Es sollte ein gemütlicher texanischer Abend mit Bier, Shots und Musik in einer Bar werden. Dumm nur für Jungle Julia (Sydney Poitier), Butterfly (Vanessa Ferlito), Shanna (Jordan Ladd) und Pam (Rose McGowan), dass es Stuntman Mike (Kurt Russell) auf sie abgesehen hat. Nachdem er seine gemischte Grütze namens Nacho Grande Platter aufgeschlungen hat, die Damen ein wenig geneckt und Butterfly dazu gebracht hat, ihm einen Lapdance zu geben, killt er sie alle mit seinem schwarzen Stuntwagen – einem Wagen, der den er so verstärkt hat, dass er todsicher ist.
14 Monate später taucht Mike wieder auf. Ein neues Trio hat es ihm angetan: Lee (Mary Elizabeth Winstead), Kim (Tracie Thoms) und Abernathy (Rosario Dawson). Die holen gerade ihre Freundin Zoe Bell ab. Was Stuntman Mike noch nicht weiß: Diesmal hat er sich mit den falschen Mädels angelegt.
Unzählige Möglichkeiten bieten sich, einen
Filmstreifen in Mitleidenschaft zu ziehen. Die meisten davon entgehen uns heute,
in der Zeit der -zig Kopien pro Kinostart, und wenn sie uns nicht entgehen, wenn
uns in der zweiten Woche ein paar dicke grüne Laufstreifen vorm Auge
herumtanzen, dann beschweren wir uns beim Kassier, denn zu Hause, vorm
DVD-Player, da würde so was nie passieren.
Stimmt. Seit den 80er-Jahren,
spätestens aber mit dem einsetzenden Digitalisierungswahn versuchten wir zu
vergessen, dass das Medium Film nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch
vergänglich ist. Setzt euch in die Veranstaltung rein, die schon am längsten in
eurem Kino läuft – also vielleicht gerade mal in der 12. Woche, dann wird sie
sowieso abgesetzt, weil die DVD raus kommt – und schaut, was die Zeit da schon
der Polyesterrolle und den kleinen Bildchen darauf angetan hat: Es ist wie ein
Lesebuch der Abnutzung, erzählt von dem einen Mal, als sich der Film um die
Einsteckeinheit wickelte, der Projektionist ihn schneiden und den Bandsalat am
Boden entwirren musste, bevor er ihn wieder zusammenstückeln konnte; dem Tag, an
dem der Film für ein paar Sekunden vor der Maske hängen blieb, das gebündelte
Licht vom Kolben den Kader durchbrannte und eine Dreiviertelsekunde
rausgeschnitten werden musste; von der Vorstellung, als der Streifen nicht
richtig eingelegt war und ab dem dritten Akt über eine Rolle geschliffen wurde.
Von den unzähligen Staubpartikeln, die das Antistatikgerät nicht erwischte, die
sich auf ewig einkratzten. Sechs Monate, so sagt man, bis eine Filmkopie
vollkommen abgenudelt ist.
Es wird also spannend sein zu sehen, wie sich
die normalen Gebrauchsspuren des Kinoeinsatzes mit dem mischen, was
Quentin
Tarantino seinem Film von Haus aus mitgegeben hat.
Death
Proof, das ist seine Hommage an die alten abgefuckten Filme aus der
Hölle, die schwer zerrupft in der x-ten Woche in einem runtergekommenen Kino
liefen. Billig produziert waren sie, manchmal ein Teil des gedrehten Materials
irrtümlicherweise schwarzweiß ausgearbeitet, Vorführer hatten ihre
Lieblingsszenen rausgeschnitten. Jede Filmkopien-Verstümmelung, die Tarantino
einfiel, sie erhält ihren Auftritt. Genauso ist es aber sein Loblied auf den
unbekannten Stuntman, mehr noch die Stuntfrau, noch spezieller seine
Zoe
Bell, die sich höchstpersönlich auf eine vor American Horsepower nur so
dröhnende Motorhaube fesseln darf, um bei hundert Sachen wild johlend herum
geschleudert zu werden; Fehlt nur das Titellied von
Ein Colt für alle Fälle.
Ganz besonders ist es sein endgültiger Kniefall vor den Frauen. Niemand
sonst würde seinen eigenen Fußfetisch so zum Stilmittel erheben, würde die
Chixploitation kurviger junger Ladies mit kleinen Bäuchspeckpölsterchens (siehe
Fabiennes Obsession mit dem kugelrunden Bauch in
Pulp Fiction)
zu einer Urgewalt machen, die den hartgesottensten Rückständler in die Knie
zwingt. Sie entscheiden, wen sie ranlassen, ihr Appeal ist ein Werkzeug, mit dem
sie bekommen, was sie wollen. Einem offenen Kampf ist kein Mann gewachsen, nicht
einmal Stuntman Mike. Und der, der ist immerhin
Kurt Russell in der
selbstironischen Fassung seines Snake Plissken. Der auf so unvergleichliche
Weise seine Zigarette wegwerfen und in die Kamera grinsen kann, dass sofort klar
ist: Jetzt erst geht der Film richtig los. Und selbst er wird vom losen Maul
einer
Tracie Thoms an die Wand gespielt, da kann er später im Film
flennen so viel er will.
Viel von seiner Laufzeit verwendet der
Streifen auf Tisch-und-Auto-Konversationen, auf Mädchen-Trash-Talk, sowohl in
der ersten Geschichte, in der Stuntman Mike einer Gruppe texanischer Girls
auflauert, mit ihnen in einer Bar abhängt und sie dann totfährt, als auch in der
zweiten, wo sich der Psychopath mit Seinesgleichen, nur hübscher, anlegt. Diese
Erzählteile weiß Tarantino nicht besonders gut zu handhaben: Sie werden trotz
Lapdance von
Vanessa Ferlito,
Mary Elizabeth Winstead im
Cheerleaderkostüm, handfesten texanischen Sexlegenden und jeder Menge von
Afficionado-Material zu Leerläufen im Vergleich zu den Actionszenen, die einfach
nur verdammt gut hingelegt sind, ebenso wie das knallige Ende, das nur den
kühnsten Träumen entspricht. Natürlich ist ihm nebenbei bewusst, was er den Fans
- und sich als größten von ihnen - schuldig ist, darunter auch massenweise
Suchbilder mit Zitaten, nicht nur bei sich selbst (Der
Kill-Bill-Klingelton auf
Rosario Dawsons Handy. Das
Pussy-Wagon-Schild auf dem gelben Mustang. Kahuna Burger. Wild Turkey Whiskey.
Kill Bill Part III!).
Nicht alles davon liefert er:
Death Proof hätte ein hinreissender Vollgas-Actionfilm werden
können, aber das entspräche einfach nicht den Filmen, vor denen er sich
verbeugen wollte; den Low-Budget-Produktionen, bei denen ein, vielleicht zwei
spektakuläre Szenen drin waren, selbst wenn sie den örtlichen Fusel groß
anpriesen. Der einzige Fehler, den man
Tarantino ankreiden kann, ist,
dass er auf seine Weise die Pegel zwischen den beiden Elementen Trash-Dialog und
Action weiter auseinander drückt. Und dass die Muscle Cars der 70er in seinem
Dolby Surround so viel besser röhren und gurgeln als damals. Aber warum ihm
wegen etwas einen Vorwurf machen, das man am liebsten den ganzen Film hindurch
hören möchte?