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Neue Geschichten aus dem Westen?
© UniversalDie Coen Brüder haben Hollywood mit No Country For Old Men vor allem um eines bereichert: Das wohl unpraktischste Mordinstrument der Filmgeschichte.


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Des Öfteren geschreckt hat sich Miriam Daill


1980. Grenzgebiet Texas zwischen den USA und Mexiko. Llewelyn Moss (Josh Brolin) stößt bei der Jagd nach Antilopen auf einen Schauplatz eines Drogenhandels, bei dem es nur einen Überlebenden gibt. Weiter oben am Hügel findet er noch einen toten Mann mit einem Koffer, in dem sich zwei Millionen Dollar befinden. Er nimmt den Koffer und bringt ihn zu sich nach Hause. Am Abend beschließt er, wieder zurück an den Tatort zu gehen, um dem einzigen Überlebenden, der zu verdursten droht, Wasser zu bringen. Dabei wird er entdeckt, angeschossen und muss fliehen. Er schafft es nach Hause zu kommen und veranlasst seine Frau Carla Jean Moss (Kelly Macdonald), die Wohnung zurückzulassen und in eine andere Stadt zu fahren, da er nicht bereit ist, das Geld wieder zurückzugeben.

Kritik

Die Menschen im Westen der Staaten, und besonders die vom Land (Texas), nuscheln, und das wissen wir nicht erst seit wir uns Filme – die ohnehin hauptsächlich von dort kommen – ansehen. Also nuschelt uns zu Beginn von No Country For Old Men gleich mal Tommy Lee Jones vor, wie das so war und ist in dieser kalten, herzlosen Gegend als Polizist zu arbeiten, welche grausamen Dinge sich Menschen gegenseitig dort antun und was er von Verbrechen, mit denen er sich jetzt herumschlagen muss, hält. Man ahnt es da schon: Es wird viel Blut fließen, was sich auch bald bestätigt. Interessante Neuerung: Die Coen Brüder, die sichtlich großen Gefallen an der noch nie da gewesenen Mordwaffe, dem Bolzendruckluftgerät, gefunden haben, geben ihr faktisch gleich noch eine weitere Hauptrolle im Film. Und tatsächlich macht es Sinn, die ganze Gerätschaft durch die Gegend zu tragen: Der Vorteil des Instruments besteht darin, dass sich das auserwählte Opfer, ob der Unbekanntheit der Waffe, nicht gleich zum Davonlaufen animiert sieht, wenn man es ihm vor die Nase hält. Ganz schön gewieft.
© VIENNALE
Llewelyn Moss (Josh Brolin) hats auf dem Weg zum Reichtum nicht leicht

Es sind wieder die Mythen des Westens, wie man sie bereits kennt: Es geht um die große Suche nach Geld, Macht und um die Beseitigung der Leute, die einem auf dem Weg dahin stören wollen. In diesem Fall kommt die Filmfigur Llewelyn Moss ganz unverhofft zu Reichtum, packt die Chance am Schopf und macht dann auch gleich die üblichen Fehler. Dass das zufällig erbeutete Geld irgendjemandem abgehen wird, ist klar. Dass dieser jenige (oder einer der Mitarbeiter seines Vertrauens) das Geld suchen wird, ist ebenfalls klar. So entwickelt sich alles in No Country For Old Men in die unvermeidliche und gänzlich logische Richtung und lässt aber trotzdem noch Raum für eine fast grausame Spannung offen, die sich nie ganz entladen kann. Sobald es in diesem Thriller um wesentliche Dinge geht, lassen die Coen Brüder alles scheinbar in Zeitlupe ablaufen und bedienen sich gefinkelter Stilmittel, um es auf die Spitze zu treiben. No Country For Old Men arbeitet rein optisch, ein bisschen vergleichbar mit There Will Be Blood, mit den Landschaftstotalen des kargen Westens als Metapher dafür, dass man dort das Glück, nach dem man schon so lang sucht und das einem vor der Nase herumtanzt, nie besitzen wird. Nein, ganz im Gegenteil: Man wird seine Seele verlieren. Tommy Lee Jones' Seele ist im Film noch grade eben vorhanden, aber schon am Schwinden. Die beiden anderen Hauptcharaktere habe ihre schon längst zum Teufel gejagt. Auch die archaische Wut und die eiskalte Brutalität finden sich sowie in There Will Be Blood in etwas anderer Form wieder. Wirklich brandneu ist aber das meiste nicht: Ethan und Joel Coen entwickeln zum Teil ihre eigene Arbeit (Ladykillers) weiter.

Der Zynismus quillt auf alle Fälle schon die Kinoleinwand herunter, als Javier Bardem in der Rolle des Killers Anton Chigurh das erste Mal mit seiner scharfkantigen Prinz-Löwenherz-Frisur ins Geschehen tritt. Seine paranoide und unausweichliche Schicksalslogik, die alle seine Opfer in die Knie gehen lässt, gehört ebenso zum Verständnis von schwarzem Humor der Coens, wie seine fast schon gelangweilte und genervte Art, „Probleme“, die am Weg des Aus-dem-Weg-räumens auftauchen, zu bewältigen. Genauso wie er haben auch andere Figuren im Film ihre lakonische Darstellung gemeinsam. Aufs minimalste verkürzte und verknappte Dialoge und groteske Pointen, die immer unmittelbar herbeigeführt werden, sind wesentliche Kennzeichen dieses Thrillers. Tatsächlich finden sich ein paar schrecklich komische Momente in No Country For Old Men, die einen unüberbietbar trockenen Humor aufweisen. Trotzdem bleibt nachher ein zwiespältiges Gefühl bestehen, an dem auch die Jones‘sche Tiefenpsychologieeinlage am Schluss nichts mehr ändern kann. Man hat den Eindruck, den Anfang einer Entwicklung gesehen zu haben, was aber wiederum nichts daran ändert, dass No Country For Old Men durchaus sehenswert bleibt.


Zitate

Carla Jean Moss: You don't have to do this.
Anton Chigurh: Everybody says that. [lacht]

Mann, der Wells beauftragt: Just how dangerous is he? [über Chigurh]
Carson Wells: Compared to what? The bubonic plague?