Suche: Suche abschicken


Abgeschmiert
Kompetent, sauber – uninspiriert: Handwerk und Vision liegen bei Martin Scorseses Filmbiographie des einst reichsten Mannes der Welt im Streit.


Werbung

Eine Betrachtung von Thomas Taborsky



Howard Hughes (Leonardo DiCaprio) erbt von seinem Vater eine höchst profitable Bohrwerkzeugfirma und geht mit dem Geld nach Hollywood, um Filme zu produzieren. Seine manische Genauigkeit stellt die Crew vor nie da gewesene Herausforderungen, und seine rechte Hand Noah Dietrich (John C. Reilly) vor immer neue Probleme. Doch der Erfolg gibt ihm Recht: Die Leute lieben seine Filme, und Hughes zieht nicht nur die Kinobesucher an, sondern auch die Frauen: Starlets der Traumfabrik sind seine wechselnden Begleiterinnen, doch in Katharine Hepburn (Cate Blanchett) findet er eine beinahe ebenso exzentrische Seelenverwandte. Gleichzeitig beginnt Hughes, seine Leidenschaft fürs Fliegen noch mehr auszuleben: Er konstruiert ein Flugzeug, mit dem er den Geschwindigkeitsrekord bricht. Der Zweite Weltkrieg bringt ihm neue Projekte, doch die Dämonen, die ihn von frühester Kindheit verfolgt haben, werden immer stärker…

Kritik
Ein Händedruck mit tieferer Bedeutung: Gwen Stefani und Leonardo DiCaprioWenn Howard Hughes gewusst hätte, wie sehr die Fliegerei zur Verbreitung von Krankheiten beitragen würde, hätte er dann Abstand davon genommen, seinen Beitrag zu dem Massentransportmittel zu leisten, welches das Flugzeug heute ist?

Für mich ist es ein sehr beruhigender Gedanke geworden, nicht zu wissen, was vor uns liegt, und wenn ich Martin Scorsese Glauben schenken darf, bin ich daher nicht bestimmt, durch eine Vision die Zukunft unserer Welt zu formen – Ich werde es verkraften.
Nicht, dass Aviator mir zu Herzen gehen könnte; Dazu ist er zu wohlgeformt. Wie schon bei Gangs of New York und dem noch immer mir im Ohr klingenden „The blood stays on the blade“ ist auch hier eine dieser gut eingängigen Leitmotiv-Phrasen vorhanden, mit der Scorsese diesmal nach fast drei Stunden die volle Bandbreite seines Films zusammenfasst: „The Way of the Future“ – Lebensmotto, Grabspruch, Geschäftsstrategie; universell auf den Menschen Howard Hughes anwendbar. Und da ist noch dieses Wort: Quarantäne. Die Bedeutsamkeit, mit der die erste Szene abgehandelt wird, exakt wie bei Gangs, fixiert, dass alles Kommende sich ihr unterordnen wird; präziser gesagt: Hier weiß man, was vor einem liegt: Scorsese hat im Sinn, vom Wort Quarantäne zum Zustand der Quarantäne zu kommen.

Wie auf einer Streckenkarte fährt er dafür die erkrankende Psyche des Mannes im Blickpunkt ab. Jene Abzweigungen, die erfasst sind, aber nicht erforscht werden, sie würden zu anderen, ebenfalls interessanten Geschichten führen. Diese nicht begangenen Nebenstraßen – die Stühle mit Mr. Cukor und Mr. Grant, die Silhuette von Spencer Tracy - erweitern Aviator auf eine zwiespältig-schöne Weise: Sie stellen den Film in ein angedeutetes Geflecht von menschlichen Schicksalen, das spüren lässt, dass es mehr gibt als nur einen abgekapselten Pfad. Gleichzeitig zentrieren sie aber noch mehr auf das augenscheinlich alleinige Subjekt, dessen Erforschung sich lohnt. Über jene Einengung hinaus geht Scorsese nur bei Katharine Hepburn, der Seelenverwandten, und in dieser Beziehung finden sich auch die einzigen Szenen, die keine tausendfach nieder geschriebenen Histörchen über das wechselhaft sonderbare Verhalten des Mr. Hughes darstellen.

Natürlich ist es das Aufbäumen gegen den Dämon, eingepackt in historische Hollywood-Grandezza, die sich optisch vom vorgeblich Nachkolorierten zum Technicolor und weiter wandelt, in dem das Hauptinteresse zur Verfilmung lag; der zentrale Kampf - als DiCaprio im Kino Gwen Stefani (in der Rolle der Jean Harlow) die Hand fest drückt, und nur wir eingeweiht sind, dass es nicht Zuneigung ist, sondern Ausläufer von Panik; das Teilen der sakrosankten Milchflasche mit Hepburn: Auf diesen Momenten fußt Aviator, und obwohl DiCaprio nicht rühren kann, vermag er die Stadien der Krankheit und die ihn später überfordernde Kraftanstrengung, sie zu überwinden, vermitteln.
Ebenfalls nicht auf der Höhe ist Scorsese – was letztlich entscheidend ist: Warum kann denn ein kompetent und sauber umgesetzter Film mit Starparade, aufwändig nachempfundenen Kostümen, schimmernden Oberflächen und peinlich genau aufgereihten Uringläsern nicht in den Bann ziehen? - Weil er Handwerk ist, das sich im Äußerlichen erschöpft, und nicht wie frühere seiner Filme - visionär.

Zitat
Katharine Hepburn: I sweat and you’re deaf – Aren’t we a fine pair of misfits?

Zitat
Noah Dietrich: There is too much Howard Hughes in Howard Hughes.

Zitat
(auf dem Einfahrtsschild zum Set von Hell ’s Angels) War postponed – no clouds