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Der Klavierspieler
Krimineller oder doch Pianist? Karriereentscheidungen der Pariser Jugend von heute.


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„Man müsste Klavier spielen können“, denkt Julia Pühringer

Thomas Seyr (Romain Duris u.a. aus L’Auberge Espagnole), 28-jähriger Sohn eines Immobilienhais, arbeitet im „Unternehmen“ seines Vaters. Die gewaltsame Räumung von besetzten Häusern und das Einschüchtern von zahlungsunwilligen Mietern (sowie das Aussetzen von Ratten in Stiegenhäusern) gehören zum täglichen Geschäft. Dazwischen wirft man sich für einen offiziellen Termin schon mal geschäftsmännisch in Schale und zieht nächtens durch die Pariser Clubszene. Seine Mutter, sie war Konzertpianistin, ist schon lange tot. Als Thomas unverhofft ihren Agenten trifft, erhält er nach jahrelanger Klavierabstinenz die Möglichkeit, bei ihm vorzuspielen. Plötzlich öffnet sich so die Tür zu einer anderen Karriere und einem anderen Leben: dem Ausstieg aus dem ungeliebten Milieu.

Kritik

Wie wird ein Mann ein Mann? Ein bisschen zu offensichtlich ist das Thema des „jungen Mannes auf der Suche“: hektisch, ein bisschen zu impulsiv und doch ziel- und richtungslos geht Thomas seinen diversen unguten Tätigkeiten nach. Sein alternder, zunehmend hilfloser und leicht verwahrloster Vater sieht aus wie ein ebensolcher Marlon Brando (sehr glaubwürdig: Niels Arestrup) und stellt ihm eine vermutliche Prostituierte als zukünftige Schwiegermutter vor. Sein bester Freund und Arbeitskollege (wenn die Bezeichnung hier angebracht ist) kokst zuviel und schwärmt detailreich von den Mädchen, die in ebendiesem Zustand zu allem bereit sind. Thomas ist es leid, als Ausrede für dessen Gattin herzuhalten (auch wenn moralische Bedenken in seiner Rolle etwas unangemessen wirken) und findet unter anderem Trost in der Hoffnung, es spät, aber doch noch als Pianist zu schaffen. Im ehemaligen Impresario taucht eine – mögliche – neue, weichere Vaterrolle auf, in seiner Korrepetitorin eine kluge, ruhige Künstlerin, deren Distanz zu seinem schmutzigen Tagesgeschäft größer nicht sein könnte. Und: die letzte Entscheidung, nämlich über die Qualität seines Vorspiels, liegt zwar tatsächlich in seinen Händen, zugleich jedoch nicht in seinem Ermessen.

Copyright: Polyfilm
Tiefsinnig ob der bevorstehenden Lebensentscheidung

Dieser Film ist so gut gemacht, dass er fast, aber nur fast, von seinen Schwächen ablenkt. Die Optik lässt weder in Bezug auf Kamera, Schnitt oder Ausstattung etwas zu wünschen übrig. Sogar die Dialoge sind gut und beweisen, dass auch ein dramatischer Film durchaus glaubwürdig Situationskomik aufweisen kann - vor allem wenn der angehende Pianist mit seiner chinesischen Korrepetitorin ein großes Sprachproblem hat, weil sie des Französischen und er des Chinesischen nicht mächtig ist (zum Glück sind Wutausbrüche international verständlich). Großartig wie Musik eingebunden wird, mit einem schönen Spiel zwischen Score und Musik in der Handlung und einem weiteren Beispiel für „Gewalt zu gute Laune-Musik“ (die gewaltsame Räumung eines Hauses zu Kylie Minogues „Locomotion“). Bezeichnend auch, wie Thomas einem übermächtigen russischen Typen – euphemistisch: „aus dem Immobiliengeschäft“ – zwar momentan nichts anhaben kann, aber „zumindest“ dessen Freundin vögelt. Schön ist sein langsamer Wandel, als er einsehen muss, dass mit Gewalt beim Klavierspiel nichts zu holen ist und die eigene Einschätzung nicht immer die richtige ist sowie das sich langsam verschiebende Machtverhältnis zwischen (und Schutzbedürfnis von) Vater und Sohn.

Manchmal beschleicht einen dann allerdings doch das Gefühl, der Hauptdarsteller hatte beim Spiel den jungen Harvey Keitel oder Robert De Niro vor Augen, zu bemüht wirkt er ab und zu. Zu vorhersehbar sind manche der Handlungsentwicklungen, zu plakativ (und auch verwunderlich) ist die Diskrepanz zwischen der kultivierten feinsinnigen Art der verstorbenen Mutter und dem mafiaähnlichen Gehabe des Vaters, ganz abgesehen davon, dass jedeR BerufsmusikerIn die Möglichkeit einer solchen Karriere nach siebenjähriger Pause und über dem Alter von 19 mit ziemlicher Sicherheit in Abrede stellen würde. Nichtsdestotrotz: sehr sehenswert, solche Filme sind derzeit rar.


Trivia - Geschichten und Gschichterln

Neuverfilmung von Fingers (James Toback, 1978) mit Harvey Keitel in der Hauptrolle.

Ein weiteres Beispiel in der langen Liste der gegenteilig übersetzten Filmtitel - auf Französisch „Mein Herz hat (kurz) aufgehört zu schlagen“, auf Deutsch: „Der wilde Schlag meines Herzens“.