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Wenn eine Stadt zur Hölle wird
Robert Rodriguez zeigt vor, wie Comic zu authentischem Comic-Film wird: 3 Stories, 2 ½ Regisseure und hektoliterweise Blut.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

Kritik

Dass der Stempeldruck der deutschen FSK wegen „gewalttätiger Szenen“ auf diesem Film klebt, wird die wenigsten irritieren. Gewalt ist in Sin City das täglich Brot: kein Warnblinklicht wie im europäischen Sozialdrama, kein Entertainment-Partikel wie im US-Blockbusterkinos. Hier ist Gewalt Ausdrucksmittel, wird in großem Stil gepredigt und zelebriert. Das sieht man dem Film von der ersten Einstellung – eine tödliche Begegnung als Noir-Hommage weist Licht, Kulissen und Darsteller für die nächsten 2 Stunden den Weg – bis zum finalen Showdown (wenn es den überhaupt gibt) an.

Ausschnitt aus dem Original-Comic von Frank Miller...
Vergessen Sie Gotham City! Was in diesem Vorhof zur Hölle im düsteren Schwarz-Weiß-Cluster mit Farbsprengseln an menschlichem Abschaum herumschlägt, -ballert und -flucht, kann nur einem kranken Hirn entsprungen sein; oder dem eines Comic-Zeichners: Frank Miller, Architekt der sündigen Metropole mit Gründungsjahr 1991, hat sich sein eigenes Albtraum-Universum geschaffen: Umgeben von dunklen Wolkenkratzern liefert sich unter prasselndem Dauerregen so ziemlich alles, was eine Gesellschaft an Außenseitern aufzubieten hat, einen Kampf um Macht, Liebe und Geld. Ein Brückenschlag zum Film-Universum des Robert Rodriguez (der seit seinem Erstling El Mariachi bekanntermaßen nur mehr das macht, was ihm gefällt – und das ziemlich gut) lag da nicht weit: Rodriguez umschwärmte Miller, der ließ sich irgendwann überreden und bekam dafür den Eintrag als Co-Regisseur.
Und weil auch bei den Beatles immer nur einer die Songs schrieb, selbst wenn Lennon/McCartney drauf stand, gibt hinter den Kameras unverkennbar Rodriguez Ton und Bild an. Doch alles was er macht, hat Miller letztlich vorgezeichnet. Der Comic als direkt verfilmtes Drehbuch – Rodriguez scheint fortwährend beweisen zu müssen, was Authentizität heißt: Jedes einzelne Comic-Bild wurde – so sagen es die Entstehungs-Anekdoten, und derer gibt es viele zum Film – auf eine Einstellung nahezu 1:1 übertragen. Das sieht man. Wo ein Tim Burton oder Sam Raimi die Vorlage ihrem persönlichen Stil anpassten, macht’s Rodriguez umgekehrt: Auf minimalisiertem Raum lässt er Basin City, so der nicht unverdächtige Originalname der Stadt, entstehen, immer nur auf das konkrete Geschehen konzentriert. Dazu CGI-Effekte en masse – hier sind sie ein notwendiger Stützpfeiler der Story.



...und hier die visuelle Übersetzung in den Film, mit der verführerischen Jessica Alba und Nick Stahl.
Dann die Figuren. Sie sind allesamt grob artifiziell und – im wahrsten Sinne des Wortes – übertrieben gezeichnet, scheinen den Wunschträumen eines Pubertierenden entsprungen zu sein: Entweder räkeln sie sich als Fleisch gewordene Männerfantasien  – allen voran Dreh- und Angelpunkt Jessica „Tabledance“ Alba, die als elfjährige Nancy zunächst in einer Rückblende, dann als Inkarnation der Erotik die Männer als Barmaid betört und alle drei Geschichten mehr oder weniger verbindet; Oder sind als physisch übersteigerte Kreaturen von animalischer Stärke auf hoffnungslosem Rachetrip.
Dabei sind Attraktivität und Schauwert der drei Episoden durchaus eng mit ihren Haupt-Protagonisten verbunden. Die sind allesamt, egal auf welcher Seite des Gesetzes stehend, aus dem selben Schrot und Korn: hoffnungslose Einzelkämpfer, die im verdreckten Loch ihre Rechnung mit dem Bösen ausmachen müssen, getrieben von unbändiger, gleichzeitig erlösender Rachsucht. Marv, ein verkommenen Schläger in „Stadt ohne Gnade“, sieht so verlebt aus wie Mickey Rourke – nirgends anders hätte das Steh-auf-Männchen Hollywoods sein Comeback feiern dürfen. Bruce Willis gibt in „Dieser feige Bastard“, der inhaltlich interessantesten Episode, den (fast schon) obligatorischen desillusionierten Cop mit nervösem Zeigefinger und dem Herz auf dem rechten Fleck. Als relativ farblos erweist sich dagegen Clive Owen, der als Dwight in „Das große Sterben“ von Rosario Dawson, Britanny Murphy, Devon Aoki und jeder Menge anderer kämpfender Edel-Prostituierter nicht nur in erotischer Ausstrahlung übertroffen wird.

Trotz akklamierten weiblichen Selbstbewusstseins ist Sin City unverkennbar das Werk zweier Machos: Feminismus findet im Miller’schen Universum seine Entfaltung in Mini-Rock und Cowboy-Sprüchen. Handeln und reden tun hier nur die Männer. Wenn mal die Faust Pause macht  – merke, derartige Typen sind meistens extrem mundfaul – dann denken sie sich was in der Off-Stimme. Für Humor bleibt bei Miller und Rodriguez folglich wenig Platz: Den hat nur „Mr. Cool“ Benicio del Torro in der einzigen von Quentin Tarantino, seines Zeichens Rodriguez-Spezi, gedrehten Auto-Sequenz ins Skript hinein geschrieben bekommen.

So wendet sich Sin City in seiner unzynischen Haltung am stärksten dem Film Noir zu, sofern er einen überhaupt unter seine slicke Oberfläche blicken lässt: Der Pessimismus verschränkt alle drei (Anti-)Helden des Films zu Getriebenen inmitten eines hoffnungslosen Geflechts aus Macht, Verbrechen und Korruption. Das ist nicht zu übersehen: Wenn man ins geschundene und (künstlich) entstellte Gesicht von Mickey Rourke schaut, weiß man auch, dass hier einer längst alles aufgegeben hat.
Sin City ist eine Stadt, die nur noch dahin vegetiert. Wie ihre Bewohner hat sie ihre Existenzberechtigung längst verloren. Stärker kann man Gesellschaftskritik im Comic-Format nicht postulieren.


Zitat

Dwight zu Jackie Boy: "You made a big mistake yourself. You didn't flush."

Marv: "I had to fight some cops. "
Lucille: "Oh, that's lovely. You didn't happen to kill any of them, did you?"
Marv: "Nah, I don't think so, but they know they been in a fight, that's for sure."

Marv: "Walk down the right back alley in Sin City, and you can find anything..."

Deutsche Website zum Film
http://video.movies.go.com/sincity/