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Lustwandler im Siff
Abenteurer - Lolita - Ehrenmann: Der neue Film von Kultregisseur Terrence Malick ist da. In seinen Händen wird die Pocahontas-Legende zur filmischen Symphonie, die mehr zeigen will als nur entbrannte Herzen.


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betrachtet von Thomas Taborsky

Drei englische Schiffe ankern im Frühjahr 1607 vor der Küste Virginias. Die kleine Schar von Kolonisten, die die Überfahrt gewagt hat, will ein Fort gründen und das Land ringsum in Besitz nehmen. Unter ihnen ist auch der Abenteurer John Smith (Colin Farrell), der Amerika in Ketten erreicht. Obwohl wegen Meuterei zum Tode verurteilt, wird er vom Kapitän (Christopher Plummer) begnadigt, auch weil er der einzige erfahrene Soldat ist - und Waffen glauben die Siedler, von denen viele gar nicht friedlich sind, am dringendsten zu brauchen. Auch die Ureinwohner haben die Landung der Schiffe gesehen. Bald schon stehen sie vor den fremden Gestalten in den eisernen Rüstungen und untersuchen sie.

Friedlich ist das Zusammenleben der Neuankömmlinge und der Einheimischen nicht lange. Nachdem der Kapitän nach England in See gestochen ist, um Nachschub zu holen, sind die Kolonisten noch dazu auf sich allein gestellt. Weil es Berichte von einer Stadt und einem König gibt, mit vielleicht Handel betrieben werden kann, soll Smith einen Trupp anführen, um mehr in Erfahrung zu bringen. Er wird aber von seinen Gefährten getrennt und von Kriegern gefangen genommen. Die junge Tochter des Königs (Q'Orianka Kilcher) rettet Smith vor dem Tod. Er bleibt in der Stadt, und die beiden verfallen einander.

Nach einiger Zeit schenkt der König John die Freiheit. Mit der Botschaft, dass sie das Land im Frühling verlassen müssen, kehrt er zu den Siedlern zurück. Das steht aber außer Frage, obwohl im Fort das Wetter, Sumpfkrankheiten und der Hunger schrecklich wüten. Nur Johns Geliebte, die Prinzessin, bringt heimlich etwas Linderung. Der offene Kampf zwischen den Kolonisten und den Ureinwohnern ist schließlich unausweichlich, und die Königstochter damit zwischen ihrer Liebe und ihrem Volk gefangen.

Kritik
Terrence Malick hatte mit seinem neuen Werk zweifellos großes vor. Zum einen wollte er aus der Pocahontas-Legende die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern entwickeln: Schrankenlose Liebe gegen reservierte, aber sichere Zuneigung - und viel Schmerz, weil die große Liebe von allen Seiten verunmöglicht wird. Zum anderen wollte er das fundamentale Thema aufgreifen, das schon dem Vorgänger Der schmale Grat zugrunde liegt: die Natur als dem Menschen ausgeliefertes Objekt. Die für den Film zentrale Kolonie Jamestown war die erste erfolgreiche Ansiedlung nördlich Floridas. The New World beschreibt damit auch genau jenen Punkt in der Geschichte, an dem der Mensch begann, sich selbst durch die Natur nicht mehr von einem gewählten Ort vertreiben zu lassen.

Als Form, in der Malick über diese beiden Gedanken philosophiert, wählte er die Symphonie. Der Vorspann ist noch nicht einmal vorbei, da hat sich das Kino zum Konzertsaal verwandelt, und alles richtet sich nach James Horners Musik - selbst das Tempo von Malicks Erzählung. Seine Figuren streifen durch die Gegend wie auf einer Bühne und ergehen sich dabei in inneren Monologen, wie sie lyrischer kaum sein könnten. Das, was sich abspielt, entbehrt jedes Realismus, sonst würden nicht englische Kolonisten im Siff ihres mehr schlecht als recht zusammen gezimmerten Forts lustwandeln, und die Indianer wären keine verzückten, bellenden Gestalten, die haargenau so erscheinen wie der Dichter Ovid vor 2000 Jahren die Menschen aus dem Goldenen Zeitalter beschrieb: zutiefst unschuldig, sodass sie in ihrem Sprachschatz nicht einmal Worte für schlechte Taten haben. Q'Orianka Kilcher als Pocahontas - im Film wird der Name beharrlich vermieden - steckt mittendrin in diesem Treiben. Malick lebt das Lolita-Potenzial der 15-jährigen voll aus, lässt sie in einer Szene sogar Indianer-Strapse tragen, und setzt an ihre Seite zuerst einen seine Physis ausspielenden Colin Farrell, dann einen bis zum Anschlag reservierten Christian Bale.
Der Blick geht jedoch oft von den Akteuren weg, hin auf ihr Umfeld, in dem sich eine weitere Geschichte abspielt: das Eindringen des Menschen in unberührte Natur und deren Vernichtung, bis der neue Herr das Land nach seinen Vorstellungen neu geformt hat. So berührt es zutiefst, wenn die englischen Konquistadoren ihre ersten Schritte in mannshohem Gras tun, während am Ende auf der anderen Seite des Atlantiks ein einzelner amerikanischer Ureinwohner im bis zum letzten Blättchen getrimmten königlichen Park steht - Beide Szenen erzählen von Fremdkörpern in Organismen, die nicht unterschiedlicher sein könnten, und letztlich versuchen diese Organismen auch, den jeweiligen Eindringling abzustoßen - mit unterschiedlichem Erfolg .

Die Ausgefeiltheit der Strukturen, die herrlichen Bilder und die alles tragende Musik können eines nicht verhehlen: The New World ist eine lähmend schwache Arbeit. So schön und so langweilig war schon lange nichts, was über eine Leinwand flimmerte: Brütende Poesie und leere Posen kämpfen darum, wer den Film als erster zerstören darf. Auch Kilcher und Farrell bleiben bei der angeblich so leidenschaftlichen Beziehung Pocahontas-Smith zahmer als die Kinder in der Blauen Lagune - nicht einmal ein Anflug von Unzucht mit Minderjährigen. Irgendwo dazwischen steckt all das fest, was Malick sonst noch beabsichtigte. Zu sehen ist aber traurigerweise nur ein Film, der dem Ruf seines Regisseurs nur in geringstem Maße gerecht wird; einer nämlich, der diskutiert werden kann, genossen aber keinesfalls.

Zitat
John Smith: „Es war ein Traum. Jetzt bin ich erwacht.“

Pocahontas über Rolfe: „Er ist wie ein Baum. Er bietet mir Schutz. Ich liege in seinem Schatten.“