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Himmel hoch jauchzend – zu Tode betrübt
© Filmladen FilmverleihWer sagt da noch, dass Deutschland keine guten Schauspieler hat? Josef Bierbichler führt in Winterreise einen aussichtlosen Kampf gegen sein eigenes Ich. Großer Weltschmerz.


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Gesehen hats Reinhard Bradatsch

Kritik

„Wieder Oarschlochpost!“ Franz Brenninger schleudert Kraftausdrücke im Sekundentakt durch sein Büro. Der Mann ist am Ende. Die Bank drückt beim konkursreifen Bauunternehmer nicht mal mehr die Hühneraugen zu.
Ein schwerer, ungehobelter Klotz, den Josef Bierbichler hier verkörpert – zu klobig für diese Welt, in der Falschheit und Trug das A und O des Businessknigge sind. Brenninger, ein Geschöpf wie von einem anderen Planeten. Der macht seine Lieferanten, die ihm die x-te Mahnung hinhalten, zur Schnecke, der rennt tobend aus der sonntäglichen Messe.
Wie das Geschäft ist auch das Privatleben Brenningers ein einziges Fiasko. Seine Frau, verkörpert von Fassbinder-Muse Hanna Schygulla, ist der tragische Kontrapunkt: Tranceartig erduldet sie Ausbruch um Ausbruch, Gspusi um Gspusi, verfällt in Krankheit.

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Brenninger (Josef Bierbichler) kurz vor der Explosion

Bierbichler, bereits in Hans Steinbichlers Debüt Hierankl auf der Seite des unangepassten, unkonventionellen Eigenbrötlers, gibt hier den großen Tragöden mit bajuwarischem Sarkasmus und dem Herz auf der Zunge – eine Art Monaco Franze auf Ecstasy. Er taumelt von einem emotionalen Extrem ins andere, mal manisch-explosiv, dann wieder zerknittert an der Grenze zum Suizid. Einer, der mit den Spielregeln des Lebens nicht mehr zurande kommt. In Schuberts Titel gebendem Liederzyklus verschwimmt die Todessehnsucht des damals 30-jährigen Komponisten mit der Brenningers. Einer der drastischsten Momente: Auf einer einsamen, verschneiten Landstraße summt Bierbichler fast unkenntlich „eine Straße muss ich gehen, die noch keiner ging zurück.“

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In Nairobi warten auf Brenninger Schwierigkeiten anderer Art (im Bild: Bierbichler, Kekilli)

Die Straße findet Brenninger dann doch noch. Ein riskantes Geschäft, das ihm ein Afrikaner anbietet und in das er einwilligt, läuft schief. Jetzt steht er vor der Gabelung. Und er nimmt noch mal Risiko. Gemeinsam mit der Ethnologin Leyla – eine recht müde Sibel Kekilli als verbindendes Glied – reist er nach Kenia, um sich auf eigene Faust sein Geld zurück zu holen. Im Trubel Nairobis entwickelt sich Winterreise zum wackligen Kriminalfall. Das Skript von Martin Rauhaus vermischt vor dem Hintergrund panoramesker Bilder Charakterstudie mit Zivilisationskritik. Doch gegen den rasenden Schwermut Brenningers haben selbst dramaturgische Mängel keine Chance: Wenn der Ausgelieferte in der Hotellobby am Klavier sitzt und ächzend Schubert intoniert, erlebt man großes deutsches Schauspielerkino. Und das ist keine Selbstverständlichkeit.



Winterreise ist im Rahmen der Diagonale 07 zu sehen.

Trivia - Geschichten und Gschichterln

Jene Szenen, in denen die Hauptfigur Brenninger aus Schuberts "Winterreise" zitiert, hat Josef Bierbichler selbst gesungen. Der 58-jährige wollte ursprünglich klassischer Sänger werden.


Zitat
Sohn zu Mutter: „Warum machst du das eigentlich mit?“
Mutter: „Ich liebe ihn (Brenninger) halt doch noch“
Website zum Film:
http://www.winterreise-derfilm.de