auf meinem Flug von Wien nach Istanbul auf die wichtigen Dinge konzentrieren, z.B. auf das Tomatensaft-Flugphänomen. Ganz ernsthaft, wer, außer überfürsorglichen Großmüttern, hat sich in seinem gesamten Leben überhaupt einmal einen Tetra-Pak Tomatensaft gekauft? Im Flugzeug hingegen läuft der Tomatensaft sogar dem Gratis-Raki den Rang ab.
On the Road again…
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| Panorama-Ästhetik auf der Fahrt nach Bursa |
An Kino- und Entertainmentphänomenen sollte es auch in der Eröffnungsnacht des 4. Silk Road Filmfestivals nicht fehlen. Zuvor stand jedoch die beschwerliche Reise vom Istanbul-Flughafen bis nach Bursa an. Für die knapp 120 km (ungefähr doppelt soviel ohne über das Wasser zu tuckern) benötigt man normalerweise 1,5 Stunden inkl. Fährenfahrt, doch Istanbul erstreckt sich förmlich unendlich ins Weite – mit der Stadt allerdings auch das Verkehrschaos. „Ich liebe alles an Istanbul bis auf den Verkehr“, so die immerzu freundliche türkische Reisebegleiterin, und eigentlich ist ihrem Fazit nichts hinzuzufügen. Vielleicht bis auf den magischen Blick von der Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke auf den Bosporus, der wirklich für jede Strapaze entschädigt.
Karagöz made in Hollywood
Die offizielle Eröffnungsfeier sparte dann auch nicht an Glanz und Glamour made in Bursa-wood. Da gab sich das Who-ist-who der türkischen Schauspielgarde ein Stelldichein, so z.B. auch die fernsehtauglichen Moderatoren des Abends Ahu Türkpençe und Ali Sunal. Die vergoldete Karagöz-Trophäe ging an diesem Abend an Nedret Güvenç and Muzaffer Tema, die jeweils mit einem Ehrenaward ausgezeichnet wurden, während Baykal Kent und Hakkı Kıvanç den „Veteranen-Preis“ verliehen bekamen. Der syrische Darsteller Ghassan Massoud, in unseren Breitengraden vor allem bekannt durch seine Rolle als Saladin in Ridley Scott’s Königreich der Himmel, war als Ehrengast geladen. Es war eine Veranstaltung, die sich wahrlich sehen lassen konnte, der es zugegebenermaßen jedoch etwas an Eigenständigkeit fehlte. Denn nicht nur die Karagöz-Trophäe könnte als ein etwas buckliger Bruder des Oscars durchgehen, sondern auch die zahlreichen Einspieler erinnerten stark an die weltbekannte Preisverleihung in L.A., wie die etwas rührselige „In Memoriam“-Montage, die kürzlich verstorbenen türkischen Filmschaffenden gewidmet war (übrigens ganz ähnlich wie in Hollywood mit einem dem Bekanntheitsgrad des Darstellers angepassten Szenenapplaus). Daneben waren jedoch vor allem die Einspieler zu jedem Wettbewerbsfilm äußerst sehenswert und fast perfekt montiert, denn so konnte man bei Unentschlossenheit einen kurzen, dafür umso prägnanteren Blick auf den jeweiligen Film werfen.
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| Der glamouröse Eröffnungsabend |
Don't worry, just recycle
Ich nenn es jetzt einmal den harten Kern, der sich nach den fast zweistündigen Feierlichkeiten, nicht der herausströmenden Masse in Richtung Hotels angeschlossen hatte. Zu sehen gab es zur Eröffnung die kolumbianisch-amerikanische Co-Produktion Entre Nos. Um dann doch noch einmal die Brücke zum Beginn zu schlagen, sei eine kurze Interpretation der Lebensweisheiten der letzten zwei Tage erlaubt: Apokalypsen und Recycling bringen Familien zusammen und machen sie glücklich. In der Tat könnte Entre Nos die Anwort auf Österreichs Kyoto-Politik sein, denn hier recycelt sich eine kolumbianische Familie, die am eigenen Leib die Kehrseiten des amerikanischen Traums kennenlernt, glücklich und zufrieden. Zwischendurch wird das Glück dann kurzzeitig mit einer durch ein Wunderkraut herbeigeführten Abtreibung sowie der Obdachlosigkeit der Familie unterbrochen. Entre Nos wirkt oftmals realitätsfern und unkonkret, würde er nicht auf wahren Tatsachen beruhen. Dennoch drückt der Film eindeutig zu häufig auf die Tränendrüse, um am Ende jegliche Konsequenz vermissen zu lassen und in einer fünfminütigen Montage das unvermeidliche Happy-End herbeizuführen. Es sind Bilder von in Armut lebenden Familien, die unendliches Glück im gemeinsamen Sammeln von Dosen empfinden, oder sich im besagten anderen Beispiel glücklich in den Arm schließen, während unter Ihnen ein Großteil der Zivilisation dem sicheren Tod geweiht ist, die mich momentan etwas an meiner Weltanschauung zweifeln lassen. Oh, diese Moral…