Es gab eine Zeit, da galten Guns'n Roses als die coolste Band der Welt. Und es gab eine Zeit, da musste man sich einen falschen Schnurrbart aufkleben, wenn man (als Hetero) zu Abba-Musik abtanzen wollte. Das ist (zum Glück) vorbei. Dank eines 90er-Revivals zählen die vier Schweden heute zu den Königen des 3-Minuten Pop, deren Ohrwürmer aus den Formatradios nicht wegzudenken sind. Als einträgliche Melkkuh hat zuerst das Musicalbusiness, und jetzt die Filmindustrie das Popphänomen Abba entdeckt.
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| Meryl Streep mit Pierce Brosnan: Ist er der Vater? |
Mamma Mia! ist denn auch die filmische Umsetzung eines Rampenerfolges, der auf der halben Welt Revival-Fans abtanzen ließ. Als optische Reize für die Leinwand kommandierte die vom Theater kommende Phyllida Lloyd eine Handvoll Hollywood-Stars zum Kampfsingen ab. Meryl Streep hat dabei den geringsten Peinlichkeitsfaktor: Die Darstellung der hyperaktiven Donna, die als Hippie-Mama auf einem griechischen Eiland eine verkommene Pension betreibt, ist ihr auf den Leib geschneidert. Voller Verve singt sich die Grande Dame im Hosenanzug von Strand über Dachboden zum Dorfplatz. Doch Unheil naht: Donnas Tochter Sophie (die bildhübsche TV-Blondine Amanda Seyfried als Karriere-Versprechen) möchte in Kürze ihren Verlobten Sky (Dominic Cooper) vor den Traualtar führen. Zum perfekten Fest soll auch der bislang unbekannte Vater eingeladen werden. Donna hat das Geheimnis vor ihrer Tochter nie gelüftet - zumal sie vor 20 Jahren just mit drei potentiellen Vätern eine Affäre hatte. Und jetzt – S.O.S. – tauchen Sam (Pierce Brosnan), Harry (Colin Firth) und Bill (Stellan Skarsgård) gleichzeitig auf, und jeder will Sophies Erzeuger sein. Dabei schiebt Regisseurin Ex-Bond Brosnan die Primusrolle zu: Neben der stimmlichen Entdeckung Streep hat er die meisten Refrains zu bewältigen – wobei er gesangliche Defizite agentengeschult mit Brusthaarstriptease zu überdecken versucht.
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| Die zwei, wissen wie man "Stimmung" schreibt: Julie Walters und Christine Baranski |
Die physische Komponente ist bei Mamma Mia! ohnedies nicht zu unterschätzen: Gut gebaute StatistInnen mit Waschbrettbauch oder Bikinifigur im Hintergrund lenken von so manchem schiefen Ton von Colin Firth & Co. ab. Dass der Funke – im Gegensatz zur Bühnenversion – dennoch nicht auf die Tanzmuskulatur des Zuschauers überspringen will, liegt daran, dass die Inszenierung mit ihren matten Stehsätzen und überschwänglichen Gefühlssausbrüchen weniger an ein Musical als an eine Romantikschnulze erinnert. Während das Tempo im Musikalischen anzieht, bleibt der Rhythmus in den Dialogen hängen: Streeps Schuldgefühle, Filmtochter Sophie ihren Vater zwei Jahrzehnte lang vorenthalten zu haben, manifestieren sich in schmalztiefen Versöhnungsorgien.
Einmal mehr muss die zweite Reihe für die nötige Spritzigkeit sorgen. Julie Walters und Christine Baranski verkörpern Donnas Langzeitfreundinnen Rosie und Tanya - und haben damit die dankbarste Rolle: Die eine rutscht als noch-längst-nicht-altes-Eisen das Treppengeländer rauf und runter; die andere hat mit dem Kracher „Does your Mother know?“ als dauergeile Großstadtgöre Tanya die Lacher auf ihrer Seite.
Bis der Vater gefunden und der Schleier angelegt ist, reiht sich noch Hit an Hit, stets perfekt auf das Stimmvermögen seiner Interpreten abgestimmt. Und irgendwann gibt sich Mamma Mia! dann selbst auf, lässt seine Schauspielerinnen einfach nur noch auf Tischen und Stühlen tanzen und „Take a chance on me“ singen. Dann hat der Film seine wahre Bestimmung gefunden.