„Alles was nicht jetzt ist, sollte mit unseren Erinnerungen begraben werden.“ (Jonathan Safran Foer)
„Bei „Everything is illuminated“ habe ich mich am europäischen Film orientiert.“ (Liev Schreiber in einem Radiointerview)
2 Aussagen, die kennzeichnend für diesen Film stehen, gleichzeitig aber trügerischer nicht sein könnten. US-Schauspieler Liev Schreiber, zuletzt zu sehen als aalglatter US-Präsidentschaftskandidat im Remake von The Manchurian Candidate, liefert mit Alles ist erleuchtet ein ambitioniertes Regiedebüt ab, für das er auch das Drehbuch geschrieben hat.
Ambitioniert, nicht mehr. Denn die Geschichte um den Skurillo Jonathan, der mit Nickelbrille, Seitenscheitel und einem Sammeltick, nein -wahn, auf die mindestens genauso verschrobene ukrainische Prolosippe rund um den Möchtegern-Rapper Alex und dessen mürrischen Großvater (ein großartiger Boris Leskin) trifft, scheitert – zumindest filmisch – an der zu hoch gelegten Latte.
Nach der Romanvorlage der Titelfigur Jonathan Safran Foer legt Schreiber seinen Jonathan als exaltierten Wunderling an, wie er höchstens in einem Tim Burton-Film vorkommen könnte. Eine Heuschrecke, ein Gebiss, und jede Menge Fotos: Die Wände in Jonathans Wohnung sind eine Collage aus in Plastiksäckchen gefüllten Erinnerungsstücken – körperliche Gedächtnisstützen, die nicht weniger als Jonathans Lebensgrundlage sind. Wie auch die (Lebens-)Grundlage des Films: Denn vom Leben in der Gegenwart kann keine Rede sein. Die Vergangenheit lastet in jeder Minute schwer auf Alles ist erleuchtet, selbst dann, wenn sich in der ersten Hälfte aus der Begegnung zwischen Jonathan und den beiden verschrobenen Ukrainern ein charmanter Parcours aus sprachlichen Missverständnissen und mentalitätsbedingten Eigenheiten entwickelt.
Schreiber packt so viele Vorurteile, historische und religiöse Klischees sowie reale Erscheinungsbilder in seine Szenen, dass Peinlichkeit und Voreingenommenheit schon am naiven Charme seiner Darsteller abprallen müssen. Selten hat man über abgenudelte Judenwitze und Russen-Kalauer aus der untersten Schublade (Beispiel: die stemmige, finster drein blickende Kellnerin, die den Wodka zum blutigen Steak serviert, das Jonathan als Vegetarier sträflich verweigert) so befreit lachen können wie hier. Selten hat – selbst in der deutschen Synchronisation – holpriges Englisch mit russischem Akzent und die daraus erwachsenden linguistischen Missverständnisse so sehr die Lachmuskeln gereizt. Und selten war ein Hundename dämlicher: Sammy Davis junior junior bellt sich als Furchtobjekt für den Ami-Touristen durch den Film.
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| Gegensätze, die sich nicht anziehen: Elijah Wood und Eugene Hutz |
Während Jonathan als scheuer Neurotiker einen Hindernislauf durch die zahlreichen Fettnäpfchen vollführt, wirkt sein „Tour Guide“ Alex (schräg:
Eugene Hutz, selbst Mitglied einer „US-ukrainischen Zigeuner-Punk-Band“) wie eine Erkan & Stefan-Imitation auf doppelter Drehzahl – mit ausgeprägtem Faible für die amerikanische Ghetto-Kultur oder eben das, was Ukrainer drunter verstehen. Er sorgt als Dolmetsch, der die bissigen Bemerkungen seines mürrischen Großvater gegenüber dem ausländischen Gast regelmäßig falsch wiedergibt, für die flapsigen Pointen. Bei der langen Fahrt ins verheissene Dorf Trachimbrod entwickelt sich dann ein entspanntes Road-Movie, das sich selbst nie ernst nimmt und Erinnerungen an die beiden Weltkriege und den Kommunismus in Sowjet-Zeiten in humoristische Gegensätze zwischen Ost und West, Arm und Reich und Jude-Nichtjude auflöst.
Die Leichtigkeit verlässt Schreiber schließlich zu Gunsten einer braven Geschichtsstunde: Vor einem kitschigen Sonnenblumefeld finden die drei zwar nicht die gesuchte Retterin Augustine, aber deren Schwester Lista (Laryssa Lauret). Schuhschachteln voller Erinnerungsstücke werden ausgetauscht, Tränen fließen – und auch Alex’ Großvater beginnt sich der Vergangenheit bewusst zu werden.
Gemeinsam macht man sich ans Flussufer. Dort wo früher Trachimbrod war, ist jetzt eine Gedenkstätte. 1.024 Dorfbewohner wurden 1942 im Zuge eines Massakers von Nazis umgebracht, darunter auch Augustine. Nicht nur Jonathans Großvater war unter den wenigen, die gerettet wurden; Alex’ Großvater verdankt sein Leben Lista.
Ohne die historischen Hintergründe zu erfragen oder zu hinterfragen, versetzt Schreiber seinem Erstlingswerk damit den dramatischen Todesstich. Rührung und Melancholie wirken krass aufgesetzt, wenn die Protagonisten wie erstarrt auf die Gedenkstätte im Scheinwerfer des Mondlichts glotzen.
Selten hat sich ein Filmemacher in seinen Intentionen so geirrt (siehe unsere Einganszitate): Denn Alles ist erleuchtet ist Geschichtsaufarbeitung auf Hollywood-Niveau, die mit ihren Ansätzen einer strukturierten Erzählform in Kapiteln und der genauen Beobachtung seiner Figuren gerne europäischen Ursprungs wäre. Statt einer geraden Linie fährt Schreiber aber im Zickzack-Kurs.
Fazit: eine letzlich enttäuschende Dramödie, deren europäische Vorbilder irgendwo im Nebel der ukrainischen Ebenen verloren gegangen sind.