Wen interessiert Logik: Spike LeesInside Man beweist wieder einmal, dass Bankräuber doch die besseren Menschen sind, vor allem wenn sie von Clive Owen gespielt werden.
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Schon von klein auf Bankräuberin werden wollte Julia Pühringer
Das ganze klingt vertraut: Ein Anstreichwagen, gefahren von Dalton Russell (Clive Owen), sammelt nacheinander drei bis zur Unkenntlichkeit in Arbeitskleidung gehüllte Menschen auf. Vor der New Yorker Manhattan Trust Bank parkt der Wagen ein. Die vier betreten die Bank - fünf Minuten später sind die Überwachungskameras ausgefallen, ist das Gebäude verriegelt, und an die 50 Geiseln rutschen nervös am Boden herum. Sofort macht sich Detective Keith Frazier (Denzel Washington) auf den Weg, um sich als Unterhändler mit der Lösung des Falls Lorbeeren zu verdienen. Nachdem sich der einflussreiche Bankier Arthur Case (Christopher Plummer) mithilfe der mit allen getrübten Wässerchen gewaschenen Krisenmanagerin Madeline White (Jodie Foster) ebenso präpotent wie sichtlich beunruhigt einmischt, wird klar: Hier geht es um mehr als nur einen Banküberfall.
Wenn ich einmal reich bin...
Kritik
Das Heist-Movie ist ein alt bewährtes Genre – der Traum vom schnellen Geld per Banküberfall stirbt so schnell nicht aus, schon gar nicht in schlechten Zeiten für Normalverdiener. Liefen solch kriminelle Aktionen in den frühen 90ern noch zumeist drastisch Coen-esk schief, so machten sich in den letzten Jahren wieder die Profis ans Werk. Hollywoods „echte Männer“ wie Gene Hackman (Heist), Robert De Niro und Edward Norton (The Score), Donald Sutherland und nochmal Edward Norton (das Remake von The Italian Job, dessen Sequel für nächstes Jahr zu erwarten ist) und Bruce Willis mit Billy Bob Thornton (Bandits) drehten ein Ding nach dem anderen, während das Publikum eher mit ihnen denn der Polizei mitfieberte.
Spike Lee, der sich noch nie auf ein Genre festlegen ließ, stieg nun in höhere Budget-Sphären auf und inszenierte gleich einen Banküberfall, der es in sich hat. Immerhin musste Lee diesmal bei nichts – und niemandem – sparen. Schon der Schriftzug auf dem Van der Bankräuber („We never leave until the job is done!“) macht eines klar – einer vom Schlage Lees lässt es bei einem simplen Überfall nicht bewenden. Der Regisseur, laut allgemeiner Überlieferung der Vorreiter aller afroamerikanischer Filmemacher nach ihm, schafft es, diesem doch eher oberflächlichen Genre neben den obligatorischen Versatzstücken gleichzeitig Schärfe, Tiefe und hintergründigen Witz zu verleihen, ohne auch nur eine Sekunde lang aus der Handlung zu kippen oder gar ins Lehrerhafte abzugleiten.
Russell Gewirtz’ Drehbuch ist durchdacht: Schon während des Überfalls wird die Handlung durch Vorausblenden unterbrochen, in denen Frazier allen entkommenen Geiseln immer wieder die selben Fragen stellt: Ob sie an dem Überfall beteiligt waren, wie sie ihn geplant haben, etc. Geiseln, die erleichtert aus dem Gebäude stürmen, werden trotz erhobener Hände gnadenlos zu Boden geworfen und gefesselt, einem Sikh wird trotz Unschuldsbezeugungen der Turban vom Kopf gerissen, die daraus resultierende Diskussion ist ebenso drastisch wie unglaublich komisch, wie so viele der doppelbödigen Pointen dieses Films. Im Hintergrund kleben Plakate in Erinnerung an den 11. September an Hauswänden, und es scheint für das Medien-strapazierte Auge tatsächlich nur mehr Post-9/11-Filme zu geben – wenn die Geiseln durch Rauchwolken aus dem Gebäude ins Freie taumeln, ist die Konnotation ebenso aufgelegt wie logisch.
Jodie Foster glänzt als opportunistisches Arschloch vom Dienst im perfekt sitzenden beigen Kostüm mit ebenso perfekter Frisur, eine Rolle, die man von ihr nicht gewohnt ist, die ihr allerdings ungemein gut zu Gesicht steht. Christopher Plummer hat einen Spazierstock und eine düstere Vergangenheit und ist – Christopher Plummer. Denzel Washington als Detective, der seine endlich fällige Gehaltserhöhung auch durch einen nicht ganz koscheren Deal in Kauf nimmt und eigentlich nur dem Wunsch seiner unersättlichen Freundin nach ehelicher Zweisamkeit genüge tun will, ist fast schon ein Klischee, aber verlässlich gut. Willem Dafoe als Einsatzleiter Captain John Darius spielt, man sollte es nicht glauben, eine Nebenrolle. Clive Owen als humanistisch angehauchter Räuber mit leisen Robin Hood-Ambitionen ist großartig wie gewohnt, für seine Fans gibt es nur eine einzige, dafür aber herbe Enttäuschung: Viel bekommt man von ihm aufgrund der berufsbedingten Maskierung nicht zu sehen…zum Glück hat der gute Mann ja auch noch seine schöne Stimme.
Und für die, die bis hierher gelesen haben, noch die obligatorischen Kritikpunkte: Ja, der Film ist zu lang. Auch Fragen nach Motiv und Ausbildung der Bankräuber sowie nach ihrem Wissen um das große Geheimnis bleiben unbeantwortet. Andererseits: Solange es keinen professionellen Volkshochschul-Kurs „Bankräuber für Anfänger“ gibt, sollte das egal sein. Don’t miss it!
Zitat
Keith Frazier: “Who ever heard of a bank robbers escaping on a plane with fifty hostages? Why? I don't know…”
Madeliene White: “Look, detective, there are matters at stake here that are a little bit above your pay grade.” Keith Frazier: “Why don't you just tell the mayor to raise my pay grade to the right level and: problem solved.”
Madeline White [im Wissen um das schreckliche Geheimnis von Arthur Case]: “I'd call you a monster, but I have to go now and help Bin Laden's nephew buy a co-op.” Arthur Case: [lachend] “If that were true, you wouldn't be telling me.” Madeline White: [Im Weggehen] “We're putting you down as a reference.”
Dalton Russell [zu einer pummeligen ältlichen Geisel, die sich weigert, sich vor ihm aus- und umzuziehen]: “Now lady, believe me, this is the only situation that I would ever ask you to do this, so take off your fucking clothes.”
Kellner: “Excuse me, Sir, do you have a reservation?” Keith Frazier: [am Kellner vorbei gehend] „I have an appointment.“ Kellner: “May I take your hat?” Keith Frazier: “No, get your own.”
Keith Frazier: “Don't say proposal, see, my girlfriend wants to get married.” Dalton Russell: “What, you think you're too young to get married?” Keith Frazier: “No, just too broke.” Dalton Russell: “Do you love her?” Keith Frazier: “Yes.” Dalton Russell: “Then it shouldn't matter.”
Dalton Russell: “Soon I'm gonna be sucking down pina coladas in a hot tub with six girls named Amber and Tiffany.” Keith Frazier: “No, it's more like in the shower with Jamal and Jesus… and that thing you're sucking on? It's not a pina colada!”