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Warten auf die Setlist
© KinoweltNach Bob Dylan fordert Martin Scorsese das Chaos von Mick Jagger & Co. heraus. Einer der interessantesten Konzertfilme der letzten Jahre.


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Geheadbangt hat Reinhard Bradatsch

Kritik
© Kinowelt
"Live with me": Strumpfhosen-Queen Christina Aguilera mit Mick "The Gockel" Jagger
Was kann schief gehen, wenn Perfektionist Martin Scorsese, 30 Jahre nach dem denkwürdigen Konzertmythos The Last Waltz, die Rolling Stones auf 35mm verewigt - also jene Combo, die gemessen nach Jahresringen, schon lange die Pension auf Marbella genießen könnte? Einiges, denn Shine a Light, gefilmt an an zwei Abenden im Beacon Theatre in New York City, ist in jeder Hinsicht ein Drahtseilakt der vier Briten, die den Beinamen Chaos in ihre Gesichtsfalten eintätowiert haben könnten. Ein Regisseur, für den einzig der Moment des Ereignisses zählt, und eine Band, die erst eine Stunde vor Beginn ihrem entnervten Regisseur die Setlist hinlegt, sind da naturgemäß wie entgegen gesetzte Pole. Trotz spürbarer Distanz zwischen Tourtross und oscarzertifizierter Filmcrew ist Shine a Light vor allem in der ersten Viertelstunde entspannte (Selbst-)Referenz, mit der Scorsese eine Band würdigt, die er – angefangen von Hexenkessel bis zu The Departed – immer zu den Stammgästen seiner Soundtracks gezählt hat. Da philosophiert Scorsese über zu tief hängende Scheinwerfer („We cannot burn Mick Jagger“) und Bill Clintons Mama darf den völlig überforderten Charlie Watts ordentlich an die Brust drücken. Immer mit viel Augenzwinkern, versteht sich.

Dass auch der eigentliche Gig vor 1.000 Besuchern nicht zur lahmen Wiedererkennungssause wird, ist mehr Scorseses Gespür für visuelle Details als seiner technischen Raffinesse zu verdanken: Immer dort, wo handelsübliche DVD-Produktionen die Schere ansetzen, rückt er körperliche und geistige Unsicherheiten der Musiker ins Bild. Wie ein grinsender Schelm lässt Scorsese da die Kamera besonders lange auf den bei „You got the Silver“ (nicht nur stimmlich) torkelnden Keith Richards haften. Everyone’s darling Charlie Watts erwischt er im Erschöpfungszustand nach der Kraftanstrengung von „She was hot“. Nur Mick Jagger, der stets wild gestikulierende Zappelphilipp, lässt es gar nicht zu, dass über seine falschen Einsätze gelacht wird. Derartige Energieschübe, wie die Oberlippe bei Stampfern wie „Jumping Jack Flash“, „Tumbling Dice“ oder „Loving Cup“ (im Duett mit Jack White von den White Stripes) ausstößt, lassen sogar eine – überraschend rockende – Christina Aguilera in der Edelstrumpfhose alt aussehen.

Trotz der engmaschigen Vorgaben eines Konzertfilms nutzt Scorsese Shine a Light zum offensichtlichen Selbstamüsement über Alter, Generationswechsel und Images. Die Schlagworte Anarchie, Revolution und Drogenrausch, die den Stones seit Jahrzehnten anhaften – erhöht oder untergräbt er durch teils skurille Archivaufnahmen aus früheren Tagen, als Jagger und Richards noch eine Monatskarte in der Strafanstalt hatten und sich Richards und Wood im internen Klampfen-Wettstreit die f...-Wörter an den Kopf knallten. Und natürlich, verfehlte Karriereprophezeihungen aus den 60ern („Länger als drei Jahre machen wir das nicht“) gehören auch dazu.

Kreative Heldenverehrung hin, perfekte dramaturgische Übersetzung her. Es ist letztlich die Spielfreude bei Songs wie „Start me up“ und der unnachahmliche Drive von „Sympathy for the Devil“ oder „Brown Sugar“, der bei diesem Film klar macht, dass Scorsese nur der Mittelsmann zwischen Publikum und den Stones ist.
© Kinowelt
"Na, wer hat das meiste Haupthaar?" Regisseur Martin Scorsese mit seinen Stones

Trivia - Geschichten und Gschichterln

Mick Jagger wollte ursprünglich Aufnahmen aus einem Stadionkonzert der "Bigger Bang" Tour aus 2006 verwenden. Auch die 3-D oder IMAX-Technologie standen zur Diskussion. Regisseur Martin Scorsese konnte die vier Bandmitglieder dann doch zu einem intimeren Rahmen überreden, weil seiner Ansicht nach der Kontakt zwischen Publikum und Band dadurch größer sei.
Auszug aus dem Presseheft: "I went to see the show again and I’m sitting there, and the band is this small on the screen, they’ve got 50 cameras already — what am I going to bring to that? So then I thought: what if I can convince them to play on a smaller stage, the Beacon Theatre in New York, with the best cameramen in the world…?"

Zitat

Keith Richards zum ewigen Gitarristen-Wettstreit mit Ronnie Wood: "We are both lousy. But together we are better than 10 others."
Offizielle Website zum Film :
http://www.shinealightmovie.com/
Filmkritik zu Scorseses Oscarabräumer :