In Europa ist die Welt für Filmkritiker noch weitgehend heil: Trotz Taschenkontrollen, Metalldetektoren und dem bösen, bösen Handy, das oft abgegeben werden muss, darf der eifrige Schreiberling immer schon vorab am Prozess der Meinungsbildung über einen Film teilnehmen. In Amerika will man sich dies aus finanziellen Gründen immer weniger leisten: Weiß der Filmkonzern, dass er einen sogenannten Stinker am Start hat, gibt es oft keine Pressevorführung mehr. Der Grund ist einfach: Der Verleih gewinnt ein paar Tage, an denen das Publikum in den Film geht, ohne dass Kommentare von außen sie gegen den Kinobesuch beeinflussen könnten.
Danke, liebe Studios, dass ihr damit den Wert unserer Arbeit bestätigt.
Was aber kann ein Verleih befürchten, wenn er
Steven Spielbergs Krieg der Welten nur ausgewählten Journalisten von handverlesenen Medien zeigt, die noch dazu unterschreiben müssen, keine Filmkritik vor dem Starttag zu veröffentlichen? - Eigentlich nur, dass die Neufassung der
H.G.Wells-Story als das enttarnt wird, zu was sie von
Spielberg gestaltet wurde: zum teuersten Familiendrama aller Zeiten.
War of the Worlds in seinen Händen ist nur noch am Rande die Absage an den Technikglauben; Vielmehr will er die Gipfel und Abgründe der menschlichen Seele untersuchen und gleichzeitig dem Betrachter unter die Haut gehen - diesmal eben im Rahmen einer Alien-Invasion.
Sein Studienobjekt ist ein krisengeschüttlter Arbeiter (
Cruise), den die Ex-Frau, schwanger vom neuen Mann in ihrem Leben, nur noch enttäuscht ansieht. Die Kinder nehmen ihn nicht ernst, und er selbst gibt den Versuch, Vater zu sein, nach fünf Minuten auf.
Spielberg nimmt sich genau diesen Menschen und zwingt ihn dazu, die Beziehung zu seinen Kindern neu aufzubauen, da sonst ihr Tod droht. Ihn interessiert weniger der Kampf der Welten als der Kampf um ein
„Hallo, Dad“ statt dem hin gerotzten
„Hallo, Ray“. Im Sinne der Extreme muss dieser Vater, um die Seinen zu schützen, genauso bereit sein zu töten wie auch, sich töten zu lassen.
Extreme sind das Auffälligste, das
Spielberg der Vorlage hinzufügen konnte: Effekte am Anschlag des Möglichen, die ganze Palette von Spielarten der Einzel- und Massenpanik und - wieder einmal - grausam Schönes: Er weiß, dass Bilder von sich schließenden Bahnschranken, an denen dann ein schaurig lodernder Zug vorbei fährt, eines hysterischen Mannes, der mit blutigen Händen ein Loch in eine Windschutzscheibe gräbt und von einer flussabwärts treibenden Leiche, der hundert weitere folgen, mindestens so einprägsam sein werden wie der Filmtod von
Adam Goldberg in
Der Soldat James Ryan. Und er kalkuliert mit dem kollektiven amerikanischen Gedächtnis, wenn er im Strom der Flüchtlinge eine Wand voll Vermisstenfotos wie in New York nach 9/11 aufstellt.
Im Gegensatz zur 1953er-Version ist sein Film eine Geschichte, die von unten erzählt wird, in der keine Generale und Wissenschaftler vorkommen: Das Wissen um das, was vor sich geht, reicht genau einen Horizont weit; Alles andere ist Gerücht. In der berechtigten Annahme, dass ein, wie der Vorgänger, absolut todernster Film Lachstürme ausgelöst hätte, versetzt Spielberg die katastrophalen Ereignisse selbst mit dem einen oder anderen zynischen Sprenkler; wie zum Beispiel mit dem Swing-Klassiker
„If I Ruled the World“, der aus dem Lautsprecher dröhnt als der Blick über längst unkontrollierbar gewordene Flüchtlingsmassen schweift.
Weil der Film aber in erster Linie Beziehungsdrama ist, liegt die Aufmerksamkeit meistens bei den Schauspielern. Wieder einmal gelingt es dabei
Dakota Fanning, ihrem Hauptdarsteller - hier
Tom Cruise - die Show zu stehlen. Beide müssen sich oftmals zwischen aufdringlichen Symboliken bewegen: Wenn
Spielberg zeigen will, dass der Rest der Menschheit bald nur noch auf Feuer, Rad und primitive Werkzeuge zurückgreifen kann, dann bekommt das auch der letzte Zuschauer mit. Seine Neuinterpretation des berühmten Science-Fiction-Stoffes ist insgesamt eine Enttäuschung: Mit der naiv präsentierten neuen Thematik hat er der Geschichte bemerkenswert wenig hinzugefügt und wesentlich mehr weggenommen. Übrig bleibt eine handwerklich gekonnt verpackte Show, die nur eine Gewissheit kennt: Nicht jeder muss all das durchleben, um ein guter Vater zu sein.