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Stiller Grübler auf dem Weg nach unten
Aki Kaurismäki zeigt mit Lichter der Vorstadt, dass es manchmal gar nicht so wichtig ist, was erzählt wird, solange es gut gemacht ist. Diesmal schickt er seine Hauptfigur auf sinnfreien Pfaden bis zum Rand des gesellschaftlichen Daseins.


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Kritik
In seinen letzten beiden Werken hat sich Aki Kaurismäki mit dem Verlust der Arbeit und der Wohnung beschäftigt. Nun setzt er noch eines drauf und versucht, seine Hauptfigur noch jegliche soziale Existenz zu entreißen. Und da der Filmemacher selbst für das Drehbuch, die Kamera und den Schnitt Verantwortung trägt, ist ihm der arme Protagonist aus Lichter der Vorstadt auf Gedeih und (wohl eher) Verderb ausgeliefert. Anders lässt sich auch nicht erklären, wieso Koistinen (so der Name der existentiellen Talfahrt) eine Dummheit nach der anderen begeht. Dabei kann ihm nicht einmal vorgeworfen werden, dass er unüberlegt handeln würde, denn er scheint den ganzen Film nichts anderes zu tun als zu denken. Vielleicht etwas zu viel. Koistinen steht an einer Ecke, raucht und grübelt. Meistens trinkt er diversen Alkohol und stößt dann und wann knappe Sätze aus, die kaum Erwiderung finden. Auf diese Aktivitäten beschränkt sich das Handlungsrepertoire. Nur die Lokalitäten ändern sich.

Damit im Film auch etwas passiert, hat Kaurismäki eine Kriminalgeschichte à la Hitchcock konstruiert. Aus eigener Initiative würde die phlegmatische Hauptfigur wohl kaum den sozialen Abstieg schaffen. Eine kühle, blonde Schönheit namens Mirja schleicht sich in das Leben des eigenbrötlerischen Losers ein und spielt ihm – auf eine sonderbar distanzierte Weise – die große Liebe vor. Sie ist von ein paar bösen Kerlen engagiert, die ihn als Sündenbock für einen Diebstahl benutzen wollen. Wäre Lichter der Vorstadt nun ein Streifen von Altmeister Hitchcock, verliefe die Geschichte freilich anders. Die Frau würde sich in den Helden verlieben, ihre Hintermänner verraten und alles würde ein mehr oder weniger erfreuliches Ende erfahren. Doch Koistinen schweigt sich eben durch ein Werk von Kaurismäki. Und der hatte als Ziel, den Verlust der sozialen Existenz zu zeigen. So verläuft die Handlung nicht in Richtung Happy End, sondern genau entgegengesetzt. Leider aber nicht realistischer.

Romantik sieht anders aus...

Abgesehen von der überzogenen Kriminalgeschichte und den damit verbundenen öden Gaunern hat Lichter der Vorstadt aber auch gute Seiten. Selten wurde der Akt des Rauchens schöner inszeniert; Eine Darstellung der ungesunden Glimmstängel-Inhalation übertrumpft die vorherige. Dabei könnten selbst Nichtraucher Lust bekommen, sich eine Packung zu besorgen. Interessant ist auch Kaurismäkis Umgang mit der ständig präsenten Gewalt. Sie wird nie offen gezeigt, ist jedoch die ganze Zeit über - beinahe Ekel erregend - spürbar. Die Kamera hält sich distanziert, folgt den Gewaltakten nicht, oder verharrt in Großaufnahmen. Das wahre Ausmaß ist immer nur erahnbar. So wird Koistinen von ein paar Schlägertypen aus einer Bar gelotst und vor der Tür verprügelt. Der Betrachter wird auf Dauer der Brutalität von der Hauptfigur getrennt und ist - den Ausgang im Blick - in der Gaststätte gefangen. Nur eine blutige Nase in der nächsten Einstellung gibt Zeugnis über das Versäumte. Ebenso bedrohlich in Szene gesetzt ist der schmale Grat zwischen gesellschaftlicher Akzeptanz und Ausgeschlossenheit. Schon von Beginn an ist Koistinen einer extremen menschlichen Kälte ausgesetzt. Die äußert sich durch kurze abfällige Kommentare, meist jedoch stumm durch Blicke und Gesten.

Aki Kaurismäki bildet ganz nüchtern den sozialen Rutsch einer Person ab. Stilistisch einwandfrei. Den Abstieg fördernden Anstößen hätte zwar ein wenig mehr Realismus gut getan, sie erfüllen aber ihren erzählerischen Zweck. Eigentlich geht es im Film ohnehin nur darum, den Protagonisten still leiden zu sehen, und sich zu freuen, dass man selbst besser dasteht. Das geschickte offene Ende sorgt dann auch noch dafür, dass - trotz der depressiven Grundstimmung im Film - Optimisten den Kinosaal mit einem guten Gefühl verlassen können.

Zitat
Ein üblich wortkarger Koistinen auf die Frage, wie seine Zeit im Gefängnis war: „Man konnte nicht hinaus. Alle Türen waren verschlossen.“