„How do we sift truth from belief?“, fragt Langdon zu Beginn bei einem Vortrag in Harvard, als er über Symbole und deren – vom Kulturkreis, Tradition und Zusammenhang abhängige – unterschiedliche Bedeutung doziert.
Von der dünnen, oft unklaren Linie zwischen Wahrheit und Glaube zehrt zu einem nicht unwesentlichen Teil Dan Browns Romanbestseller „Sakrileg“ – und so nun auch Ron Howards filmische Umsetzung. Auch der Glaube an eine möglichst akribische 1:1 Tradierung Buch zu Film sollte hier wohl Berge versetzen, die Wahrheit sieht freilich anders aus.
Ron Howard, der seit der kruden Mathematiker-Bio A Beautiful Mind getrost als Hollywoods Mann für Verschwörungstheorien durchgeht, mag in seinem Übereifer übersehen haben, dass das Medium Film anders tickt als Papier, das bekanntlich geduldig ist. Und Geduld hat der Kinozuschauer eher in geringem Maße: Wo Brown seinen Protagonisten buchgerecht ausufernde Monologe über historische und religiöse Theorien in den Mund legt, dort lässt Howard seine Figuren auf der Leinwand sprechen; oft dermaßen lange, dass die restlichen aktionsbetonten Szenen nur als Trittbrett fungieren.
Dramaturgisch fällt The Da Vinci Code nach kurzer Zeit auf die (lange) Nase: Was als amüsantes Rätsel-Puzzle im Agentenstil hätte angelegt sein können, zerbricht nach nicht einmal 10 Minuten am fragilen Spannungsbogen. In der geheimnisumwitterten, brav lächelnden Polizistin Sophie Neveu liegt – das ist sofort klar – das Geheimnis, das Langdon lösen soll. Und man ahnt auch schon welches. Denn Howard reicht es nicht, jedes Puzzlesteinchen, jede noch so kleine Fährte sich selbst erklären zu lassen. Wie im Kindergarten wiederholt er mit dem kinematographischen Zeigefinger jeden Hinweis, lässt etwa die beiden Dreiecke des Davidsterns (die separat unterschiedliche Bedeutungen haben) mit Nachdruck noch einmal hell erleuchten. Die vielen kleinen Rätsel der Buchvorlage – dort für die meisten schon keine intellektuelle Herausforderung – werden so unweigerlich zum filmischen Dekor. Kein Wunder, dass der Regisseur den größten Überraschungseffekt in einer typischen „Der Killer erscheint immer dann, wenn man nicht mit ihm rechnet“ - Szene erzielt, die ihre Energie just aus einem konventionellen Horroreffekt bezieht.
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| "Was kann da bloß drin sein?": Langdon (Tom Hanks) und Neveu (Audrey Tautou) finden einen neuen Hinweis auf den heiligen Gral |
Befreit von mythologischem und kryptologischem Ballast, verbleibt dann nur noch eine filmische Dauerhatz von einer Kathedrale in die nächste. Deren Orientierung am großen Vorbild des Archäologen-Abenteurers Indiana Jones ist zum Scheitern verurteilt: The Da Vinci Code ist im Unterschied zum flotten Ironieschlachtschiff von Steven Spielberg zweieinhalb Stunden lang absolut humorfreie Zone – und animiert vielleicht gerade deshalb zum spöttischen Gelächter. Insofern erweist sich Mr. Jedermann Tom Hanks als dauerquasselnde Idealbesetzung in einer Riege von farblosen Charakteren. Filmpartnerin Audrey Tautou behält die herzige Amélie-Pose selbst bei der Verfolgungsjagd im Rückwärtsfahren – und dass ein frankophones Klischeegebilde wie Jean Reno als korrupter Cop irgendwann aus den Augen und dem Sinn verschwindet, lässt sogar vergessen, dass wieder einmal prominente Namen um ihrer selbst willen besetzt wurden.
War das die Aufregung wert?, fragt man sich. Von Seiten der im Buch heftig attackierten, ultrakonservativen katholischen Sekte Opus Dei wurde im Vorfeld gegen die Verfilmung heftig protestiert. Hauptkritikpunkt war die aus alten Mythen und historischen Halbwahrheiten von Dan Brown postulierte Ansicht, Jesus wäre in Wahrheit mit der in der Bibel als unrein abgekanzelten Maria Magdalena verheiratet gewesen und hätte mit dieser ein Kind gehabt. Dieses sei eine Tochter gewesen, was zur Folge hätte, das Jesu heute noch in der weiblichen Nachkommenschaft weiterlebe. Botschaften, die sich in Gemälden da Vincis, und nicht zuletzt im legendären Heiligen Gral verstecken.
Der plumpe Angriff gegen die katholische Kirche als verschworener Männerbund verfehlte seine Wirkung als aufgelegter Provokations-Elfer nicht: Opus Dei verteufelte die Thesen und warnte im Vorfeld vor einem Besuch des Films, was die künstliche Aufregung natürlich noch zusätzlich antrieb.
Dabei sollten sich die Marien-Verehrer artig bedanken: Die Art, in der Ron Howard deren Protagonisten darstellt, lässt jeden Glauben an die Gefährlichkeit und Skrupellosigkeit des katholischen Bundes sofort im Keim ersticken. Albino-Killer Silas (bemüht gespielt von Paul Bettany) verkommt mit Schminke und Star Wars-Kaputze zum masochistischen Pausenclown, sein Boss, der intrigante Bischof Aringarosa, ist eine Figur ohne jegliches Profil, die nur als Verbindung zum eigentlichen Hintermann, im Film der so genannte „teacher“, dient.
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| "Aua, du tust mir ja weh!": Neveu (Audrey Tautou) im Würgegriff des Opus Dei-Bösewichts Silas (Paul Bettany) |
Eine vermeintlich spannende Fährtensuche wird so zum Kino-Langeweiler, der sich schließlich selbst für seine Mutmaßungen entschuldigen muss: In der Templer-Kapelle Rosslyn Chapel resümiert Symbologe Langdon, dass es trotz Thesen und Fundstücken keine Beweise für seine Theorien gebe. Fest stehe nur, dass Jesus ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sei. Wenigstens eine Annahme, auf die sich die meisten werden einigen können.