„Es war unvermeidlich, der Geruch bitterer Mandeln ließ ihn stets an das Schicksal verhinderter Liebe denken.“ So lautet der erste Satz aus dem vielleicht nicht unbedingt bekanntesten, doch mit Sicherheit leidenschaftlichsten Roman des kolumbianischen Nobelpreisträgers. Was mit dieser Formulierung, die exemplarisch für das poetische Oeuvre des Autors gelten kann, gemeint ist, das bleibt wohl den meisten Lesern vorerst ein Geheimnis. Mag sein, dass der blumige Stil Marquez‘ gelegentlich an der Grenze zum Kitsch schrammt. Plump oder einfallslos ist er nie. Vielmehr ist es gerade jene metaphernreiche Rätselhaftigkeit, aus der viele der Marquez'schen Romane ihre Kraft ziehen. Bunt ausgeschmückte, mit einem Überschwang an Attributen versehene Berichte, die mitunter auch die sonst üblichen Regeln der Sprache sprengen: Bei Márquez kann sich ein einziger Satz durchaus über zehn bis zwölf Seiten erstrecken. Leidenschaft, Wahnsinn, Liebe und Verzweiflung sind dabei fixe Bestandteile der epischen Erzählungen, die sich meist vor dem Hintergrund tropischer Gewitterwolken und drückender Hitze abspielen. Magischer Realismus ist die Bezeichnung für das literarische Feld, dem derartig ausladende Erzählformen zugerechnet werden. Darüber, ob diese Genrebezeichnung besonders glücklich gewählt ist, müssen sich zum Glück nur Literaturwissenschafter streiten...


Sei’s drum:
Die Liebe in den Zeiten der Cholera ist, soviel steht fest, ein außergewöhnlicher Roman von ganz bemerkenswerter Sprachkraft. In Hollywood hat Regisseur
Mike Newell das Ganze nun in einen äußerst mittelmäßigen Film verwandelt. Aufgeklebte Bärte und frisch geschneiderte Kostüme treffen auf ausladende Kamerafahrten und die übliche musikalische Verkitschung. Wo sich Márquez um sprachliche Metaphern bemüht, die von einer Jahrzehnte währenden Liebe erzählen, setzt die Regie auf brav ausgeleuchtete Bilder, die von blassen Charakteren durchwandert werden. Nicht einmal
Javier Bardem gelingt es, aus dem recht mittelmäßigen Ensemble heraus zu stechen. Und wenn doch, dann allein deshalb, weil er offensichtlich einen besseren Maskenbildner zugewiesen bekam als sein weibliches Gegenüber (
Giovanna Mezzogorno). Der Zigarre paffende
John Leguizamo dagegen kämpft schon allein deshalb auf verlorenem Posten, weil er keinen Tag älter wirkt als seine unglückliche Tochter, der er mittels gnadenlosem Overacting die Liebe verbieten will. Weil sich der böse Vater letztendlich aber doch durchsetzen kann, wird
Javier Bardem zum schmachtenden Schwerenöter, der sich erst durch die Betten mehrerer Hundert Frauen kämpfen muss, bis er seiner Angebeteten im gehobenen Alter endlich den Hof machen darf. Das Ganze wird zweieinhalb Stunden lang schön bebildert und instrumentiert. Zwischendurch singt
Shakira traurige Lieder. So weit, so gewöhnlich.
Wenn an dieser Verfilmung etwas überrascht, dann ist es wohl der Umstand, dass das Ergebnis nicht ganz so kitschig ausgefallen ist, wie es in Anbetracht der Vorlage zu erwarten gewesen wäre. Und das, obwohl in Sachen sentimentaler Verkleisterung ganz offensichtlich weder Geld noch Mühe gescheut wurden. In gewisser Hinsicht scheint die Produktion also gleich doppelt gescheitert: Es ist dies kein Film, der bei Kritikern auf positive Reaktionen hoffen könnte, andererseits gelingt es der Regie auch nicht, in die Königsliga der Tränendrücker aufzusteigen.
Das Piano oder
Der englische Patient spielen ganz deutlich in einer anderen Gewichtsklasse.
Idiom und Dramaturgie dieses so facettenreich erzählten Romans sträuben sich ganz offensichtlich gegen eine derartig einfallslose filmische Umsetzung. Den Autor selbst wird all das kaum überraschen, immerhin hat er sich im Laufe seiner langen Karriere selbst an Drehbüchern versucht – vergleichsweise erfolglos. Gut ist das deshalb, weil er so der Form treu bleiben konnte, in der er es zur Meisterschaft brachte. Seine vor einigen Jahren erschienene, knapp 600 Seiten starke Autobiographie ist dabei lediglich ein weiterer Beweise seines sprachlichen Vermögens. Empfehlenswert ist das Werk aber auch deshalb, weil darin verraten wird, was es mit dem eingangs erwähnten Zitat auf sich hat. Von der Verfilmung darf man sich dazu jedenfalls keine Antwort erwarten. Wer dieses Rätsel also lösen will, der muss in nächster Zeit weniger ins Kino gehen und mehr lesen. Manchmal ist das ja auch besser so.