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Flick Habits
Quentin Tarantinos Verbeugung vor den Low-Budget-Double-Features der 70er, und Kniefall vor der Weiblichkeit: In Death Proof flennt sogar Kurt Russell unter der Knute des wahren starken Geschlechts.


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eine Projektorenerzählung von Thomas Taborsky

Es sollte ein gemütlicher texanischer Abend mit Bier, Shots und Musik in einer Bar werden. Dumm nur für Jungle Julia (Sydney Poitier), Butterfly (Vanessa Ferlito), Shanna (Jordan Ladd) und Pam (Rose McGowan), dass es Stuntman Mike (Kurt Russell) auf sie abgesehen hat. Nachdem er seine gemischte Grütze namens Nacho Grande Platter aufgeschlungen hat, die Damen ein wenig geneckt und Butterfly dazu gebracht hat, ihm einen Lapdance zu geben, killt er sie alle mit seinem schwarzen Stuntwagen – einem Wagen, der den er so verstärkt hat, dass er todsicher ist.
14 Monate später taucht Mike wieder auf. Ein neues Trio hat es ihm angetan: Lee (Mary Elizabeth Winstead), Kim (Tracie Thoms) und Abernathy (Rosario Dawson). Die holen gerade ihre Freundin Zoe Bell ab. Was Stuntman Mike noch nicht weiß: Diesmal hat er sich mit den falschen Mädels angelegt.

Kritik
© 2006 Senator Film
© 2006 Senator Film
Unzählige Möglichkeiten bieten sich, einen Filmstreifen in Mitleidenschaft zu ziehen. Die meisten davon entgehen uns heute, in der Zeit der -zig Kopien pro Kinostart, und wenn sie uns nicht entgehen, wenn uns in der zweiten Woche ein paar dicke grüne Laufstreifen vorm Auge herumtanzen, dann beschweren wir uns beim Kassier, denn zu Hause, vorm DVD-Player, da würde so was nie passieren.

Stimmt. Seit den 80er-Jahren, spätestens aber mit dem einsetzenden Digitalisierungswahn versuchten wir zu vergessen, dass das Medium Film nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch vergänglich ist. Setzt euch in die Veranstaltung rein, die schon am längsten in eurem Kino läuft – also vielleicht gerade mal in der 12. Woche, dann wird sie sowieso abgesetzt, weil die DVD raus kommt – und schaut, was die Zeit da schon der Polyesterrolle und den kleinen Bildchen darauf angetan hat: Es ist wie ein Lesebuch der Abnutzung, erzählt von dem einen Mal, als sich der Film um die Einsteckeinheit wickelte, der Projektionist ihn schneiden und den Bandsalat am Boden entwirren musste, bevor er ihn wieder zusammenstückeln konnte; dem Tag, an dem der Film für ein paar Sekunden vor der Maske hängen blieb, das gebündelte Licht vom Kolben den Kader durchbrannte und eine Dreiviertelsekunde rausgeschnitten werden musste; von der Vorstellung, als der Streifen nicht richtig eingelegt war und ab dem dritten Akt über eine Rolle geschliffen wurde. Von den unzähligen Staubpartikeln, die das Antistatikgerät nicht erwischte, die sich auf ewig einkratzten. Sechs Monate, so sagt man, bis eine Filmkopie vollkommen abgenudelt ist.

