
Nach Fakten betrachtet, ist Miles ein verachtenswerter Mensch: Er löst am Steuer Kreuzworträtsel, stiehlt seiner Mutter ein Vermögen aus der Bleichedose in ihrer Kommode, hat seine nunmehrige Ex-Frau betrogen und verleugnet jeglichen Fehler, den er macht. Nebenbei spült er sich auch seinen Frust aufs Leben mit Unmengen Alkohol weg.
Als Mensch betrachtet, ist Miles die geballte Ansammlung all der Unsicherheiten und Komplexe, vor denen wir Angst haben, dass sie zuschlagen: Zur Halbzeit seines Lebens hat er nichts erreicht, was ihm wichtig wäre; In seiner Ehe fühlte er sich so unzulänglich, dass er sie kaputt machte; Sein Herzblut, das er in seine Buchmanuskripte schüttet, wird ein ums andere Mal abgelehnt, weshalb der Job als Literaturlehrer mehr und mehr wie eine sardonische Strafe lastet. Und: Er hat so große Angst, den einzigen Freund, den er hat, zu verlieren, dass er ihm nicht nur Lüge um Lüge auftischt, sondern auch den Sparstrumpf der Mutter plündert, um ihn eine Woche lang auszuhalten – Er ist der Loser, der von sich selbst sagen muss, dass er so unbedeutend ist, dass er sich nicht einmal umbringen könnte.
Sideways ist kein unbefangener Film. Zu behaupten, dass ein Mensch um die 40 kein emotionales Gepäck angesammelt hat, wäre auch lächerlich – das schleppen manchmal schon 20-jährige herum - Deshalb hat Regisseur
Alexander Payne genau diese Last ins Zentrum gerückt. Dass sein Drama um das Überwinden der einen Lebenssituation und dem Wagen des Schritts in die nächste, eine ganze Bandbreite von Tragödie bis physischer Komik in sich tragen kann, ohne sein Vorhaben oder gar seine Figuren zu beschädigen, ist dabei die eigentliche Meisterleistung; Auf dem Fuße folgt das Casting: Bei jedem seiner Filme, sei es
Election,
About Schmidt oder eben
Sideways, gelingt es
Payne, einen seiner Schauspieler in eine neue Schaffensphase zu katapultieren. Diesmal ist das nicht der Hauptdarsteller,
Paul Giamatti, der in der Ecke der Verlierertypen seit jeher beheimatet ist, sondern
Thomas Haden Church, dessen bisher größter Wurf die kurzlebige Sitcom Ned & Stacy war. Eigentlich ist sein Charakter der interessantere: ein Schauspieler, der vor mittlerweile elf Jahren kurz berühmt war und zu Tode verunsichert ist über die Aussicht, mit seiner bevorstehenden Hochzeit Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig weiß er, wen er wann wie manipulieren kann – und wer ihm nach der Katastrophe wieder aus der Patsche hilft.
Es ist aber die Geschichte des Aus-der-Patsche-Helfers.
Giamatti setzt sich in seinen Szenen mehrfach schauspielerische Denkmäler: Wie er allein in seinem Gesicht den perfekten romantischen Moment verpasst, der lauernde Blick nach allen Seiten, bevor er in ein Zimmer stürmt, um eine Brieftasche zu retten oder die Zärtlichkeit, mit der er eine Weintraube in der Hand hält, die ihm, anders als die Menschen, nicht weh tun kann: Selten kann ein Schauspieler besser als hier sein.
Gleiches lässt sich auch auf das Gesamtwerk übertragen: Es weiß nicht nur, wann genau es zu enden hat; Mit seinen ganz normalen Problemen und den leisen Tönen, in denen sie inszeniert sind, vermag ein Film wie
Sideways lebenslange Freundschaften mit seinen Zuschauern zu schließen.