Wenn Chris McCandless (
Emile Hirsch) am Ende sterbend und vor Hunger zitternd am Boden des Buswracks liegt, das ihm mehrere Wochen als Zuflucht vor der Winterkälte Alaskas diente, dann ist dies auch ein Eingeständnis einer Niederlage. Der Traum von der ultimativen Freiheit, den der 23-jährige aus wohlbehütetem Elternhaus geträumt hat, um nicht von der Zivilisation vergiftet zu werden, endet tragischerweise in einer physischen Vergiftung durch eine toxische Beerenart. Der Kampf gegen die Natur ist verloren.
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| Chris (Emile Hirsch) plagen Zweifel, ob seine Entscheidung richtig war |
Die Natur - hier ist sie Synonym für das Ursprüngliche und Unverdorbene.
Into the Wild, basierend auf der wahren Geschichte von
Christopher McCandless, handelt von der Emanzipation von der Konsumwelt. Bei
Sean Penns Verfilmung ist es auch eine Absage an den amerikanischen Traum. Der Revoluzzer und politische Fahnenträger Hollywoods greift in seinem in einzelnen Kapiteln unterteilten vierten Spielfilm, immer wieder die revolutionäre Idee vom Leben in Freiheit, verbunden mit der vollständigen Trennung von jeglichem Materialismus, auf.
In wechselnden Rückblenden zeigt Penn, wie sich der frisch gebackene College-Absolvent McCandless anno 1990 kontinuierlich von seinem tief zerstrittenen Elternhaus entfernt, seine Ersparnisse spendet, seinen Besitz wegwirft – aber auch seine Beziehungen vollkommen abbricht. Dort die abstrakte Welt der Eltern (verzweifelt verkörpert von
Marcia Gay Harden und
William Hurt), hier die Vorstellung von Abenteuer und Emanzipation.
Ein naiver Öko-Hippie mit immanentem Abenteuerdrang?
Nur zum Teil, denn Penn geht es vor allem um die strikte Ambivalenz einer Persönlichkeit, die sich innerhalb von zwei Jahren durch die halbe nördliche Hemisphäre kämpft: Chris, der seinen Reisebegleitern – sinnbildlich und zur Verschleierung seines Aufenthaltsortes – als Alexander Supertramp gegenüber tritt, verspielt seinen anfänglichen Sympathiebonus zusehends. Ein geradezu fundamentalistisch anmutender Moralkodex, der ihn daran hindert, Beziehungen aufzubauen, und seine grenzenlose Sturheit machen ihn zu einem Heilsbringer für seine Mitmenschen, der aber selbst nie die innere Zufriedenheit finden wird.
Am eindringlichsten zeigt sich das in der Begegnung mit dem zurückgezogenen Witwer Ron (Oscar-reif: Hollywoodhaudegen
Hal Holbrook), dem Chris nach einem Autounfall, bei dem Rons gesamte Familie umgekommen ist, die Freude am Leben zurückgibt. Der konservative Rentner sieht im kommunikativen Ausreißer den verlorenen Sohn und möchte ihn adoptieren. Doch Chris weigert sich, er nennt geradezu hypnotisiert immer wieder seine endgültige Bestimmung Alaska.
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| Chris (Emile Hirsch) gibt Ron (Hal Holbrook) wieder die Lebensfreude zurück |
Penn bildet ihn und die anderen Weggefährten als Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft ab:
Vince Vaughn gibt den lockeren Lebemann, der es mit dem Gesetz nicht so genau nimmt;
Catherine Keener und
Brian Deerker sind das uncoole Tramper-Pärchen mit Hippie-Nostalgie und schwerer Seelenlast; Mit der 16-jährigen Streunerin Tracy (
Kristen Stewart) bahnt sich eine Affäre an, doch Chris muss seine Mission beenden.
Jeder Begegnung verleiht Penn ein anderes Erscheinungsbild, einen unterschiedlichen Rhythmus.
Into the Wild ist damit die visuell anspruchsvollste Arbeit des 47-jährigen, gleichzeitig seine persönlichste. Die Eleganz, mit der die Kamera von
Eric Gautier über Wälder und Gebirgsplateaus streift, die völlige Stille mancher Einstellungen, die mit dem dunklen, lärmenden Großstadtkessel L.A. kontrastiert und die wechselnde Geschwindigkeit zeigen Penns Sympathie für die Absichten seines Helden.
Auch wenn sich diese am Ende seiner Reise als realitätsferne Träumereien entpuppen: Die idealisierte Vorstellung vom Einswerden mit der Natur bekommt den entscheidenden Knacks, als die Schlachtung eines Elches daneben geht und Chris seine blutigen Hände verzweifelt nach oben hebt. Es ist eine Niederlage, von der sich Chris nicht mehr erholen kann und die ihm die Schattenseiten seiner Einsamkeit schmerzlich klar werden lassen: „Happiness is only real when shared.“
Christopher McCandless: "Rather than love, than money, than faith, than fame, than fairness... give me truth. "