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Der Mann vom Mars
Eine zum Scheitern verurteilte Annäherung: Andrew Horn porträtiert Klaus Nomi in einem Film, der statt Licht noch mehr Dunkel über einen schillernden Außenseiter bringt.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

Kritik

Da steht es. Dieses Wesen, menschenfremd, wie von einem anderen Stern, lässt seine Falsettstimme durch peitschende New Wave-Rhythmen fließen. Keiner der Konzertbesucher traut sich, die Erscheinung anzusprechen. Bis ein kleines Kind nach vorne geht und fragt: „Woher kommst du?“ „Vom Mars.“ „Wie ist das Wetter dort?“

In Andrew Horns Doku The Nomi Song bleibt ein Ausnahmekünstler auch nach 90 Minuten das, was er vorher war: ein unerklärliches Phänomen. Wie in einem Glassturz versteckt, den es nicht zu heben gelingt, blockiert Klaus Sperber, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, jegliche Annäherungsversuche von Seiten seiner Mitmenschen, Kollegen und Freunden (sofern er solche hatte). Ganze 2 Interviewausschnitte mit der Kunstfigur geben eine Ahnung davon, wie oder was Nomi wirklich war: ein schüchterner, ziemlich sympathischer, erschreckend normal wirkender junger Mann, der sich nirgends zugehörig fühlt; die Kunstfigur Nomi als Fluchtweg und Trost erfand, mit der er nur noch mehr aus der „Normalität“ entschwand.

Trotz seiner Alien-artigen Performances – die Stimme war Nomis stärkstes Kapital. Zwischen Callas-Arien und schwülen, für ihn eigens komponierten Wave-Dramen zirkulierend, betörte er die New Yorker Clubs, später Paris, wollte ganz Europa erobern. Und musste seine Karriere immer dort anhalten, wo er mehr sein wollte, als ein Fremdling oder eine Vorzeigefigur der Zynismus-Gesellschaft.

„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, sang Nomi in der abgehackten Punk-Version des Klassikers – Liebe, die ihm bis hin zu seinen letzten Stunden niemand geben konnte. Seine New Yorker Bandkumpels und spätere Manager nicht, die hinter der grellen Kunstfigur aus weißer Schminke, Dreiecks-Smoking und Plastikhosen verblassten und von Nomi zum Steigbügelhalter degradiert wurden; seine Tante Trude aus Kassel nicht, die sich freut, wenn sie dem Jungen seine Lieblingsspeisen kocht; und schon gar nicht die Stricher in der Schwulenszene.
Hier gibt es keine Huldigungen, eher Bitterkeit und Wut über einen, der sie hängen ließ und hängen gelassen wurde (von David Bowie etwa, der Nomi für die legendäre TV-Performance von „Transition“ als Backgroundfalsettierer holte und die große Karriere versprach). In seinen letzten Stunden am Krankenbett, als Nomi seinen Kampf gegen den „gay cancer“ HIV verlor, hatte er auch alle Mitmenschen verloren. Einsam. Unverstanden.

Wahrscheinlich waren wir noch nicht reif für ihn.


Trivia - Geschichten und Gschichterln
The Nomi Song wurde bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2004 mit dem Teddy Award für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.
In Österreich feiert er seine Uraufführung im Rahmen von identities 2005 - Queer Film Festival.
Website zum Film
http://thenomisong.com
identities 2005
http://www.identities.at