Boxen: Mann gegen Mann. Faust gegen Faust. Ein Sieger, ein Verlierer. Boxen ist die geradlinigste und gleichzeitig physischste Form des Kräfte Messens, eine minimalisierte Schlacht in einem ein paar Quadratmeter umfassenden Feld, genannt „Ring“. Auch das Kino hat sich oft – im Gegensatz zu anderen Sportarten – mit dem Boxen beschäftigt: Von Michael Curtiz' dunklem Kid Galahad bis zur ideologischen Verkleisterung Rocky. Boxfilme waren – nicht zuletzt dank ihrer US-Herkunft – immer auch eine Metapher für das heroische Ausbrechen aus der sozialen Unterschicht, die für die Realisierbarkeit des amerikanischen Traums standen. Nicht zufällig sind die Großen des Sports wie etwa Muhammad Ali stets auch zu Ikonen einer unterdrückten Masse geworden, die sich aus dem Sumpf der Armut herausgekämpft hat.
Clint Eastwoods Million Dollar Baby ist kein Boxerfilm. Und wenn er das wäre, dann hätte er wohl sämtliche etablierte Genrebestandteile in ihr Gegenteil verkehrt. Million Dollar Baby stellt seine Protagonisten von Beginn an ins Abseits und lässt sie von dort nie mehr heraus.
Für Trainerlegende Frankie Dunn ist Boxen eine Einbahnstraße: „Du riskierst alles für einen Traum, den außer dir niemand hat“. Frankie hat diese Einbahnstraße gewählt und ist aus ihr nicht mehr abgebogen. Der Weg zum Erfolg war für ihn immer einer, der von Schmerz und Verlust geprägt war. Dass Kumpel Scrap sein Auge verloren hat, weil Frankie mal zu weit weg vom Ring gestanden ist, das wird ihn immer begleiten wie eine Kriegsverletzung. Schuldgefühle hängen seither an ihm wie ein tonnenschweres Gewicht, die abweisende Haltung, mit denen er seine Mitmenschen straft, trägt er wie ein Schutzschild mit sich. Die äußerlich komischen Dialoge zwischen beiden sind von Bitterkeit geprägt.
Außenseiter ohne Hoffnung
„Ich will nicht, dass du die gleichen Fehler machst wie ich“. In der Begegnung mit Maggie, die eigentlich schon viel zu alt für eine Boxerkarriere ist, treffen zwei Weltanschauungen, Risiko gegen Sicherheit, aufeinander. Der eine hat seine Erfahrungen mit einem brutalen Geschäft gemacht, hat innerlich bereits abgeschlossen, die andere sieht noch das Licht am Ende des Tunnels. Ein Licht, das im Laufe des Films mehr und mehr ins Flackern gerät und schließlich ganz ausgehen wird.
Million Dollar Baby ist Eastwoods pessimistischste Arbeit: Die Bilder sind schwach ausgeleuchtet, die Grau-Blau-Schattierungen erzählen von Enttäuschung und verlorener Hoffnung, die Musik legt sich wie eine dunkle Wolkendecke über das Geschehen. Die Verheissungen des amerikanischen Traums gleichen hier nur noch einem zynischen Wahlslogan. Eastwoods Protagonisten sind Gefangene ihrer – von außen eingetrichterten – Träume. Nicht zufällig bewegt sich Tom Sterns Kamera immer in engen, quaderförmigen Räumen, sei es Frankies Studio, seien es die vielen Boxarenen, die Maggie nicht mehr loslassen.
Demonstration der Schwäche
Eastwoods Antwort auf die Frage nach dem Ausbruch aus diesem Paria-Dasein wurzelt in Amerikas traditionellen Werten. Franke und Maggie verbindet eine Vater-Tochter-Beziehung, genährt aus der Sehnsucht nach Familie, die sie nie gehabt haben: Während Frankie den Kontakt mit seiner Tochter abgebrochen hat, hat Maggies Sippe sie nie akzeptiert.
Wie in Erbarmungslos (Unforgiven), das den radikalen Umbruch mit seiner filmischen Vergangenheit einläutete, entrückt Eastwood familiäre Werte weg vom konservativen Rand und stellt sie in einen neuen Kontext. Für ihn hat Familie nichts mit genetischer Nestwärme, sondern mit einem emotionalen Auffangbecken zu tun.
Eastwoods Kino bewegt sich damit geradewegs in gegensätzlicher Richtung zur derzeitigen US-Politik. Die Medien kochten daraus wie üblich ihr eigenes Süppchen und griffen den Kalifornier wegen seines angeblich toleranten Umgangs mit der Sterbehilfe an. Dabei übersahen sie freilich die Quintessenz: Es geht Eastwood um die Verletzlichkeit des einzelnen, die diametral zur proklamierten Stärkedemonstration steht.
Konsequenterweise ist der mit 4 Oscars bedachte Film Eastwoods geradlinige Fortsetzung seines seit den 90ern beschrittenen Weges: eine äußerst ökonomische Entmythologisierung der Leichtigkeit des Erfolgs. Was einmal mehr Eastwoods Ausnahmestellung in einer Film-Industrie herausstreicht, die hauptsächlich von Selbstbetrug lebt.