„Why the world doesn’t need Superman“ – der Titel der Diplomarbeit von Lois Lane, für den sie – nicht ganz unironisch – den Pulitzer-Preis verliehen bekam, steht programmatisch für diesen Film: 154 Minuten rast der Pionier aller Comic-Helden durchs Bild, fliegt durch die Lüfte, rettet die Menschheit aus brennenden Autos und explodierenden Flugzeugen und muss sich auch noch zwischen Amor und Pflicht entscheiden. Na und?
Was zwecks Wiedererkennungswerts durchaus nachvollziehbar ist, bringt anno 2006 keine neuen plot-points: Bryan Singer (X-Men) inszeniert Superman neu wie Superman alt. Als Art Alternativ-Sequel zur 1978er Verfilmung setzt er detailgetreu in Dramaturgie und Setting an die Vorgaben von Richard Donner auf: Sein Film schmückt sich mit der prägnanten John Williams-Fanfare, während die Kamera neuerlich den neonblauen Heimatplaneten umkreist. Lediglich Superman hat ein neues Gesicht. Haftete dem Verbrecherjäger im rot-blauen Cape schon vor 3 Jahrzehnten das Makel der Perfektion an, so umgibt sich auch Jungschauspieler Brandon Routh – im Gegensatz zu seinen charakterlich weitaus interessanteren Konkurrenten Batman oder Spider-Man – mit einem imaginärem Heiligenschein. Schwächen haben die anderen, nicht aber er. Rouths Superman ist einer, der trotz einer gigantischen, zeitgemäßen Trickkiste nie auffällt, einer, der keine Schwächen zeigt – einer, den man sofort wieder vergisst.
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| Ein Bild von einem Mann, äh, Comic-Helden |
Warum braucht dann die Welt Superman?
Vielleicht, weil sich Kevin Spacey als Lex Luthor mit schauspielerischer Verve in eine Liga von Comic-Schurken à la Jack Nicholson oder Danny DeVito katapultiert. Mit dunklem Anzug und Springersteifeln und einem Team faschistoid anmutender Wasserträger (von denen einer stets eine Kamera bei sich hat) lotet er als selbstverliebter Super-Intellektueller grandios die Nuancen zwischen Genie und Wahnsinn aus. Ihm zur Seite Bühnenkomödiantin Parker Posey, die als kokettierende Dumm-Nuss Kitty Kowalski ihren Herrn des öfteren zur Weißglut bringt. Doch selbst Spacey gönnt dem Film in keiner Sekunde einen Moment des Schauers.
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| Lex Luthor (Kevin Spacey) mit dem Kristall, der ihm die Welt bedeutet |
Denn Superman Returns wirkt wie die brave, bürgerliche Helden-Version aus einem Amerika der 50er Jahre, fast gänzlich frei von Ironie und Selbstzweifeln. Vielleicht ist diese Neuauflage mit ihrem Hang zur Moral unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen gerade deshalb stark politisch – wenn auch Bryan Singer, der schon früh die Arbeit am Film eher als Überbrückung zum nächsten Projekt verstanden hat, offensichtlich eher eine handwerklich saubere Popcorn-Unterlage denn Symbolik am Herzen lag.
Im Metropolis der Gegenwart wird das seelisch verwundete New York offenbar. Der Unterschied zur Realität: Terroristische Bedrohungen minimieren sich zum Kleinganoven-Tatbestand Bankraub und Einbruch. Die wahren Gefahren liegen – und das ist gleich zu Beginn erkennbar – in der ungleich wirkungsvolleren Lähmung des technologischen Systems. Als ein Stromausfall die Stadt für kurze Zeit in Panik stößt, wird die eigentliche Bedrohung eines hoch technisierten Industriestaates deutlich: Das Sicherheitsrisiko liegt nicht beim Menschen, sondern in den Gewalten der Natur, die sich der Mensch nur scheinbar zum Untertan gemacht hat. Dem entsprechend gilt Lex Luthors Interesse nicht primär der finanziellen, sondern der ökologischen Katastrophe: Die aus Krypton-Kristall entstehende karge Gesteinsschicht soll den amerikanischen Kontinent mit ihrer Masse zerstören. Die daraus resultierende riesige, auf Metropolis zukommende Flutwelle erinnert dabei frappant an die zerstörerische Kraft eines Tsunamis, Hochhäuser stürzen unter dem Druck des Wassers in sich zusammen - eine Anspielung auf die New Orleans-Katastrophe.
Auch die gesellschaftliche Stoßrichtung von Superman Returns wirkt – im Vergleich zur leichten 90er TV-Unterhaltung „Die Abenteuer von Lois & Clark“ – straff nach rückwärts gewandt: Dauer-Single Lois, die mit Superman bislang – wenngleich nicht offensichtlich – das sexuelle Abenteuer gewählt hatte, hat sich mit ihrem unauffälligen, aber braven Kollegen Richard und Sohn Jason für das familiäre Nest entschieden. Selbst als Superman in die heile Welt einbricht und Liebe und Eifersucht („Were you in love with Superman?“) emotionale Spannungen auslösen, entsteht daraus keine explosive Dreiecks-Konstellation. Lois wehrt sich gegen Supermans Rückkehr in ihr Leben und entscheidet sich pragmatisch für Heim, Herd und Beruf.
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| "Das TV-Programm war auch schon mal besser": die beiden Kontrahenten Clark und Richard mit "love interest" Lois |
Dass von solch sauberen Botschaften noch mehr zu erwarten ist, garantiert übrigens ein von weitem erkennbarer Cliffhanger, der sich eng am zweiten postmodernen Mystik-Epos Hollywoods, Star Wars, orientiert: Das Verbindungsglied zu weiteren Superman-Sequels soll hier nicht verraten werden, doch hängt es maßgeblich mit Lois’ Sohn Jason zusammen.
Ob die Welt Superman braucht?
„There are 3 important things”, sagt Clark Kents neuer alter Boss: “Tragedy, Sex, Superman.” So lange Sensationslust den Menschen antreibt, verkraften wir locker auch einen langweiligen Superhelden.