Die Geschichte ist nicht neu: Ein brutaler Gangster wird durch die Unschuld – hier in Form eines Kleinkinds – geläutert, und zum besseren Menschen. Neu ist hingegen das Setting, in das Regisseur
Gavin Hood das Publikum entführt. Es wird ein Südafrika der Widersprüche gezeigt. Auf der einen Seite Wohlstandsviertel, in denen reiche Leute – weiße, wie auch schwarze – wohnen, andererseits riesige Armengegenden rund um die Stadt. Und zwischen beiden Welten steht Tsotsi, der eigentlich David heißt und dessen „Künstlername“ soviel wie Verbrecher bedeutet.
Gemeinsam mit ihm kann der Zuseher von den Slums in die Stadt reisen. Dort begeht Tsotsis Bande nämlich Raubüberfälle – und ist dabei nicht zimperlich. Gleich zu Beginn wird ein U-Bahn-Gast lautlos mit einer selbst gebastelten Waffe niedergestreckt. Durch die berechnende Ermordung des Mannes entsteht eine eiskalte Schlachtsituation, die den Zuseher sofort von Tsotsi entfremdet. Ist diese Distanzierung vollzogen, kann die stetige Rehabilitation des Hauptcharakters beginnen, damit man pünktlich vor dem Abspann wieder mit ihm empathisiert.

Tsotsi findet das Baby, versucht sich zu bessern und stellt sich seiner Vergangenheit, denn er war natürlich nicht immer so unnahbar, sondern leidet unter seiner schweren, in punkto Mutterliebe defizitären Kindheit. Rührend unfähig kümmert er sich um das kleine Wesen, für das er die Verantwortung übernommen hat – scheinbar zum ersten Mal in seinem ganzen Leben. In Ausübung seiner Vaterpflicht scheut er auch nicht davor zurück, eine Frau mit vorgehaltener Waffe zu zwingen, das Neugeborene zu stillen. Viele Mütter hätten übrigens große Freude mit dem kleinen Racker, der bis auf einen Weinanfall kaum einen Mucks von sich gibt – auch wenn er stundenlang alleine in einer Papiertüte liegt. Ausgeprägte Charakterzeichungen bleiben dem Publikum vorenthalten. Selbst der Hauptfigur mangelt es an Vielschichtigkeit – alles beruht auf seiner miesen Kindheit. Und sobald Tsotsi erst einmal den Fuß auf den Pfad der Tugend gesetzt hat, weicht er nicht mehr weit davon ab. Trotzdem wird durch den Film ein realitätsnahes Bild des Alltags rund um Johannesburg – mit all seinen Höhen und Tiefen – vermittelt. Besonders hervorzuheben ist auch der hervorragende Soundtrack. Der setzt sich hauptsächlich aus Kwaito-Musik, der modernen Musik der südafrikanischen Townships, zusammen und unterstreicht gekonnt die vielen – für den europäischen Betrachter ungewohnten, aber doch nicht ungewöhnlichen - Bilder des Films und weckt Emotionen, sodass sich bei der Schlussszene sogar ein Quäntchen Rührung einstellt.
Positiv anzumerken ist auch, dass Tsotsis Weg zurück zur Menschlichkeit am Ende nicht gleichbedeutend mit seinem eigenen Ende ist, wie es aufgrund vergleichbarer Filmkonzepte (z.B.
Léon – Der Profi) oder auch der Romanvorlage zu erwarten wäre. Ein besonderes auditives Erlebnis verspricht außerdem die Originalfassung des Streifens: Hier wird die meiste Zeit in der Umgangssprache „Tsotsi-Taal“ geredet, die in der Vorstadt Johannesburgs vorherrscht und sehr interessant anzuhören ist.