Es wird also spannend sein zu sehen, wie sich die normalen Gebrauchsspuren des Kinoeinsatzes mit dem mischen, was Quentin Tarantino seinem Film von Haus aus mitgegeben hat. Death Proof, das ist seine Hommage an die alten abgefuckten Filme aus der Hölle, die schwer zerrupft in der x-ten Woche in einem runtergekommenen Kino liefen. Billig produziert waren sie, manchmal ein Teil des gedrehten Materials irrtümlicherweise schwarzweiß ausgearbeitet, Vorführer hatten ihre Lieblingsszenen rausgeschnitten. Jede Filmkopien-Verstümmelung, die Tarantino einfiel, sie erhält ihren Auftritt. Genauso ist es aber sein Loblied auf den unbekannten Stuntman, mehr noch die Stuntfrau, noch spezieller seine Zoe Bell, die sich höchstpersönlich auf eine vor American Horsepower nur so dröhnende Motorhaube fesseln darf, um bei hundert Sachen wild johlend herum geschleudert zu werden; Fehlt nur das Titellied von Ein Colt für alle Fälle.
Ganz besonders ist es sein endgültiger Kniefall vor den Frauen. Niemand sonst würde seinen eigenen Fußfetisch so zum Stilmittel erheben, würde die Chixploitation kurviger junger Ladies mit kleinen Bäuchspeckpölsterchens (siehe Fabiennes Obsession mit dem kugelrunden Bauch in Pulp Fiction) zu einer Urgewalt machen, die den hartgesottensten Rückständler in die Knie zwingt. Sie entscheiden, wen sie ranlassen, ihr Appeal ist ein Werkzeug, mit dem sie bekommen, was sie wollen. Einem offenen Kampf ist kein Mann gewachsen, nicht einmal Stuntman Mike. Und der, der ist immerhin Kurt Russell in der selbstironischen Fassung seines Snake Plissken. Der auf so unvergleichliche Weise seine Zigarette wegwerfen und in die Kamera grinsen kann, dass sofort klar ist: Jetzt erst geht der Film richtig los. Und selbst er wird vom losen Maul einer Tracie Thoms an die Wand gespielt, da kann er später im Film flennen so viel er will.

© 2006 Senator Film

Viel von seiner Laufzeit verwendet der Streifen auf Tisch-und-Auto-Konversationen, auf Mädchen-Trash-Talk, sowohl in der ersten Geschichte, in der Stuntman Mike einer Gruppe texanischer Girls auflauert, mit ihnen in einer Bar abhängt und sie dann totfährt, als auch in der zweiten, wo sich der Psychopath mit Seinesgleichen, nur hübscher, anlegt. Diese Erzählteile weiß Tarantino nicht besonders gut zu handhaben: Sie werden trotz Lapdance von Vanessa Ferlito, Mary Elizabeth Winstead im Cheerleaderkostüm, handfesten texanischen Sexlegenden und jeder Menge von Afficionado-Material zu Leerläufen im Vergleich zu den Actionszenen, die einfach nur verdammt gut hingelegt sind, ebenso wie das knallige Ende, das nur den kühnsten Träumen entspricht. Natürlich ist ihm nebenbei bewusst, was er den Fans - und sich als größten von ihnen - schuldig ist, darunter auch massenweise Suchbilder mit Zitaten, nicht nur bei sich selbst (Der Kill-Bill-Klingelton auf Rosario Dawsons Handy. Das Pussy-Wagon-Schild auf dem gelben Mustang. Kahuna Burger. Wild Turkey Whiskey. Kill Bill Part III!).
Nicht alles davon liefert er: Death Proof hätte ein hinreissender Vollgas-Actionfilm werden können, aber das entspräche einfach nicht den Filmen, vor denen er sich verbeugen wollte; den Low-Budget-Produktionen, bei denen ein, vielleicht zwei spektakuläre Szenen drin waren, selbst wenn sie den örtlichen Fusel groß anpriesen. Der einzige Fehler, den man Tarantino ankreiden kann, ist, dass er auf seine Weise die Pegel zwischen den beiden Elementen Trash-Dialog und Action weiter auseinander drückt. Und dass die Muscle Cars der 70er in seinem Dolby Surround so viel besser röhren und gurgeln als damals. Aber warum ihm wegen etwas einen Vorwurf machen, das man am liebsten den ganzen Film hindurch hören möchte?

© 2006 Senator Film

Zitat
Stuntman Mike hat seine Arbeiten aufgezählt, aber irgendwie hat das keinen Eindruck bei den Mädels hinterlassen: „Do you know any of these shows that I'm talking about?“

Pam sorgt sich über Stuntman Mikes Auto: „Is it safe?“
Stuntman Mike: „It's better than safe. It's death proof.“

Stuntman Mike: „Get ready to fly, bitch.“

Stuntman Mike: „Hey! Ladies! That was fun!“

Kim: „Booya, bitch!“
Die deutsche Webseite
http://www.deathproof.senator.de/