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In Liebe, deine Knarre
© Polyfilm VerleihFrei nach dem Motto „Gib den Verlierern keine Waffen!“ reiht sich Thomas Vinterbergs Dear Wendy in eine Reihe unreflektierter Amerika-kritischer Filme ein.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch


Der schüchterne Dick (Jamie Bell), der von seiner Pflegemutter groß gezogen wird, lebt in der Bergarbeiterstadt Estherslope. Durch Zufall kommt er in den Besitz einer Handfeuerwaffe. Obwohl Pazifist, ist er sofort fasziniert von dem neuen Spielzeug. Gemeinsam mit seinem Arbeitskollegen Stevie (Mark Webber), einem echten Waffenfreak, vergräbt er sich immer mehr in die Geschichte, Funktionsweise und Handhabung der Waffen. Die beiden gründen mit anderen Außenseitern eine konspirative Gemeinschaft: die Dandies. Deren einziges Hobby sind – klarerweise – Schießeisen in sämtlichen Formen, Arten und Stärken. In einem abgelegenen Fabrikskeller frönen die Dandies ihrer Leidenschaft: Schießübungen, Putzrituale - und regelmäßigen Schwüre, die Waffen niemals gegen Mitmenschen einzusetzen, prägen den Alltag. Alles mit Erlaubnis des örtlichen Polizeikommandanten Krugsby (Bill Pullman). Der vertraut Dick eines Tages den auf Bewährung entlassenen Sebastian (Danso Gordon) an.
Mit Eintritt des verurteilten Mörders in den Geheimbund entwickeln sich die Dinge anders als geplant. Ja, sogar tödlich.

Kritik

Stevie putzt akribisch seine Bad Steel mit Semi-Automatik, Dick knallt der Pappfigur ein weiteres Mal eine Ladung Schrot auf die linke Pupille, und Susan bewegt ihr Becken rhythmisch zur immer wieder kehrenden Melodie: 
“It's the time of the season when the love runs high. In this time, give it to me easy
and let me try with pleasured hands to take you and the sun to
promised lands to show you every one. It's the time of the season for loving”.

Es gehört zu den Verdiensten von Regisseur Thomas Vinterberg, den großen Underdogs des Sixties Pop, den Zombies, in diesem Film eine gebührende Plattform zu schenken. Deren sehnsuchtsvolle Schreie nach Liebe in samtenen Balladen wie „She’s not there“ verhallen hier wie im Liedtext unbeantwortet im Dunkel des Schieß-Kellers, dort wo sich Vinterbergs Sozialdrama zentriert und inhaltlich zuspitzt.

Nicht nur The Zombies erweisen sich im insgesamt dritten Spielfilm des Dänen als beständige (musikalische) Konstante: Dear Wendy lebt von starren Normen und Prinzipien. Die Protagonisten muten nicht selten an wie Wasserträger in einer einzig auf seine politisch korrekte Aussage hin zirkulierenden Geschichte. Die schlampigen Kulissen gleichen den Theaterbrettern aus Dogville, die audio-visuellen Stilmittel sind auf ein Minimum zurückgeschraubt.
Die Skript-Urheberschaft von Vinterbergs Dogma-Kumpel Lars von Trier kann sich somit nicht einmal hinter einer modernen gesellschaftlichen Fassade verbergen. Wäre das filmische Reinheitsgebot nicht schon längst außer Kraft gesetzt: Dear Wendy wäre von seinem Aufbau, seiner Struktur ein Musterbeispiel für das Regelwerk der dänischen Dogma-tiker. Fast wie ein schlechter Scherz mutet es an, wenn Vinterberg erklärt, dem Drehbuch eine logische, irrationale Form eingehaucht zu haben.
Trotz seiner interessanten Ansätze – Verlierertypen finden erst in einem Geheimbund gegenseitige Anerkennung; Arroganz und Ohnmacht der Gesellschaft gegenüber ihren Außenseitern; Waffen setzen jegliche Problemlösungskultur außer Kraft – wirkt Dear Wendy kalt und unnahbar. Was zum einen an den schlecht bis gar nicht ausgearbeiteten Charakteren liegt: Außer den beiden Hauptprotagonisten Dick und Stevie bleiben allenfalls die körperlichen Unzulänglichkeiten der Dandies im Gedächtnis – selbst Bill Pullmans chancenreiches Comeback wird da zum Rohrkrepierer. Zum anderen bewegt sich von Triers Drehbuch spätestens nach der Konstruktion und Einführung des jugendlichen Geheimbundes nicht mehr vom Fleck. Es braucht schon die unausweichliche Eskalation im Finale, wo eine zunächst beiläufige Situation – brave Dandies geleiten arme, gebrechliche, schwarze Mutter von Sebastian über den einer Westernkulisse gleichenden Dorfplatz – eine tödliche Kettenreaktion in Gang setzt.

© Polyfilm Verleih
"Waffen rauf!" Der pazifistische Schwur der Dandies kehrt sich bald in sein Gegenteil um.

Die bei von Trier – nur damit es alle wissen: Er hat seinen Fuß noch immer nicht in die USA gesetzt! – mittlerweile automatisierte Amerika-Anfeindung verpufft angesichts der substanzlosen und holprigen Vorlage weit vor der Freiheitsstatue. Umso mehr verwundert es, dass ein paar amerikanische Kollegen sich bei Dear Wendy erneut in ihren patriotischen Gefühlen verletzt sahen und reflexartig das Schutzschild gegen europäische Kritik am US-amerikanischen Waffengebrauch und dessen Auswüchse  aufzogen. Ein Skandal wurde freilich daraus nicht. Damit wäre Dear Wendy aber auch schon zuviel an Aufmerksamkeit zuteil geworden.


Trivia - Geschichten und Gschichterln

Dear Wendy wurde vor Ort im Filmbyen-Komplex bei Kopenhagen gedreht, wo die Gebäude einer alten Militär-Basis in eine westernähnliche amerikanische Kleinstadt umgewandelt wurden. Außerdem wurden viele Szenen des Films in einer stillgelegten Zeche in Nordrhein-Westfalen inszeniert.

Die Idee, im Film die Musik der Zombies zu verwenden, stammt ursprünglich von Lars von Tier. Er musste Thomas Vinterberg erst davon überzeugen, mit der 60ies-Band fast den gesamten Soundtrack zu bestreiten.

Hauptdarsteller Jamie Bell wurde durch seine Rolle des männlichen Tanzwunders Billy Elliot bekannt.


Zitat
Dick: "The Regulations are, that the most important thing for a Dandy is never to show off his partner, whatever the provocation. We carry them as moral supports. And that's the most important thing. They may be carried, but never brandished. That would be the worst thing of all."
Deutsche Website zum Film
http://www.dearwendy.de/