Casim Khan (Atta Yaqub), Sohn einer seit Jahrzehnten im schottischen Glasgow wohnhaften pakistanischen Familie, verliebt sich in die irische Lehrerin Roisin Hanlon (Eva Birthistle). Das scheinbare Glück der beiden währt nur kurz, als Casim während eines gemeinsamen Spanienurlaubs Roisin beichtet, dass ihn seine streng gläubigen Eltern bereits seiner Cousine Jasmine (Sunna Mirza) zum Mann versprochen haben. Sein Entschluss, die Hochzeit abzusagen, wird gebremst aus Angst, er könne dadurch seine Familie auseinander reißen und sie der Schande der pakistanischen Gemeinde aussetzen. Roisin trennt sich von Casim. Als dessen jüngere Schwester Tahara (Shabana Bakhsh) den Mut aufbringt, ihrem Vater (Ahmad Riaz) zu erzählen, dass sie einen Studienplatz in Edinburgh erhalten hat und von zu Hause ausziehen will, gesteht auch Casim, dass er eine andere liebt. Die Hochzeit wird abgesagt. Doch Casims Familie kann nicht akzeptieren, dass ihm die Beziehung zu einer "Goree" (weiße Christin) wichtiger ist als Tradition und Familie.
Kritik
Es ist nicht nur das Spiel mit den Figuren, das Just a Kiss von Ken Loachs früheren Arbeiten unterscheidet. Loach, dessen "Kino der Verzweiflung" seit Jahren das Schild der pessimistischen Sozialtragödie von Kritikerseite umgehängt wurde, vollzieht mit seiner 21. Regiearbeit für das Kino einen Paradigmenwechsel: Weg aus dem ungreifbaren, schweren Politkino, das seine Heimstatt im gesellschaftlichen Bodensatz gefunden hat. Raus aus englischen oder schottischen Industriewüsten, die Loach stets willkommener Anlass für Kritik am seit Thatcher fest verankerten britischen Kampf-Kapitalismus waren. Ein Kino, das – wie etwa in Sweet Sixteen zu sehen – im Abbild des Arbeitermilieus einen realistische Verankerung suchte, dabei aber dabei oftmals einen eingeengten Blickwinkel bewies – abgesehen davon, das es immer einen Hang übertriebenen Dramatik bewies.
Im Vordergrund stehen die Gefühle zweier Menschen aus Kulturkreisen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Daraus sprießt eine (auch dramaturgisch) in aller Schnelligkeit entwickelte Leidenschaft, die vielleicht schon von Vornherein zum Scheitern verurteilt ist, ohne dass Regisseur Loach die Ursache dieses Scheiterns diesmal in soziopolitischen Gegebenheiten vermutet. Just a Kiss bezieht dem entsprechend nur zwischen den Zeilen politisch Stellung: Casims Familie hat es in Glasgow zwar zu einem beachtlichen Lebensstandard gebracht (vom den Loachs Figuren in seinen früheren Filmen nur träumen konnten), gleichzeitig aber religiöse und gesellschaftliche Standesdünkel in die neue Heimat importiert. "Wir sind westlich", sagt Kasim einmal und nennt das patriarchalische Aufbäumen seines Vaters gegen dessen Beziehung zur katholischen Roisin eine Heuchelei, die hier keinen Platz mehr habe. Der biedermeiergleiche Rückzug der pakistanischen Gemeinde, die ihre Traditionen in einem abgeschlossenen Park pflegt, wird bei Loach direkt dem hegemonialen Machtanspruch der katholischen Kirche gegenüber gestellt. Wenn der Regisseur hier seinen Figuren die gleiche, bisweilen teilnahmslose Sympathie entgegen bringt, dann ist es der Gemeindepfarrer (Gerard Kelly) - den Roisin wegen einer Unbedenklichkeitsbescheinigung aufsucht - , der bei Loach als einziger wierklich in der Kritik steht. Der Geistliche als Abbild klerikaler Verschlossenheit und Heuchelei, mit der die katholische Kirche (nicht nur) im heutigen Schottland auch das 21. Jahrhundert zu überwintern versucht, ist die Ausnahme in einer auffallend freundlich betulichen Inszenierung, in der die Leichtigkeit über den politischen Diskurs siegt.
Just a Kiss opfert die Auseinandersetzung mit Komplexität und Problematik einer multikulturellen Gesellschaft einer optimistisch-naiven Weltsicht, die seine beiden Hauptfiguren am liebsten schreiend in die Welt hinaustragen wollen: Islam und Christentum haben in Wahrheit die gleichen Propheten, der Bruch mit der pakistanischen Familie bleibt mehr oder weniger folgenlos, und die Liebe überwindet alle Grenzen! Derartige verstockte Schulbuchweisheiten würde man eher in Hollywood als in Loachs Kino vermuten. Denn für einen Multikulti-Verschnitt à la Kick it like Beckham fehlt es diesem brav inszenierten Film an Leichtigkeit und Witz.
Zitat
Ein Freund zu Casim: "Die Familie ist dein Zuhause."
Offizielle UK und irische Homepage von "Just a Kiss"