In seinem episodisch angelegten Regiedebüt gibt sich Paul Haggis alle Mühe, eine wild zusammen gestohlene Geschichte interessant aufzubereiten. An der eher simpel gehaltenen Grundstruktur ändert das freilich kaum etwas.
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Kritik
In L.A. berühren die Menschen einander nicht. Das lässt sie abstumpfen. So will es das Voice Over, das L.A. Crash eröffnet. Dann ergibt sich recht bald folgende Situation: Ein unverhohlen rassistischer Streifenpolizist nimmt eine willkürliche Fahrzeugkontrolle als Gelegenheit, eine Afroamerikanerin sexuell zu belästigen. Wenige Stunden später wird eben dieser Polizist zu einem Verkehrsunfall gerufen. Unter waghalsigen Bedingungen gelingt es ihm nun, derselben Frau das Leben zu retten.
Eine Geschichte, die vom Leben nicht allzu oft geschrieben werden dürfte – von Drehbuchautoren dafür umso häufiger. Doch nicht genug damit: Der bös rassistische Cop hat freilich einen naiv-idealistischen Kollegen, der sich redlich bemüht, das L.A.P.D. etwas besser dastehen zu lassen. Ausgerechnet dieser erschießt jedoch aus einem Missverständnis heraus einen unschuldigen Schwarzen.
Genug der konstruierten Gegensätze für gleich mehrere Filme, so könnte man glauben. Aber nein, gleich ein halbes Dutzend weiterer Episoden hat sich Paul Haggis für sein Regiedebüt ausgedacht. Sie alle oszillieren zwischen ärgerlichen Stereotypen und stimmigen Momentaufnahmen. In Ursache und Wirkung hängen die Geschichten schließlich alle irgendwo und irgendwie zusammen. So, dass sich am Ende ein großes Ganzes rund um einen offensichtlich rassistisch motivierten Mordfall im Großraum Los Angeles ergibt.
In den letzten Jahren haben zahlreiche problematische (Magnolia) als auch gelungene Spielfilme (Amores Perros) eben diese Schachtelmontage strapaziert. Vor einiger Zeit – etwa als Robert Altman seine Short Cuts drehte – mag der dramaturgische Ansatz noch als innovativ aufgefallen sein, heute ist er längst Konvention. So erweist sich die bemühte Zerstückelung der eigentlichen Handlung letztlich als geschickt aufgetragene Kosmetik, die den zugrunde liegenden simplen Ansatz jedoch kaum dauerhaft zu verdecken vermag. Gut-böse, arm-reich, schwarz-weiß – auf derartigen Polaritäten gründet Haggis’ gesamte Erzählung.
Wo die Story in Kleinteile zerbricht, da beobachtet man die Schauspieler umso genauer. Auch das ist im Falle von L.A. Crash nicht nur vorteilhaft. Gleich eine größere Auswahl bekannter Namen bemühen sich hier um Eindruck: Matt Dillon, Don Cheadle, Sandra Bullock, Brendan Fraser, Jennifer Esposito – um nur einige zu nennen. Doch nicht allen von ihnen gelingt es, mit den großen Emotionen umzugehen, die ihnen Drehbuch und Regie aufladen. Matt Dillon, und vielleicht noch ein, zwei andere Kollegen kann man jedoch getrost positiv herausstreichen. Wie in jedem Ensemblefilm ist es auch hier eine der größten Herausforderung, all die Charaktere zusammen zu halten. Zumindest in Hinblick auf durchgehende Stimmigkeit bewältigen Regie – und vor allem Kamera – diese Aufgabe ganz gut.
Von dem Score, den Mark Isham dazu gebastelt hat, kann man das hingegen weniger behaupten: Allzu stark werden die emotional überhöhten Momente (und die sind in L.A. Crash nicht gerade sparsam verteilt) vom reichlich konventionellen Geplänkere zugekleistert. Als geradezu entlarvend erweist sich schließlich eine Sequenz gegen Ende des Films, in der die Montage sämtliche Protagonisten zu pathetischen Klängen noch einmal zusammen führt. Vermutlich hat man es allein der Angst vor dem Plagiats-Recht zu verdanken, dass die Schauspieler hier nicht urplötzlich selbst zu singen beginnen (noch einmal Magnolia). Doch nicht genug damit, schließlich kommt es noch dicker: "It 's a cold night. And it 's getting colder", klingt es aus dem Autoradio, als die ersten Schneeflocken über Californien niedergehen. L.A. Crash endet somit ebenfalls mit einer schwer nachvollziehbaren Naturgewalt (in Short Cuts bebte die Erde, in Magnolia regnete es Frösche) und bekommt gleichzeitig eine Metapher der Entfremdung mitgeliefert: es ist kalt geworden zwischen den Menschen. Dass sie einander nicht mehr berühren, das wissen wir ja schon.
Trivia - Geschichten und Gschichterln
Paul Haggis, der als Drehbuchautor für Million Dollar Baby den mutigsten Plottwist des letzten Jahres erdacht hat, war als Regiedebütant so begehrt, dass sich zahlreiche Stars für einen Hungerlohn vor die Kamera stellten. Frau Bullock soll sich gar das Flugticket zum Set aus eigener Kasse bezahlt haben.