Es gibt so machen triftigen Grund,
Charles Bukowski zu lesen. Zuerst, wenn die eigene Pubertät gerade den Höhepunkt erreicht hat und einen Hesse, insbesondere „Siddharta“, nur mehr nervt. Nach einem Jahrzehnt Pause, wenn der Schmutz- und Schund-Faktor (es geht um Sex! Und um Saufen!) nicht mehr im Vordergrund steht, kann man das Werk unaufgeregt noch einmal gebührend würdigen. Man kann
Bukowski als Kind seiner Zeit und der USA, als hoffnungslosen Fall oder einfach als guten Schriftsteller lesen. Man kann sich die Beweisfotos (ja, er war wirklich so hässlich!) ansehen oder sich Dokumentationen wie
Bukowski: Born into This von
John Dullaghan geben, in denen ein abgefüllter
Bukowksi vor einem Auditorium stoneder StudentInnen auftritt und seine beschickerten Frauen/Freundinnen seine leeren Weinflaschen wegräumen. Im Zweifelsfall kann man auch zu
Barfly greifen,
Barbet Schroeders Film großartigem Film von 1987, in dem der noch junge (und unoperierte!)
Mickey Rourke und die großartige
Faye Dunaway auf
Bukowskis Drehbuch-Spuren wandeln, oder besser wanken.
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| Portrait of the Artist as a Drunk Man |
Es gibt also jede Menge Alternativen. Das soll nicht heißen, dass
Matt Dillon in Factotum keine gute Arbeit leistet. Sein Gesicht ist nur so einprägsam, dass man zuerst mal eine halbe Stunde lang nur
Dillon sieht, der mit einem im Gesicht festgeklebten schiefen Grinser versucht, so auszusehen wie
Bukowski, ein Projekt, das also von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. Aber wie gesagt, es liegt an seinem Aussehen, nicht an mangelnder schauspielerischer Kompetenz. Sobald man sich an
Dillons Gesicht ausreichend gewöhnt hat, um es ignorieren zu können, beginnt der Rhythmus des Films (auch mit Hilfe des feinen Soundtracks) zu funktionieren, nicht zuletzt wegen der großartigen
Lili Taylor, die auf die für sie typische angenehme Weise nie Wert darauf legt, Rollen zu spielen, in denen sie hübsch aussieht.
Die Ausstattung (oder das Budget) konnte sich nicht ganz darauf festlegen, ob der Film in den 1960ern, in der Jetztzeit oder irgendwann dazwischen spielt, was einerseits verhindert, dass
Factotum zum Kostümschinken mit lustigen Hemden ausartet, andererseits aber ein bisschen zu zeitlos bleibt –
Bukowski ist nicht ganz so ewig gültig, wie manche gerne hätten. Nicht aus jedem gammligen, herumfickenden und saufenden MacJobber wird ein literarischer Held (und auch
Bukowski erst spät und durch Zufall). Außerdem würde die Sache schon wegen den ganzen Rauchverbotszonen nicht mehr funktionieren.
Natürlich ist der Film genauso zitierbar wie sein literarisches Vorbild, nur die deutsche Version funktioniert halt nicht ganz – Hobbymachismo wie „Ich spendierte ihr ’nen Drink und sie gab mir ihre Telefonnummer“ ist im echten Leben eher zum Lachen denn cool. Und wenn „pussy“ noch einmal mit „pussy“ übersetzt wird, erschlage ich einen mit Untertiteln beschäftigten Jungstudenten wegen Feigheit. Mit einem nassen Fetzen.
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| Wahre Helden borgen ihrer Freundin auch die Schuhe... |
Zeitweise schafft der Film es dann doch, zeitgemäß zu sein. Wenn ein intelligenter Mensch, ganz auf seriöses Vorstellungsgespräch, gefragt wird „Wieso wollen sie in einer Essiggurkenfabrik arbeiten?“ oder bei einer Zeitung nicht als Journalist, sondern als Reinigungskraft angestellt wird, wird klar: so was gibt es auch jetzt noch, diese andere Seite des „American Dream“ – vom Schriftsteller zum Abwäscher, sozusagen. Auch andere Gestalten im Bukowskischen Universum wie der reiche, leicht verrückte Komponist, der sich seine Fans selbst finanziert und so eine ganze Gruppe an gescheiterten Existenzen aushält oder der Arbeitgeber, der dem Hackler-Poeten wohlmeinend einen Zigarren rauchenden Bürgertums-Schriftsteller vorstellt, weisen die Richtung, in die dieser Film hätte gehen können. Aber der
Dillon-
Bukowski kann zig Mal behaupten, dass für ihn Schreiben Lebenszweck ist, er bleibt doch eher ausgestelltes Zoo-Tier als Mensch - keine Sekunde lang kommt Empathie auf, allenfalls Durst. Gespräche mit wildfremden gestrandeten Existenzen an nachmitternächtlichen Bars oder einfach eines von
Bukowskis Büchern machen mehr Sinn.