
Wenn
Howard Hughes gewusst hätte, wie sehr die Fliegerei zur Verbreitung von Krankheiten beitragen würde, hätte er dann Abstand davon genommen, seinen Beitrag zu dem Massentransportmittel zu leisten, welches das Flugzeug heute ist?
Für mich ist es ein sehr beruhigender Gedanke geworden, nicht zu wissen, was vor uns liegt, und wenn ich
Martin Scorsese Glauben schenken darf, bin ich daher nicht bestimmt, durch eine Vision die Zukunft unserer Welt zu formen – Ich werde es verkraften.
Nicht, dass
Aviator mir zu Herzen gehen könnte; Dazu ist er zu wohlgeformt. Wie schon bei
Gangs of New York und dem noch immer mir im Ohr klingenden
„The blood stays on the blade“ ist auch hier eine dieser gut eingängigen Leitmotiv-Phrasen vorhanden, mit der
Scorsese diesmal nach fast drei Stunden die volle Bandbreite seines Films zusammenfasst:
„The Way of the Future“ – Lebensmotto, Grabspruch, Geschäftsstrategie; universell auf den Menschen
Howard Hughes anwendbar. Und da ist noch dieses Wort:
Quarantäne. Die Bedeutsamkeit, mit der die erste Szene abgehandelt wird, exakt wie bei
Gangs, fixiert, dass alles Kommende sich ihr unterordnen wird; präziser gesagt: Hier weiß man, was vor einem liegt:
Scorsese hat im Sinn, vom
Wort Quarantäne zum
Zustand der Quarantäne zu kommen.
Wie auf einer Streckenkarte fährt er dafür die erkrankende Psyche des Mannes im Blickpunkt ab. Jene Abzweigungen, die erfasst sind, aber nicht erforscht werden, sie würden zu anderen, ebenfalls interessanten Geschichten führen. Diese nicht begangenen Nebenstraßen – die Stühle mit Mr. Cukor und Mr. Grant, die Silhuette von
Spencer Tracy - erweitern
Aviator auf eine zwiespältig-schöne Weise: Sie stellen den Film in ein angedeutetes Geflecht von menschlichen Schicksalen, das spüren lässt, dass es mehr gibt als nur einen abgekapselten Pfad. Gleichzeitig zentrieren sie aber noch mehr auf das augenscheinlich alleinige Subjekt, dessen Erforschung sich lohnt. Über jene Einengung hinaus geht Scorsese nur bei
Katharine Hepburn, der Seelenverwandten, und in dieser Beziehung finden sich auch die einzigen Szenen, die keine tausendfach nieder geschriebenen Histörchen über das wechselhaft sonderbare Verhalten des Mr. Hughes darstellen.
Natürlich ist es das Aufbäumen gegen den Dämon, eingepackt in historische Hollywood-Grandezza, die sich optisch vom vorgeblich Nachkolorierten zum Technicolor und weiter wandelt, in dem das Hauptinteresse zur Verfilmung lag; der zentrale Kampf - als
DiCaprio im Kino
Gwen Stefani (in der Rolle der Jean Harlow) die Hand fest drückt, und nur wir eingeweiht sind, dass es nicht Zuneigung ist, sondern Ausläufer von Panik; das Teilen der sakrosankten Milchflasche mit Hepburn: Auf diesen Momenten fußt
Aviator, und obwohl
DiCaprio nicht rühren kann, vermag er die Stadien der Krankheit und die ihn später überfordernde Kraftanstrengung, sie zu überwinden, vermitteln.
Ebenfalls nicht auf der Höhe ist
Scorsese – was letztlich entscheidend ist: Warum kann denn ein kompetent und sauber umgesetzter Film mit Starparade, aufwändig nachempfundenen Kostümen, schimmernden Oberflächen und peinlich genau aufgereihten Uringläsern nicht in den Bann ziehen? - Weil er Handwerk ist, das sich im Äußerlichen erschöpft, und nicht wie frühere seiner Filme - visionär.