Filmisches Epizentrum der sexuellen Revolution : Luis Buñuels Belle de Jour hat – dank stockendem Gesellschaftswandel – nichts von seinem spöttischen Sarkasmus und traumdeuterischer Abartigkeit eingebüßt.
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Kritik
Eine Irreführung zu Beginn: Séverine (Catherine Deneuve) lässt sich unter Aufsicht ihres Gatten im Wald von zwei Dienern auspeitschen und vergewaltigen. Anfangs noch verängstigt, genießt sie zunehmend den Akt drakonischer Gewalt. Doch es sind Tagträume, in die sich die sexuell vernachlässigte, zugleich physisch von ihrem Mann (Jean Sorel) angewiderte Arztgattin flüchtet. Bis Séverine als Edel-Prostituierte „Belle de jour“ anheuert und dort ihren unerfüllten Begierden nachgeht.
Abseits aufklärerischer Tendenzen richtet sich Buñuels Fokus auf die Fragilität bürgerlicher Wertvorstellungen. Deren Hintergrund ist kalt (ein Freier Séverines zitiert die „dunkle Herbstsonne“) und verlogen; der Gegenentwurf ist die ungleich emotionalere, ja herzliche Atmosphäre des (von einer Frau geleiteten) Bordells. Deneuve offenbart in ihrer kühlen und distanzierten Erotik ein neues weibliches Selbstverständnis, das letztlich wegen der Gefühle eines (kriminellen) Freiers scheitern muss. Michel Piccoli, als geheimnisvoller Mann von Welt auf dem Höhepunkt seiner Filmkarriere, übersetzt Buñuels Anklage wider die Verlogenheit. Bis Realität und Fiktion vollends ineinander verschwimmen. Große Tragödie.
Offizielle Website zu Luis Buñuel:
http://www.luisbunuel.org