Die großartige
Sarah Polley spielt eine junge Frau, die ein Hörgerät trägt und in einer Fabrik, in der wegen des Lärms Ohrenschutz Pflicht ist, seit vier Jahren schon fast unheimlich korrekt ihre monotone Arbeit verrichtet. Kein Urlaub, kein Krankenstand, kein Privatleben. Ihre Kolleginnen finden das seltsam, ihr Chef auch – er schickt sie auf Urlaub. Schon am ersten Tag der zwangsverordneten Pause heuert sie auf einer Bohrinsel an, auf der nach einem Unfall dringend eine Krankenschwester gebraucht wird, die sich so lange um den verletzten Josef (
Tim Robbins) kümmert, bis er transportfähig ist. Er ist nach dem Brandunfall kurzfristig blind und wird mangels Sehkraft und wegen des ihm widerfahrenen persönlichen Dramas zum redseligen Patienten, der bei seiner Krankenschwester jedoch auf ebenso freundliche wie bestimmte Grenzen stößt. Zwischen den Beiden entwickelt sich eine zarte Beziehung, die beide langsam aus ihrem mentalen Versteck holt. Klingt nach vorhersehbarem Beziehungsdrama á la „Zwei Freaks arbeiten ihre Vergangenheit auf“ und ist einer der besten Filme des Jahres.
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| Wenn die Taube den Blinden führt |
Es gibt viel zu wenige Regisseurinnen auf dieser Welt. Jedes Festivalprogramm wird dies ausreichend widerspiegeln (mit Ausnahme vielleicht von Crossing Europe). Warum das wichtig ist? Weil viele der Frauenfiguren auf das eigene Geschlecht doch eher wie Erfindungen von Männern denn wie reale Persönlichkeiten wirken. Die junge spanische Regisseurin
Isabel Coixet ist in dieser tristen Filmlandschaft seit ihrem Erstlingswerk
Mein Leben ohne mich ein Lichtblick. Und wieder dominiert den Film eine starke Frauenrolle, die nach den Gesetzen des US-Kinos eigentlich als völlig zerstörtes psychotisches Häufchen Elend der (männlichen) Rettung bedürfte. Nachdem in
Mein Leben ohne mich eine junge todgeweihte Mutter ganz unkompliziert das Leben ihrer Familie noch für die kommenden Jahrzehnte geregelt hat - für die melodramatischen Umstände verhältnismäßig kitschfrei, wenn auch definitiv mit hohem Taschentuchbedarf - setzt sich Hanna hier mit einer Vergangenheit auseinander, die in ihrer Brutalität und Unvorstellbarkeit so glaubwürdig, sachlich und klar wohl noch nie erzählt wurde.
Coixet verlässt sich hier wieder auf die geniale US-Schauspielerin
Sarah Polley, die hierzulande leider kaum bekannt ist, allenfalls noch Horror-Fans als unübliche Besetzung für die Blondine aus dem kürzlichen Remake von
Romeros Dawn of the Dead. Denn:
Guinevere hat es in Österreich schändlicherweise nicht mal ins Kino geschafft und wurde noch dazu durch den TV-Titel
Das Mädchen und der Fotograf entstellt.
Polley hat in
Das geheime Leben der Worte einen großartigen Partner - und auch wenn mich
Tim Robbins, ich gestehe es, bis zu diesem Zeitpunkt völlig kalt ließ: ich nehme alles zurück.
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| Wir sind Menschen, die in Ruhe gelassen werden wollen... |
Der ganze Film spielt in einer zeitfreien Zone – das weitere Schicksal der Bohrinsel ist seit dem Unfall ungewiss, sie ist außer Betrieb, alles ist „on hold“. Eine junge hübsche Frau mit Problem inmitten von Männern auf See? Vergessen Sie mal für einen Moment
Lars von Trier -
Udo Kier spielt schließlich nicht mit. Alle, die hier arbeiten, sind Menschen, die allein gelassen werden wollen – und sich mit einer Bohrinsel vor der Küste Englands wohl auch den richtigen Ort dafür ausgesucht haben. Doch es gibt den Koch (
Javier Cámara), der jeden Tag Essen aus einem anderen Land zur passenden Musikbegleitung kocht (
Paolo Contes „Via con me“ mal unkitschig auf einem Soundtrack, kaum vorstellbar) und unbeirrt Basilikum in der Dose auf dem unterkühlten windigen Deck anpflanzt. Die bei Tisch entstehende Diskussion unter der Besatzung, ob man zum Burger eher
The Kinks,
Def Leppard oder
Deep Purple hören will, ist nur eines der kleinen Geschenke, die der Dialog den Zusehern laufend macht.
Ein weiteres ist eine Szene, in der sich zwei ältliche Damen im Bus angesichts von
Jean-Claude Van Damme im Bord-TV darüber streiten, ob er oder
Vin Diesel der bessere Schauspieler ist.
Eine Gans namens Lisa, die grundlos das Deck bevölkert, zwei glücklich verheiratete Männer auf zwischenmenschlichen Abwegen aus dem Maschinenraum, die einen
Brokeback Mountain kurz vergessen lassen, und ein an das Gute im Menschen glaubender Ozeanograph, der die Wellen zählt, um die Belastungsfähigkeit des Konstrukts auszumachen, vervollständigen eine Besa/etzung, in der jede kleinste Nebenrolle klar austariert ist, ganz ohne große Worte und dementsprechend unzumutbaren Dialogen.
Belastungsfähigkeit ist wohl das Stichwort – es gibt Menschen, die alles aushalten, aber gibt es dann noch ein Leben, das über reines Weiterexistieren hinaus geht?
Coixet rettet die Ehre des ehrlichen Gesprächs über eigentlich Unaussprechliches vor der grausam kitschigen Degradierung zum „darüber reden“. Gleich zu Beginn heißt es: “There are very few things: silence and words” und das wird auch eingehalten – das finale “darüber Sprechen“ wird zum Befreiungsschlag und nicht zur Mitleidsmasche. Hanna ist auch keineswegs hilflos taub oder stumm, sondern gezielt und mit Grund. Mit Charme, Witz und klaren Grenzen ist sie diejenige, die über den durch Bewegungslosigkeit und Blindheit im Krankenbett zum verbalen Machismo verurteilten Josef die Oberhand behält – sie gibt nur so viel preis wie sie will. Und wenn sie nichts hören will, dann stellt sie ihr Hörgerät einfach ab.
Das Schreckliche bleibt schrecklich, es wird nicht einfach überwunden. Ein feiner Humor auch in der Bildsprache macht Hoffnung jedoch denkbar. Und wenn einem am Ende zum Heulen ist, dann einfach nur deswegen, weil dieser Film so gut ist.
Und für die, die nach dieser rein subjektiven Lobhudelei noch Referenzen brauchen:
Agustín und
Pedro Almodóvar haben den Film produziert, er bekam vier Goyas, den wohl wichtigsten spanischen Filmpreis – und als ZUgabe spielt
Julie Christie eine Nebenrolle. Außerdem wird die generell lobenswerte Tradition, im letzten Drittel des Films einen Song von
Tom Waits einzubauen, fortgesetzt, in diesem Fall handelt es sich um „All the World is Green“.