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Gesetz des Dschungels
Hubert Saupers Dokumentarfilm zeigt erschreckend nüchtern die blutigen Folgen der Globalisierung.


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Eine Kritik von Reinhard Bradatsch

In den 60er Jahren wurde im Victoria See, Tansania, der gefräßige Nilbarsch ausgesetzt, der in der Folge das gesamte ökologische System zerstörte. Wegen des großen Bestandes wird der Fisch seither in der ganzen Welt als Delikatesse verkauft. Jeden Abend landen riesige Frachtflugzeuge, die Waffen für die Kriege in den umliegenden Regionen liefern, um am Morgen danach Fischfilets in die Industrieländer zu transportieren.
Die Folgen für die Einheimischen sind fatal: Gegen einen Hungerlohn schuften sie als Fischer oder als Arbeiter in den westlichen Fischfabriken. Die Frauen bieten sich den russischen Piloten als Prostituierte an. Die Kinder leben von Geburt an mit der Gewalt auf den Straßen. Einzige Nahrung sind die beim Filettieren als Abfallprodukt übrig bleibenden Fischköpfe. Seuchen wie AIDS grassieren. Der Geruch des Todes ist allgegenwärtig.

Kritik
Es ist immer das gleiche „Spiel“: Eben haben wir uns ob unserer Spendenfreudigkeit noch stolz auf die Schulter geklopft. Und jetzt: Krieg, Terror, Umweltkatastrophe... aus den Augen, aus dem Sinn. Das Fernsehen hat seine Schuldigkeit getan. "And now to something completely different", würden Monty Python sarkastisch anmerken.

Der Haltewert der Erinnerung, das ist wahrscheinlich das größte Verdienst von Darwin 's Nightmare: Die Bilder der vom Ammoniak vergifteten Frau, deren Augenhöhle nur noch ein schwarzes Loch ausfüllt; die Bilder der abgemagerten Kinder, die sich – am Straßenrand sitzend – aus Angst vor Übergriffen mit billigem Klebstoff berauschen; die Bilder der selbstzufriedenen EU-Bürokraten, die das Problem der Armut am runden Tisch zu lösen vermeinen – sie bleiben tief eingemeißelt.
Das Singuläre, die Einzelschicksale sind es, die uns berühren, das wissen auch die Fernsehmacher schon seit langem. Und doch ist Darwin 's Nightmare, so weit wie kein Dokumentarfilm vor ihm, jeder billigen Polemik und schmierigem Boulevardjournalismus erhaben. Vielmehr ist dieser visualisierte Teufelskreis, der das allernorts bagatellisierte Vokabel "Globalisierung" gnadenlos sicht- und schaubar macht, ein Produkt reiner Beobachtung, quasi der Konterpart zur billigen Manipulation von Fahrenheit 9/11.

Hubert Sauper, der bereits mit Kisangani Diary das Auge auf einen der blutigsten Schauplätze in Afrika gelenkt hat, lässt die Kamera laufen. Schnörkellos. Ohne filmischen Karabiner: keine Stimme aus dem Off, keine Musik, keine komponierte Bilderflut.
Ein Augen-Öffner, der nach 3 Jahren Aufenthalt in West Tansanai rund um den einstmals idyllischen Victoriasee Zusammenhänge herstellt, die im 2 Minuten-Newsflash verborgen bleiben: Der vor 40 Jahren ausgesetzte Nilbarsch, die russischen Gastarbeiter, die AIDS-infizierten Frauen, die verstümmelten Waffenlieferungen und die wohl beleibten Europäer – sie alle sind durch ein blutiges Band aus Ausbeutung, Korruption, Armut und Tod miteinander verbunden.

Vom Menschen zur Nummer

Der Fischer, der unter Einsatz eines Lebens den Barsch aus dem See holt, ist dabei der niedrigste Diener des Kapitalismus. Jener Glaubensrichtung, der wir gnadenlos huldigen und deren direkte und indirekte Auswirkungen die Opferzahlen eines Terroranschlags bei weitem übertreffen – Armut und Krieg auf der einen, Geld und Wohlstand auf der anderen Seite.

Das Schlimme daran: Selbst die Hoffnung auf Änderung ist in Darwin’s Nightmare begraben worden. Während die Kirche nur noch ohnmächtig von der Sündenhaftigkeit des Sex faselt, scheint es, als hätte Gott hier, in der "Wiege der Menschheit", ohnedies schon längst die Rollläden herunter gezogen.


Trivia - Geschichten und Gschichterln
Lesen Sie auch das allesfilm-Interview mit Regisseur Hubert Sauper.

Zitat
Ein Journalist: "Die angolischen Kinder bekommen Waffen, die europäischen Weintrauben."
Die offizielle Webseite von Darwin 's Nightmare:
http://www.coop99.at/darwins-nightmare/