"Es gibt nicht viel auf dieser Welt, woran man sich halten kann." (Die Toten Hosen, "Bayern"). Nun ja, könnte man den Düsseldorfer Punkern entgegnen: "Es gibt ja noch den Chabrol!" Der französische Filmemacher und Mitbegründer der Nouvelle Vague macht seit Jahrzehnten im Grunde genommen immer das gleiche: Eine geheimnisvolle Vorstadtvilla inmitten gepflegter englischer Gärten, die Kameras im Biedermeier-Wohnzimmer postiert, langsam stolziert Isabelle Huppert die Wendeltreppe hinunter...ach nein, dies ist Die Brautjungfer, Claude Chabrols insgesamt 54. Arbeit, und der Altmeister des bourgeoisen Psychokrimis betätigt sich wieder einmal als geschulter Fährtenleger. (Sie wissen schon, wie damals als Pfadfinder, wo man den Taschentuchzipfel justament auf den falschen Ast hing, um über die Stunden später am Zielpunkt angelangten Mitstreiter zu lachen.)
Philippe (Benoit Magimel), der 25-jährige Handelsvertreter ist einer der Irre Geführten: Zuerst ist da Gérard, der neue Liebhaber seiner Mutter Christine (Aurore Clément), der sich, als Hallodri entpuppt, und nach dem Urlaub abtaucht; Dann Philippes kleine Schwester Patricia (Anna Mihalcea), mit den Turbulenzen der Pubertät kämpfend und beim Klauen erwischt; Und schließlich Sophie (Solène Bouton), die den nicht weniger verdächtigen Jacky (Eric Seigne) ehelicht. Allesamt Personen, denen ein Joe Eszterhas (Basic Instinct) wohl spielerisch ein Motiv als Serienmörder hätte verpassen können. Welche Rolle spielen sie?
Philippe, einer jener Charaktere, die – souverän nach außen – glauben, alles in der Hand zu haben, im Inneren aber voller Zweifel und Komplexe sind, tappt just bei Sophies Hochzeit in die Liebesfalle: Brautjungfer Senta (Laura Smet), die geheimnisvolle Schöne, die eigentlich Stéphanie heißt; Die Femme Fatale, die im Keller eines Abbruchhauses mit ihrer Stiefmutter und deren Flamenco-Lehrer (!) lebt, hat Philippe sofort in ihren Bann gezogen. Eines Liebesbeweises bedarf es allerdings, um sie von Philippes immer währender Zuneigung zu überzeugen: Jeder der beiden muss einen Mord begehen.
Chabrol packt von da an seine ganze Routine aus: Er spielt mit Erwartungshaltungen des Zuschauers (Wird jemand ermordet? Wann wird der Mord geschehen?...), macht abrupte Kehrtwendungen in der Handlung (Senta mal gut, mal böse), und bläst beiläufige Szenen im nächsten Moment zu kohärenten Wegweisern auf.
Dabei fehlt es der Brautjungfer ganz offensichtlich an der Hinterfotzigkeit, mit welcher der Franzose seit Jahrzehnten die scheinheilige Fratze des Feudal-Bürgertums demaskiert. Sexuelle Obsessionen und die dunkle Seite der Erotik hat man schon im US-Kino der 90er zur Genüge abgefeiert (siehe oben). (Das Spannungs-Manko, das Sharon Stone mit entblößtem "Bär" wettzumachen versuchte, kompensiert Chabrol mit dem Mysterium von Hauptdarstellerin Laura Smet.) Allzu oft erinnert die Szenerie (altes Haus, Einsiedlerin) in Die Brautjungfer aber an ein Thrillersetting aus Hollywood, wo auch Hannibal Lecter seinen Fleischhunger hätte stillen können. Hinter jedem Busch, könnte man despektierlich vermuten, hält sich ein Seriemörder versteckt.
Die Eleganz von Süßes Gift, das dunkle Abgründe im Großbürgertum nach und nach offenbarte, oder die Abgebrühtheit von Biester, das ebenfalls auf einer Vorlage von Ruth Rendell basiert, scheint hier einem berechnenden Konformismus gewichen zu sein. Der Mord passiert, und die vorderhand rätselhaften Spuren entpuppen sich als bloße Beweismittel in einem Kriminalfall.
Insofern wirkt die Brautjungfer im jüngeren Oeuvre Chabrols wie eine schöne Frau, die plötzlich nackt vor einem steht, und damit jede Erotik verliert.