Vor wenigen Tagen erst wurde
Kristin Scott Thomas für ihre Darstellung von Juliette mit dem Europäischen Filmpreis als Beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.
Philippe Claudels So viele Jahre liebe ich dich ist ein Film jener Kategorie, die vom scharfsinnigen Schauspiel ihrer Hauptfigur „lebt“. Sein filmisches Universum dreht sich sich einzig und allein um diese verschlossene Persönlichkeit, die nach vielen Jahren und mit kleinen Schritten versucht, ihre innere Leere und somit ihr Leben wieder mit Sinn zu füllen.
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| Juliette (Kristin Scott Thomas) und ihre Schwester Léa (Elsa Zylberstein) |
Claudel geht es vordergründig nicht um den Resozialisierungsaspekt von Juliette, auch wenn dieser in den Köpfen des Zuschauers immer mitschwebt.
So viele Jahre liebe ich dich ist sicher auch aufgrund
Claudels Vergangenheit ähnlich wie ein Roman aufgebaut. Neben seinem Grundmotiv legt er viel Wert darauf, nur äußerst bedacht Informationen bezüglich Juliettes und Léas Vergangenheit preiszugeben. Somit fällt dem Zuschauer letztendlich die Rolle der beurteilenden dritten Kraft zu: Anhand von Juliettes Verhalten, ihrer Mimik (
Claudel nutzt die Großaufnahme beinahe exzessiv), ihren Vorlieben und ihren Handlungen konstruiert sich beim Zuschauer ein eigenes Bild dieser Person. Wie genial dieser Kniff tatsächlich ist, offenbart sich im Verlauf des Films, in dem selbst einfache Alltagssituationen eine unheimliche dramaturgische Dichte aufweisen.
Das treibende Moment, die „Kraft“ hinter dem Film, die teilweise auch unbewusst auf alle Nebenfiguren wie auch auf den Zuschauer wirkt, ist letztendlich die Frage nach dem „Warum“. Immer wieder blitzt die Thematik in einzelnen Episoden des Films auf, z.B. in einer der spannendsten Szenen des Films, als ein Bewerbungsgespräch plötzlich in ein Kreuzverhör mutiert und sich Juliette für ihre Aktionen rechtfertigen muss. Dem Zuschauer wird auch hier die Rolle des Scharfrichters und Bewährungshelfers zugleich zuteil. Knackpunkt des Films und der größte Streit- und Kritikpunkt ist dementsprechend der Schluss. Ohne zuviel zu verraten, wirkt die Wendung am Ende des Films, im gesamten Kontext gesehen, leider deplatziert. Tatsächlich wäre diese Wende überhaupt nicht nötig, denn die Entwicklung der Nebenfiguren wurde schon zuvor völlig zweckdienlich und logisch vollzogen. Zwar fügt man Juliette noch eine letzte, tragische Note hinzu, schließt die Geschichte jedoch nicht mit der nötigen Konsequenz ab, die den Film zum Großteil bestimmt hatte.
Dennoch ist allein
Kristin Scott Thomas' brillante Leistung das Eintrittsgeld wert.
So viele Jahre liebe ich dich fordert eine intensive Selbstreflexion des Zuschauers mit dem Gesehenen, belohnt ihn aber letztendlich mit einem subtilen Optimismus und einer fesselnden Geschichte.