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Blut und Milch
Es gibt viel, was Steven Spielberg über Familie zu sagen hat. Diesmal geschieht es im Rummel rund um Terror und Vergeltung - Aufreger mit einkalkuliert.


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betrachtet von Thomas Taborsky

Am Morgen des 5. September 1972 nehmen Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September elf israelische Sportler im Olympischen Dorf als Geiseln. Die Aktion endet mit einer Katastrophe: Alle Geiseln sterben.
Wenig später erteilt die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir (Lynn Cohen) den Auftrag, die Hintermänner des Attentats zu töten. Das Spezialisten-Team (Ciaran Hinds, Hanns Zischler, Daniel Craig, Matthieu Kassowitz) soll der Geheimdienstmann Avner (Eric Bana) anführen. Seine Mission hat Bedingungen. Eine davon: Solange der Auftrag nicht erfüllt ist, darf er offiziell nicht mehr existieren und keinen Kontakt zu seiner Familie haben. Obwohl Avner und seine Leute rasch die Spur ihrer Ziele aufnehmen, merken sie ebenso schnell, dass ihr Werk hohen Tribut von ihnen fordern wird.


Kritik
Das Volk Israel fußt auf dem mythischen Ahnvater Jakob, dessen 12 Söhnen und ihren Stämmen. „Familie ist wichtig“ sagt Israels Premierministerin Golda Meir, das Ebenbild einer sorgfältig gekleideten Großmutter. Meint sie den Staat oder denkt sie doch an den Agenten, der vor ihr steht?
Einen letzten Moment Zeit, um sich nahe zu sein, Kraft in einem vertrauten Kreis zu finden, nehmen sich die Palästinenser, die gleich die blutige Geiselnahme in München einleiten werden. Gesellig zu Tisch sitzt auch die Sippe von Papa, dem französischen Terrorhändler; Es gibt nichts schöneres für den alten Mann. Avner jedoch kann seine Tochter nur am Telefon hören. Sie brabbelt. Er weint. Später wird er den Sohn eines anderen töten.

Nichts läge ferner als Steven Spielbergs neue Arbeit als Familienfilm zu bezeichnen - und nichts beschreibt ihn so präzise. Ja, München ist dem Krieg der Welten in diesem Punkt sehr ähnlich: Erneut geht es um die Bedeutung der kleinsten sozialen Einheit inmitten von extremen äußeren Umständen. Und Familie, so lernen wir, kann vieles bedeuten. Fern von Frau und Kind können das ersatzweise auch die Männer sein, die mit dir ein Killerkommando bilden. Mit denen du Mission, Pläne und Ängste teilst, lachst und das Brot brichst. Die du sterben siehst. Die du nie völlig beschützen kannst.
Spielberg bevölkert seinen Film auf allen Seiten mit menschlichen Kleinstverbänden, so wie er auch auf allen Seiten Täter und Opfer findet - oft in einer Person, vor allem auch der seiner Hauptfigur, die sich im Verlauf der Geschichte zum psychischen Wrack wandelt. Spielberg weiß das mit seinem Koffersatz von großen Symboliken darzustellen: Den Sex von Avner mit seiner Frau schneidet er einfach ins Massaker von Fürstenfeldbruck hinein, als ob auch Avners Leben an diesem Tag zu Ende gewesen sei. Schon zuvor fließt jedoch Blut in eine Milchlache, dreht ein abgerissener Armstumpf an einem Deckenventilator seine Runden, sucht Spielberg nach dem verstörenden Bild, das ewig nachhallt wie das des roten Kindermantels im Schwarz-weiß von Schindlers Liste.

Toter Freund: Spielberg erzeugt auch in München Bilder, die sich nicht abschütteln lassen sollen
Ebenso symbolisch ist sein Finale, ein Blick auf die Türme des World Trade Centers, die Verbindung von München 1972 mit 9/11. Es sind gerade diese oftmals nur in den Raum gestellten Assoziationen, die verärgern, weil sie erklärungsbedürftig bleiben und im Grunde von allen Parteien als Affront gesehen werden können. All das, weil die Politik, die Szenerie der brisanten 70er-Jahre nachrangig, beiläufig behandelt wird: Es ist nicht mehr als Namedropping, das betrieben wird, ob es der Auftritt eines Herrn Baader von der RAF ist oder der eines Ehud Barak, damals Soldat einer Kommandoeinheit und ein Vierteljahrhundert später Ministerpräsident Israels. Wer den Kontext durchschauen will, muss sich selbst vorher über die Zeitperiode schlau machen, denn Spielberg wird es nicht erklären; Das steht nicht auf seiner Agenda. Bedeutend wichtiger ist es ihm, viele Charaktere binnen kurzer Zeit auszugestalten, weswegen er Größen wie Valeria Bruni-Tedeschi oder Yvan Attal für gerade mal zwei Sätze vor die Kamera bemüht, genau wie einen Moritz Bleibtreu.
Eric Bana als Hauptdarsteller hat es bei diesem Aufgebot schwer: In der Gesellschaft fast aller seiner Kollegen, sei es Ciaran Hinds, Hanns Zischler oder Michael Lonsdale, wird er schauspielerisch überflügelt. Glücklicherweise für ihn ist seine Figur oft alleine unterwegs. Was Schmerzen sind, was Ängste, was Sorge um die Liebsten, das vermag er deutlich zu zeigen, doch wie immer bei Spielbergschen Produktionen fällt es schwer, zu folgen: So wie es letztes Mal die einfache Tatsache war, dass wir so selten von Alieninvasionen heimgesucht werden liegt es diesmal daran, dass die wenigsten von uns den Auftrag erhalten, für einen staatlichen Vergeltungsfeldzug alles los lassen zu müssen. Die Richtung stimmt jedenfalls. Vielleicht kommen wir ja in fünf, sechs Spielbergs zu einer Situation, in der wir uns alle einmal wiederfinden könnten.

Zitat
Golda Meir: „Family matters.“

Ali, der palästinensische Terrorist: „Home is everything.“

Avners Mutter: „Whatever it took, whatever it takes: We have a place, a place on Earth.“

Ephraim: „There's no peace at the end of this.“
Deutsche Filmseite
http://movies.uip.de/muenchen